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Fußball-Bundesliga Herthas Paukenschlag mit Ansage: Warum die Trennung von Fredi Bobic absehbar war

Fredi Bobic sollte Hertha BSC beflügeln – stattdessen wurde der Geschäftsführer Sport nach nur 20 Monaten wieder entlassen
Fredi Bobic sollte Hertha BSC beflügeln – stattdessen wurde der Geschäftsführer Sport nach nur 20 Monaten wieder entlassen
© Tom Weller / DPA
Die Meldung kam Samstagabend: Nach der Niederlage im Stadtderby gegen Union Berlin trennte sich Hertha BSC von Sport-Geschäftsführer Fredi Bobic. Auch wenn die Nachricht überraschend kam, zeichnete sich die Entscheidung doch ab.

Als der Schlusspfiff im Berliner Olympiastadion ertönte, wusste vielleicht auch Fredi Bobic noch nicht, welche Wendungen der Abend noch nehmen sollte. Nach der 0:2-Niederlage gegen den Stadtrivalen Union Berlin stellte sich Bobic noch hinter Trainer Sandro Schwarz und erneuerte die Jobgarantie, die er dem Trainer schon vor der Partie ausgesprochen hatte. Nur wenige Stunden später war es dann Bobic, der seinen Job los war. "Das Präsidium hat gemeinsam mit dem Aufsichtsrat des Hertha BSC e. V. einstimmig entschieden, seinen Geschäftsführer Sport, Fredi Bobic, mit sofortiger Wirkung von seinen Aufgaben zu entbinden", teilte der Verein um 19.55 Uhr in einem kurzen Pressestatement mit. Mehr will man am Sonntagmittag in einer Pressekonferenz bekanntgeben – möglicher Nachfolger soll nach übereinstimmenden Presseberichten die Clublegende Andreas Neuendorf werden.

Bobic war vor nicht einmal zwei Jahren mit hohen Erwartungen in Berlin aufgeschlagen, wo er einst selbst zwei Jahre für die Hertha auf Torejagd ging. Aus der Fahrstuhl-Mannschaft Eintracht Frankfurt hatte Bobic als Geschäftsführer Sport ein Spitzenteam geformt, das er vom Abstiegskandidaten zum DFB-Pokalsieg und ins Halbfinale der Europa League führte. Dazu haftete ihm der Ruf an, aus unbekannten Spielern Stars zu machen:  Luka Jovic, Filip Kostic, Ante Rebic oder Sébastien Haller wurden in Frankfurt zu Superstars, auf die die europäischen Spitzenclubs Jagd machten. Bei der notorisch kriselnden Hertha sollte Bobic das gleiche Wunder vollbringen. Die Vorzeichen standen gut, der mittlerweile geschasste Investor Lars Windhorst wollte viel Geld in den Verein investieren, die Hertha zum "Big City Club" umwandeln.

Doch der Verein scheiterte grandios, was auch mit vielen Entscheidungen Bobic' zusammenhing. So wurde Fan-Liebling und Vereinsikone Pal Dardai bereits nach wenigen Monaten entlassen, Bobic installierte Tayfun Korkut als neuen Trainer, der aber auch keinen Umschwung einleiten konnte. Zwei Siege gelangen Korkut in 14 Partien, einen schlechteren Punkteschnitt als Korkut hatte in den vergangenen 25 Jahren nur Michael Skibbe, der aber bereits nach vier Spielen und null Zählern gehen musste. Bobic musste sich vorwerfen lassen, zu lange an dem Trainer festgehalten zu haben, ehe er ihn nach neun sieglosen Partien im März 2022 entließ.

Felix Magath rettete den Verein in die Relegation und den Klassenerhalt in den Partien gegen den HSV. Und auch Sandro Schwarz, die Wunschlösung von Bobic auf dem Trainerposten, schaffte es nicht, dem Team neuen Wind einzuhauchen, holte nur 14 Punkte aus 18 Partien. Wie es mit Schwarz unter einem neuen Vorstand weitergeht, bleibt abzuwarten, immerhin hat der Übungsleiter die Unterstützung seiner Spieler. "Es ist kein Geheimnis, dass er top zu uns passt. Ihm fehlen die Punkte genauso wie uns", sagte Kapitän Marco Richter am Samstag nach der Pleite gegen Union Berlin. "Der gemeinsame Weg geht hoffentlich weiter."

