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Torwartfrage bei Bayern München: Van Gaal spielt Holländisch-Roulette

Drei Tage vor Beginn der Bundesliga-Rückrunde steht bei den Bayern fest: Thomas Kraft steht im Tor, Jörg Butt sitzt auf der Bank. Zocker Louis van Gaal hat sich also durchgesetzt - und die Bosse ballen die Fäuste in den Taschen. Diese Kraftprobe könnte den Trainer seinen Job kosten.

Von Patrick Strasser, München

Der Mann geht seinen Weg, stur, unbeirrt. Dabei sah der ältere Herr im grauen Business-Anzug etwas verloren aus, als er am Montagabend an der Säbener Straße, Eingang Geschäftsstelle des FC Bayern stand. Truus van Gaal hatte ihren Mann Louis abgesetzt, der hatte einen Aktenkoffer in der Hand und die revolutionären Pläne im Kopf.

Es stand das wohl schwierigste Gespräch seiner nun eineinhalbjährigen Amtszeit als Bayern-Trainer an. Denn Karl-Heinz Rummenigge, der Vorstandsboss, Christian Nerlinger, der Sportdirektor, und Präsident Uli Hoeneß wollten retten, was zu retten ist. Sie wollen den Trainer abbringen von seinem kühnen Plan, eine der wichtigsten Stellschrauben im System der Mannschaft neu anzuziehen. Nicht irgendeine, die man mal eben austauschen kann. Die Position des Torwarts. Van Gaal nimmt Jörg Butt (36), den unumstrittenen und unbescholtenen Stammtorwart der letzten eineinhalb Jahre, aus dem Tor und installiert Thomas Kraft (22), den Jungspund. Und das, obwohl im Sommer Schalkes Nationaltorwart Manuel Neuer (24) für eine zweistellige Millionenablösesumme aus seinem Vertrag herausgekauft werden soll. Der Trainer handele "gegen vereinspolitische Interessen" war vergangene Woche im Wintertrainingslager der Bayern in Doha zu vernehmen. Denn geplant war: Butt spielt sein letztes halbes Jahr der Karriere, bekommt einen ehrenvollen Abschied und den Job als Jugendleiter, Neuer wird der neue Kahn. Auf Jahre. Sie hatten die Rechnung ohne den Coach gemacht.

Von 16 bis 17 Uhr tagten die Alphatiere. Am Ende hieß es: Rien ne va plus. Nichts geht mehr. Kraft spielt, Butt sitzt. Van Gaal zockt, die Bosse sitzen auf Kohlen. Der Holländer spielt ein gefährliches Spiel, man könnte sagen: Holländisch-Roulette. Nach außen versucht man beim FC Bayern jetzt auf Deeskalation zu machen. "Die Aufstellung ist exklusiv der Kompetenzbereich des Trainers. So steht es seit dem Bundesliga-Aufstieg 1965 mit Tschik Cajkovski in jedem Trainer-Vertrag", sagt Vorstandschef Rummenigge. Wenn das mal gut geht. Schmale Lippen, Faust in der Tasche - und am besten noch einen Schnaps obendrauf. Nicht, dass man Kraft, dem Talent, es nicht zutraut. Und doch fürchten die Bosse einen zweiten Fall Rensing. Der war jahrelang als Kahns Nachfolger aufgebaut worden, hielt bravourös, als er Teilzeit-Stellvertreter war, und schrecklich, als er ab Sommer 2008 die neue Nummer eins war. Ein gewisser Jürgen Klinsmann, der Trainerpraktikant, wollte schon im Herbst 2008 Rensing aus dem Tor nehmen. Nicht Butt wollte er bringen, nein: Thomas Kraft, den dritten Torhüter, seit 2006 für die zweite Mannschaft im Einsatz. Es war der damalige Manager Uli Hoeneß, der Klinsmanns tollkühnen Plan verhinderte.

