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Bayern-Gegner Olympique Lyon Von wegen Massaker! Lyon ist die große Überraschung der Königsklasse

Stützen der Lyoner: Memphis Depay (l.), Rayan Cherki und Houssem Aouar (r.)
Stützen der Lyoner: Memphis Depay (l.), Rayan Cherki und Houssem Aouar (r.)
Nach einem 0:3 der Bayern in Lyon hielt Franz Beckenbauer einst eine legendäre Wutrede, aber meistens hatte Olympique gegen die Münchner das Nachsehen. Auch jetzt sind die Franzosen in der Außenseiterrolle.

Die Bankett-Rede von Franz Beckenbauer ist legendär. Aus ihr wird heute noch zitiert, vor allem der Begriff "Uwe-Seeler-Traditionsmannschaft" hat sich ins kollektive Gedächtnis des deutschen Fußballs eingebrannt. Vor knapp 19 Jahren war das. Lustlose Bayern hatten zwei Monate vor ihrem Triumph in der Königsklasse eine peinliche 0:3-Niederlage bei Olympique Lyon kassiert und Präsident Beckenbauer war stinksauer. In der Gegenwart ist die Situation eine andere. Die Bayern spielen zwar wieder gegen den französischen Club, aber diesmal handelt es sich um das Champions-League-Halbfinale, und nicht um ein Spiel in der Zwischenrunde (das gab es damals). An Motivation, das Duell unbedingt zu gewinnen, wird es dem deutschen Rekordmeister diesmal nicht mangeln, so viel ist sicher. Und sie sind, vor allem nach dem 8:2 gegen den FC Barcelona, der große Favorit.

Für die Franzosen hingegen ist das Erreichen des Halbfinales allein schon ein gewaltiger Erfolg. Eigentlich hätte sich Lyon das Finalturnier in Lissabon  in diesen miesen Corona-Zeiten sowieso sparen können. Das war jedenfalls die Meinung des allmächtigen Clubchefs Jean-Michel Aulas. Sein Team und auch das von Meister Paris Saint-Germain würden "massakriert". Das sei unvermeidlich, hatte Aulas prophezeit, nachdem die Saison in der französischen Ligue 1 wegen der Coronavirus-Pandemie abgebrochen worden war.

Plötzlich gehört Olympique Lyon zu den vier besten Teams Europas

Doch das Massaker ist ausgeblieben. Stattdessen gehört Lyon plötzlich zu den besten vier Teams Europas und ist die große Überraschung dieser Tage. Gleich zwei Schwergewichte räumten die Lyonnais aus dem Weg ins Halbfinale aus dem Weg: erst Superstar Ronaldo und Juventus Turin im Achtelfinale, dann Pep Guardiola mit dem Luxuskader von Manchester City.

Und nun die Bayern? Trainer Rudi Garcia hat große Lust auf eine weitere Sensation an diesem Mittwoch (ab 21 Uhr im stern.de-Ticker, im TV bei Sky und DAZN). "Der Appetit kommt mit dem Essen. Unser Selbstvertrauen ist gewachsen", sagt der Coach, bleibt aber bescheiden: "Wir sind die Außenseiter gegen die Bayern. Jetzt ist ein weiteres Kunststück nötig."

So richtig erklären können sie sich in Lyon den plötzlichen Höhenflug selbst nicht. Als die Saison abgebrochen wurde, lag OL auf dem siebten Platz nach einem "schrecklichen Jahr", wie Aulas einräumte. Damit schien besiegelt, dass der einstige Serienmeister erstmals seit 1996 international nicht vertreten ist.

Coach Garcia hatte von Beginn an einen schweren Stand

Aulas kämpfte gegen den Saisonabbruch an, bemühte die Gerichte, brachte verrückte Ideen zur Fortsetzung der Spielzeit hervor - und erntete neben juristischen Pleiten viel Kopfschütteln in einem Land, das zu dieser Zeit andere Probleme hatte als eine Meisterschaft, die sportlich eh schon entschieden war.

"Die Spieler haben auf diese Ungerechtigkeit reagiert", sagt Aulas und beschwört den Zusammenhalt. Leidenschaftlich haben sie gegen Juve und Man City verteidigt. Dazu verfügt das Team über den ein oder anderen Schlüsselspieler wie Holland-Star Memphis Depay, der nach einem Kreuzbandriss wieder zu alter Form gefunden hat, oder Flügelmann Maxwel Cornet. Im Mittelfeld ist Aouar Houssem die Schaltzentrale, ein hochtalentierter 22-Jähriger, der in Lyon geboren wurde und hier zum Profi-Fußballer gereift ist. Auch die taktischen Entscheidungen von Garcia griffen. So brachte gegen Manchester die Einwechslung von Moussa Dembelé mit zwei Toren den Sieg.

Sehen Sie hier auf FC Bayern TV die legendäre Rede des Kaisers in voller Länge (ein wenig nach unten scrollen).

Coach Garcia hatte von Beginn an einen schweren Stand in Lyon. Schon bei seinem Amtsantritt im Oktober 2019 war er von den eigenen Fans angefeindet worden. Schließlich hatte Garcia zuvor den großen Rivalen Olympique Marseille trainiert - und das mit mäßigem Erfolg. Seine Bilanz in Lyon bis zum Saisonabbruch (9 Siege in 18 Ligaspielen) trug auch nicht gerade zur Beruhigung des eigenen Anhangs bei. "Er macht zuerst seine Arbeit und ist kein Kommunikator, der die Anerkennung sucht. Ich fühle mich bestätigt in meiner Entscheidung und freue mich für ihn", sagt Aulas.

Und so kommt der 71 Jahre alte Präsident, der bereits seit 1987 an der Spitze des Vereins steht, in den seltenen Genuss eines Halbfinals in der Königsklasse. Das gelang bisher nur 2010, als die Bayern unter Louis van Gaal Endstation waren. Die Münchner sind aber leider ohnehin nicht gerade der Lieblingsgegner der Südfranzosen, in acht Spielen gab es nur zwei Siege. Und auch diesmal wird es trotz der überraschenden Erfolge verdammt schwer, wahrscheinlich zu schwer.

tis /Stefan Tabeling

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