Fredi Bobic griff bei den Neuzugängen daneben

Bobic muss sich aber auch vorwerfen lassen, bei der qualitativen Besetzung des Kaders verheerende Entscheidungen getroffen zu haben, eine Entwicklung des Kaders war in den knapp zwei Jahren kaum zu erkennen. Mit Matheus Cunha ließ Bobic den vielleicht gefährlichsten und talentiertesten Angreifer gen Spanien ziehen und praktisch jeder Neuzugang floppte: Talent Jurgen Ekkelenkamp, Dong-jun Lae, Ishaik Belfodil oder Fredrik Björlan wurden alle unter Bobic verpflichtet – und nach einer Saison schon wieder abgegeben. Sturmhoffnung Wilfried Kanga entpuppte sich bislang auch als Flop, erzielte nur zwei Tore in 17 Einsätzen, andere Hoffnungsträger wie Myziane Maolida oder Stefan Jovetic glänzen vor allem mit einer prall gefüllten Verletzungsakte und erfüllten auf dem Platz bislang nie die Erwartungen.

Bobic trägt zwar die Hauptverantwortung bei den Neuverpflichtungen, jedoch nicht für die finanzielle Situation, die den Geschäftsführer Sport erheblich in seiner Arbeit einschränkte. Statt auf einem Haufen Geld zu sitzen, herrschte für Bobic in Berlin der Sparzwang. Alleine in den vergangen drei Spielzeiten machte der Verein ein Minus von 210 Millionen Euro, in diesem Herbst ist noch die Rückzahlung einer Anleihe von 40 Millionen Euro fällig. Die vergangene, noch von Corona geprägte, Saison machte die Hertha 78 Millionen Euro Verlust – trauriger Spitzenwert in der Bundesliga. In der aktuellen Bilanz weist die Hertha laut einem "rbb"-Bericht 80,8 Millionen Euro Schulden aus – bei einem Eigenkapital von 29,5 Millionen Euro. Die Hoffnungen in Berlin liegen derzeit auf dem amerikanischen Investor 777 Partners, der die Anteile von Lars Windhorst übernehmen will und neues Geld in die Kassen spülen könnte.

Als vielleicht entscheidendes Kriterium könnte aber die Neubesetzung des Präsidenten im vergangenen Jahr gelten. Bobic' Favorit Frank Steffel hatte bei den Mitgliedern das Nachsehen, die stattdessen Kay Bernstein ins Amt wählten. Der Unternehmer und ehemalige Ultra, der als Gründer der Ultra-Gruppierung Herlekins Berlin auch mehrfach mit Stadionverboten belegt wurde, geriet zuletzt im Dezember mit seinem Geschäftsführer Sport aneinander. Nachdem bekannt wurde, dass Fredi Bobic als möglicher Nachfolger für Oliver Bierhoff beim DFB galt, kommentierte Bernstein die Berichte beim "Kicker" mit einem lapidaren "Reisende soll man nicht aufhalten" – das Tischtuch zwischen beiden schien bereits zu diesem Zeitpunkt zerschnitten, denn ein Kampf um den Erhalt des sportlichen Chefs sieht sicherlich anders aus. Bobic selbst hatte zu dem Zeitpunkt immer wieder betont, wie gerne er in der Hauptstadt ist. "Ich denke nur an Hertha BSC, ich lebe im Hier und Jetzt. Die Jungs, das Trainerteam – die sind mir schon ans Herz gewachsen", hieß es von Bobic zu diesem Zeitpunkt. 

Nun folgt also vielleicht Andreas Neuendorf auf Bobic und es ist ein weiterer schwerer Schlag ins Gesicht des Managers zum Abschied. Neuendorf war einst Co-Trainer bei der Hertha – bis er im November 2021 von Bobic entlassen wurde. Dass man den Schuldigen für die Misere in Berlin im Management und nicht auf der Trainerbank ausmacht, lässt tief blicken in die Unzufriedenheit des Präsidiums. Doch auch Bobic' Wunschlösung Schwarz muss nun um den Job bangen, denn wenn nicht schnell die Kehrtwende gelingt, wird auch dieser Teil der Agenda Bobic' schnell der Berliner Historie angehören.

Quellen: Kicker, dpa, transfermarkt.de, Sportschau

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