Klinsmann, Magath, und nun van Gaal - jeder trug zu Krafts Karriere bei

Nun führt van Gaal Klinsmanns Plan aus. Von tollkühn zu kühn. Schließlich hat Kraft wenigstens drei Pflichtspiele bestritten. Das 2:0 im Supercup-Finale gegen Schalke im August und im Herbst zwei eher bedeutungsarme Europacup-Spiele in Rom (2:3) und gegen Basel (3:0) - die Lobeshymnen von Trainer, Mitspielern, Verein und Presse waren groß. Ein Bundesliga-Spiel fehlt Kraft noch, der Einsatz in Wolfsburg beim VfL am Samstag wird sein erster werden.

Er war 16, als er im Sommer 2004 seine Heimat Kirchen im Westerwald und seinen damaligen Verein, die SG 06 Betzdorf, verließ. Er schloss sich der B-Jugend der Bayern an, ins Jugendhaus an der Säbener Straße wollte er nicht ziehen wie all die anderen, die von einer Profikarriere träumen. Er nahm sich eine eigene Wohnung. Ein Torhüter, der seine Räume früh selbst verantwortete. Felix Magath, noch einem im Groll geschassten Ex-Trainer, haben sie es zu verantworten, dass sich der Teenager so prächtig entwickelte. Magath holte ihn 2006 ins Profi-Training, Kraft beeindruckte. Sowohl Kahn als auch Sepp Maier. "Von seinen Bewegungen erinnerte er mich immer an den Sepp", sagte Kahn dieser Tage, "auch Kraft hat dieses geschmeidige, dieses katzenhafte". Maier nannte man die Katze von Anzing, er wurde Deutschlands erfolgreichster Torhüter aller Zeiten.

Klinsmann, Magath, und nun van Gaal. Jeder trug zu Krafts Karriere bei. Der Holländer, der sich als Ausbilder versteht, der lieber Diamanten schleift als sich vom Verein Überweisungsträger für neue, fertige Stars ausstellen zu lassen, will Kraft nun veredeln.

Was ist, wenn Kraft bärenstark hält?

Doch die überraschende Rochade birgt viele Risiken. Was ist, wenn Kraft wie damals Rensing dem Druck nicht standhält, wenn er patzt und Spiele wie Titel durch seine Hände gleiten? Muss van Gaal seine Entscheidung dann revidieren, wäre es für den Trainer ein Gesichtsverlust und für das Talent das Ende seiner Karriere beim FC Bayern, der Vertrag läuft ohnehin Ende Juni aus.

Und was ist, wenn Kraft anders als Rensing bärenstark hält? Als Keeper der zweiten Mannschaft ist er ohnehin Liebling der Südkurvenfans, die sich schon für ihn stark machten. Mit Sprechchören und Transparenten. Die Ankunft des Schalkers Neuer, der einmal im königsblauen Trikot den Eckfahnen-Jubel von Legende Kahn in der Allianz Arena imitierte und damit verhöhnte, wird mit Skepsis bis Ablehnung kommentiert. "Neuer raus!", "Wir brauchen koan NEUER Torwart, wir ham scho KRAFT", hieß es auf Plakaten. Spielt sich Kraft fest, wird der Transfer zur Gratwanderung für die Bosse. Und wenn van Gaal Pech hat, sich den Granden des Vereins fügen muss, hat er Kraft dann für einen anderen Verein ausgebildet. Hinter Neuer würde er sich nicht auf die Bank setzen, das hat er schon verlauten lassen.

Ein gefährliches Spiel. Wie sagte Karl-Heinz Rummenigge? "Louis, du musst eins wissen: Beim FC Bayern reicht es, alle zu Spiele zu gewinnen. Dann läuft der Rest von alleine." Nicht mal das hat noch Bestand. Van Gaal hat demonstriert: Ich bin der Trainer, ich mache, was ich will. Diese Kraftprobe könnte ihn bei Misslingen den Job kosten.

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