HOME
Meinung

Champions League: Trotz Sieg gegen Chelsea: Warum Bayern sich erst noch beweisen muss

Nach dem souveränen 3:0-Sieg des FC Bayern München gegen den FC Chelsea ist die Euphorie groß. Der deutsche Rekordmeister habe ein Statement an die europäische Konkurrenz gesendet, behaupten viele. Unser Autor findet dagegen, dass das Team von Trainer Hansi Flick sich erst noch beweisen muss.

Champions League: Bayern-Spieler Robert Lewandowski, David Alaba und Alphonso Davies jubeln über das Tor zum 3:0

Bayern-Spieler Robert Lewandowski (l.), David Alaba und Alphonso Davies jubeln über das Tor zum 3:0 im Achtelfinal-Hinspiel der Champions League gegen den FC Chelsea

Picture Alliance

Als die letzten Minuten im Spiel des FC Chelsea gegen den FC Bayern München anbrechen, gerät Sky-Kommentator Kai Dittmann ins Schwärmen. Es sei ein überragender Champions-League-Auftritt der Bayern, lobte er die Leistung des deutschen Rekordmeisters im Hinspiel des Achtelfinals an der Londoner Stamford Bridge. Die Münchner führen zu diesem Zeitpunkt mit 3:0. Kurze Zeit später der Abpfiff.

Bayern gewinnt das Spiel gegen den englischen Vertreter deutlich und steht mit einem Bein im Viertelfinale der Königsklasse. Und natürlich überschlagen sich daraufhin die Meldungen über die vermeintliche "Glanzleistung" der Bayern. "Der erste Teil der Revanche für das Drama im 'Finale dahoam' 2012 ist grandios geglückt!", titelte die "Bild". Der "Spiegel" sprach von einem "Statement an die europäische Konkurrenz". Die "SZ" schrieb "Ein Sturmduo für große Aufgaben" und meinte damit die beiden Siegtorschützen Robert Lewandowski und Serge Gnabry.

Aufsichtsratsvorsitzender Karl-Heinz Rummenigge stellte auf dem Bankett nach dem Spiel sogar eine mögliche Weiterbeschäftigung von Interimstrainer Flick in Aussicht, als er ihm nachträglich ein Geburtstagsgeschenk überreichte: "Unser Trainer wurde 55 Jahre. Das ist ein gutes Alter. Für die, die nicht wissen, was da drin ist in dem roten Päckchen: Das ist ein Stift. Und mit Stiften unterschreibt man beim FC Bayern ja manchmal auch Papiere", sagte Rummenigge.

Wie gut ist der FC Bayern München wirklich?

Nach den unruhigen Monaten der Hinrunde mit der andauernden Diskussion um Trainer Niko Kovač, Uli Hoeneß' Rückzug als Präsident und dem Ärger um gestandene Profis wie Thomas Müller und Jérôme Boateng scheint die Welt des FCB nun wieder in Ordnung zu sein. Es läuft aktuell. Man führt die Bundesliga an, ist in allen Wettbewerben vertreten, Müller und Boateng spielen wieder regelmäßig von Anfang an, das Team harmoniert, spielt ansehnlichen Fußball und Robert Lewandowski trifft und trifft und trifft.

Die Euphorie unter Fans, Medien, Spielern und Verantwortlichen kennt inzwischen kein Halten mehr. Einige ziehen bereits erste Vergleiche zu den erfolgreichen Zeiten unter Jupp Heynckes und Ottmar Hitzfeld. Doch sind die Bayern wirklich so gut? Ist Hans-Dieter Flick "der Retter"? Kann er die Mannschaft um Kapitän Manuel Neuer zum Titel in der Champions League führen – oder gar zum erneuten Triple?

Das sind die Fragen, die derzeit in den Köpfen der Fans herumgeistern. Dabei täte es allen Beteiligten gut, das Ganze etwas nüchterner zu betrachten. Denn noch hat der FC Bayern gar nichts erreicht. Die Meisterschaft ist so offen wie lange nicht. Mit Leverkusen, Gladbach, Dortmund und Leipzig haben noch viele Teams Chancen auf den Titelgewinn in der Bundesliga. Im DFB-Pokal steht ein schwieriges Auswärtsspiel beim FC Schalke 04 an. Und in der Königsklasse bestehen lediglich Chancen auf den Einzug ins Viertelfinale.

Bislang fehlt ein "Stresstest"

Bislang fehlte den Bayern aber ein richtiger Stresstest. Noch konnte der FCB nicht unter Beweis stellen, dass er auch gegen größere Mannschaften bestehen kann. Denn der FC Chelsea ist zwar gut, aber kein Top-Team. Die Blues sind zwar Vierter der Premier League, aber das hört sich besser an, als es ist. Die Mannschaft von Trainer Frank Lampard steckt mitten im Umbruch, ist geplagt von Transfersperren und ihrem Besitzer Roman Abramowitsch, der nicht mehr das große Geld in seinen Verein steckt – und sogar laut Medienberichten über einen Verkauf nachdenkt.

Alphonso Davies parodiert die Backstreet Boys.

Dieser 3:0-Sieg war mehr Pflicht als Kür – auch in dieser Höhe. Erst in den kommenden Wochen wird sich zeigen, wie gut das Team von Hansi Flick tatsächlich ist. Die richtigen Aufgaben kommen erst noch. Momentan lässt der Rekordmeister nur erkennen, dass er sich unter Flick im Vergleich zu Kovač etwas verbessert hat. Wer aber den Auftritt gegen Paderborn, den Bayern knapp mit 3:2 gewann, gesehen hat, dem sollte klar sein: Dieses Team ist noch weit davon entfernt, von irgendeinem Titel zu träumen.

Wissenscommunity