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Emotionaler Abschied aus der Bundesliga: Die Tränen des Jupp Heynckes

Öffentliche Gefühlsausbrüche sind nicht gerade das Ding des Bayern-Trainers. In Mönchengladbach, seiner Heimatstadt, erlaubte sich Jupp Heynckes einen bewegenden Auftritt. Er weinte zum Abschied.

Von Thomas Schmoll

Ein Markenzeichen von Jupp Heynckes ist seine Stimme. Ihr Wiedererkennungswert ist erheblich. Sie ist monoton und passt damit zum Wesen der deutschen Trainer-Legende. Heynckes ist hochgradig spröde. Einen glanzvollen Sieg seines Teams kommentiert er genauso unaufgeregt wie eine bittere Niederlage. Öffentliche Gefühlsaussbrüche sind nicht sein Ding. Jedenfalls bei der Arbeit. Da erlaubt sich der Coach selten ein Lächeln oder einen Scherz, erst recht keine Wutausbrüche oder Attacken auf Spiele oder Trainerkollegen. Ein Spielt-wie-Flasche-leer-Ausbruch kommt für Heynckes genauso wenig in Frage wie das lockerflockige Geplauder eines Jürgen Klopp.

Am Samstagnachmittag erlebte Fußball-Deutschland einen anderen Heynckes. An alter Wirkungsstätte in Mönchengladbach und nach dem wahrscheinlich letzten Spiel als Trainer eines Profi-Teams brach es aus ihm heraus. Auf der Pressekonferenz nach dem unterhaltsamen Spiel seiner Bayern gegen Borussia Mönchengladbach, das die Münchner 4 zu 3 gewannen, ließ er seinen Gefühlen freien Lauf.

Ausbruch aus der Sachlichkeit

Wie sonst auch analysierte Heynckes zunächst überaus sachlich und fair das Agieren seiner Mannschaft und das des Gegners. Aber schon als er über die Reaktionen seiner Spieler nach dem Sieg berichtete, "dass sie sich auch gefreut haben, dass sie mir dieses Geschenk gemacht haben", war zu spüren, wie sehr es in ihm brodelte. Schon da musste der Weltmeister von 1974 schlucken. Als er schließlich auf den Abschied von der Trainerbank angesprochen wurde, äußerte sich Heynckes zu seinem Innenleben. "Das ist ein bewegender Moment für mich."

Nie wäre es ihm in den Sinn gekommen, am Abend vor einem Meisterschaftsspiel das Mannschaftshotel zu verlassen, sagte Heynckes. "Aber gestern war das eben was ganz anderes, was besonderes." Diesen Freitagabend genehmigte er sich eine Ausnahme und traf sich mit der Pokalsieger-Mannschaft der Borussen von 1973. Als Heynckes bekannte, "das war ganz toll", gönnte er sich sogar den Anflug eines kurzen Lächelns. "Einige Kollegen von früher hatte ich 40 Jahre nicht gesehen. Das ist überwältigend", berichtete er. "Ich habe mich richtig darüber gefreut."

Dann kam Heynckes auf den freundlichen Empfang im Borussen-Stadion zu sprechen, an dem sich die überwältigende Mehrheit der Gladbach-Fans beteiligte. Jubel von den Anhängern des Kontrahenten erlebt ein Bayern-Trainer äußerst selten, schon gar nicht im gegnerischen Stadion. Kaum, dass Heynckes an die bewegenden Szenen in der Borussen-Arena dachte, rang er mit den Tränen. Der Fußballlehrer bemühte sich um Contenance. "Dass das schon ein bewegender Moment für mich ist, ist doch ganz klar", sagte er, gerade noch Herr über seine Emotionen. "Ich habe hier meine Spielerlaufbahn begonnen, meine Trainerlaufbahn."

"Das zeigt mir, dass das meine Heimat ist"

Heynckes bekannte, dass es "sicher noch emotionaler geworden wäre", wenn das Match auf dem Bökelberg ausgetragen worden wäre. Das Bökelbergstadion war bis zur Saison 2003/2004 die Spielstätte der Borussen. Hier holte der gebürtige Gladbacher zahlreiche nationale und europäische Titel, war Trainer und entdeckte Lothar Matthäus. Mit dem Bökelberg "verbinde ich viele Triumphe, Höhepunkte, auch bittere Niederlagen, Kuriositäten." Und weiter. "Ich möchte mich wirklich sehr herzlich bedanken bei den Borussen-Fans und Zuschauern für den wunderbaren Abschied, weil...“ An dieser Stelle unterbrach der 68-Jährige, fuhr sich mit einer Hand durch das Haar und schaffte es gerade noch einmal, sich zu beherrschen, ehe er mit stockender Stimme sagte: "Ja, das zeigt mir, dass ich ... dass das meine Heimat ist." Beifall brandete auf. Heynckes fuhr sich mit der linken Hand abermals über Stirn und Haar, zupfte sich an der Nase, griff zum Wasserglas und musste sich dann doch Tränen aus den Augenwinkeln wischen. dann sagte er ganz leise ins Mikrofon: "Dankeschön".

Tränen bei Trainern und Spielern sind im knallharten Profi-Geschäft gar nicht so selten. Nach einem gewonnenen Finale vor Glück, nach einem verlorenen Endspiel oder einem Abstieg vor Traurigkeit. Aber dass ein Trainer weint und für ein emotionales Statement von Journalisten Applaus bekommt, ist alles andere als alltäglich. Nachdem der Beifall verklungen war, war noch eine Frage über "Rückschlüsse aus dem Spiel für kommenden Samstag" offen, also zum Champions-League-Finale Bayern gegen Dortmund. Heynckes antwortete so, wie wir ihn seit Jahren kennen: sachlich und nüchtern.

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