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P. Köster: Kabinenpredigt Die "Taskforce Fußball" hat geliefert, jetzt sind die Klubs gefordert

Im Frühsommer 2020 hat die erste Corona-Welle den Profifußball in eine schwere Sinnkrise gestürzt
Im Frühsommer 2020 hat die erste Corona-Welle den Profifußball in eine schwere Sinnkrise gestürzt
© Norbert Schmidt / Picture Alliance
Die "Taskforce Zukunft Profifußball" fordert mehr Nachhaltigkeit, Gespräche mit den Fans und eine Deckelung der Gehälter. Das ist nur ein Anfang. Sagt Taskforce-Mitglied und stern-Stimme Philipp Köster.

"Jetzt gilt es, Männer!" Christian Seiferts markige Worte hallten durchs altehrwürdige Auditorium der DFL. Und auch die Frauen unter den 37 handverlesenen Experten, die seit Monaten auf diesen Einsatz hin trainiert worden waren, nahmen militärische Haltung an. Erwartungsvolle Stille senkte sich über der Versammlung, als der DFL-Boss die Reihen abschritt und viele Gesichter vor Stolz glühten, als nun einem nach dem anderen seine Ernennungsurkunde überreicht wurde. Ihre Mission: den deutschen Fußball retten.

Soweit die Fiktion. In der Realität lief die erste Sitzung der "Taskforce Zukunft Profifußball" doch ein bisschen anders ab, als sich manch einer das Gremium angesichts des gravitätischen Titels vorgestellt haben mag. Getagt wurde zunächst in einem schmucklosen Frankfurter Konferenzraum, später per Videokonferenz, außerdem trugen die Experten aus unterschiedlichsten gesellschaftlichen Bereichen zivil und überhaupt wurde nur einmal, nämlich zum Abschluss, in voller Besetzung getagt. Ansonsten traf sich die Taskforce dreimal in drei Untergruppen, um babylonisches Stimmengewirr zu verhindern und sich einigermaßen zügig durch die Themenfelder zu pflügen. Besetzt war die Kommission höchst heterogen, SPD-Mann Martin Schulz sprach aus dem beigen Ambiente eines Sitzungssaals, Cem Özdemir hatte daheim oft einen VfB-Wimpel im Hintergrund platziert und Fredi Bobic meldete sich aus seinem Büro in der Eintracht-Geschäftsstelle.

Ein ehrgeiziger Zehn-Jahres-Plan

Bei alldem heraus gekommen ist dennoch ein ehrgeiziger Zehn-Jahres-Plan. Bis zum Jahr 2030 will die Bundesliga nicht sportlich erfolgreich und beliebt bei den Anhängern sein, sondern zwei neue Säulen in ihr Selbstverständnis aufgenommen haben, die Ökologie und sozial-gesellschaftliche Aspekte beinhalten. Das bedeutet konkret: Umfassende Nachhaltigkeit soll ab sofort Grundlage aller Geschäftstätigkeiten sein und nicht mehr in Abteilungen ausgelagert werden. Die Bundesliga will als Vorbild für ein inklusive Gesellschaft wirken, für Geschlechtergerechtigkeit sorgen und den Frauenfußball deutlich entschiedener als bisher fördern. Die Taskforce empfiehlt ein klares Bekenntnis zu 50+1, aber auch einen klaren und verlässlichen Weg für Investitionen bis zu dieser Grenze. Sie will die Beraterhonorare eingrenzen und sich auf europäischer Ebene für die Deckelung von Spielergehältern engagieren. Die Klubs sollen transparent wirtschaften und auf riskante Konstruktionen verzichten. Und last but not least sollen Klubs und Fans in einer neuen DFL-Kommision auf Augenhöhe diskutieren können.

Das ist viel. Und natürlich auch wenig. Nämlich für all jene, die auf radikale Beschlüsse, auf ein noch deutlicheres Bekenntnis zur 50+1-Regelung, auf die sofortige Deckelung der bisweilen absurd anmutenden Spielergehälter gehofft hatten. Und trotzdem war die Arbeit des Gremiums ein großer Erfolg, zumindest aus der subjektiven Sicht eines Teilnehmers wie mir.

Der Arbeitsauftrag der "Taskforce" hatte es nämlich in sich gehabt. Im Frühsommer 2020 hatte die erste Corona-Welle den Profifußball in eine schwere Sinnkrise gestürzt. Erschrocken hatten viele Funktionäre auf die Deformationen des Fußballgeschäfts geblickt, auf grotesk überhöhte Gehälter, auf das zerrüttete Verhältnis zu den Fans in den Kurven und auf abenteuerliche Konstruktionen zur Sicherung der Klubfinanzen. Während sich Klubchefs wie Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge und Aki Watzke eifrig bemühten, die Verwerfungen als konjunkturelle Delle kleinzureden, hatte DFL-Vorstandschef Christian Seifert schnell und mit klarer Sicht auf die Dinge begriffen, dass in der tiefen Krise auch eine echte Chance lag, nämlich der Gesellschaft ein neues, erfreulicheres Bild des Profifußballs zu vermitteln. Die hatte die Bundesliga nämlich zuletzt holzschnittartig als durchgeknallten Entertainmentzirkus wahrgenommen, dessen Protagonisten an trainingsfreien Tagen im Privatflieger nach Dubai jetten, um sich dort vergoldete Steaks servieren zu lassen. Der Profifußball – eine entrückte Parallelgesellschaft?

Der Dialog bietet ein moralische Gerüst

Es musste also etwas geschehen, damit die Bundesliga als das begriffen wird, was sie auch und vielleicht vor allem ist: gesellschaftlicher Akteur ersten Ranges, Arbeitgeber für Hunderttausende, Initiator unzähliger sozialer Projekte, und zweite Heimat für Millionen Anhänger. Dazu bedurfte es allerdings eines glaubwürdigen und transparenten Prozesses, in dem die Liga ihre Ziele und Werte ernsthaft auf den Prüfstand stellt, im Dialog mit all den gesellschaftlichen Gruppen, die mit dem Profifußball verflochten sind, Sponsoren und Politiker ebenso wie Fans und Medien.

Dass dieser Dialog durch die "Taskforce Zukunft Profifußball" einen Anfang genommen hat, ist nicht hoch genug zu bewerten. Und mindestens ebenso positiv ist, dass sich das Gremium nicht wegen auseinanderstrebender Partikularinteressen schon nach der ersten Sitzung zerstritten hat, sondern nach einer Basis gesucht hat, auf der weitergesprochen werden kann. Diese Basis ist "keine Revolution", wie bereits festgestellt wurde, aber sie ist eine Art moralisches Geländer, an dem entlang die Liga nun handeln muss.

Denn natürlich sind die Beschlüsse nicht das Papier wert, auf dem sie geschrieben wurden, wenn die Klubs nun wieder auf Zeit spielen oder hoffen, dass die Forderungen aus der Gesellschaft wie ein unangenehm riechender Wind vorbeiziehen. Und dabei wird es eben nicht nur auf die Taskforce-Teilnehmer wie Frankfurts Fredi Bobic und Max Eberl aus Mönchengladbach ankommen, sondern auch auf die Großkopferten, die Watzkes und Rummenigges. Begreifen sie die Chance, die ihnen diese Empfehlungen bieten, dann könne sich die neue Ausrichtung der Liga als echter Standortvorteil gegenüber den anderen großen europäischen Ligen erweisen, die sich genau diesem Dialog bisher konsequent verweigern.

Um noch einmal die Taskforce-Fiktion vom Anfang aufzugreifen: Jetzt gilt es. 

tis

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