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Champions League: Bayern sehen sich auf Europas Thron

Der auf Jürgen Klinsmann lastende Erfolgsdruck ist groß: Vor dem Spiel (ab 20.45 Uhr im Liveticker von stern.de) in Lyon melden sich die Münchner selbstbewusst in der Champions League zurück - erst mal aber nur mit Worten.

Von Sebastian Krass, München

Es fing harmlos an. "Liebe Freunde, ich darf Sie herzlich begrüßen", sprach der Präsident, "und Ihnen einen schönen Abend wünschen." Ihm lauschten der Tross des FC Bayern, also Sponsorenvertreter, andere wichtige Personen und Journalisten. Doch Franz Beckenbauer kam schnell auf den Punkt. "Das war eine Blamage", sagte er über das vorangegangene 0:3 in der Champions League bei Olympique Lyon, "das ist Uwe-Seeler-Traditionsmannschaft, Altherrenfußball." Knapp fünf Minuten dauerte Beckenbauers Tirade - danach war die Laune im Bankettsaal endgültig im Eimer.

Dieser Tage erinnert man sich in München gern an diese Rede aus dem Jahr 2001, aus mehreren Gründen. Am Mittwoch (20.45 Uhr, Premiere, Sat 1) nämlich treten die Bayern wieder zu einem Champions-League-Spiel in Lyon an. Beckenbauers Wutausbruch gehört mittlerweile zum Anekdotenschatz der Vereinshistorie. Im Nachhinein verklärte mancher diese Rede gar zu einem Weckruf für den Rest der Saison. Ein paar Wochen später gewann der FC Bayern die Champions League.

Rummenigge: Mannschaft muss nicht verstärkt werden

Daran denkt zurzeit auch Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge. "Wir müssen diese Mannschaft nicht mehr groß verstärken. Was sich im Moment entwickelt, erinnert mich ein bisschen an 2001", sagte er der Tageszeitung "tz". "Damals hatten wir auch nicht die beste Mannschaft, aber eine, die sich entwickelt hat. Die Mannschaft war topfit, eine unglaublich gute Gemeinschaft - genau das ist im Moment auch der Fall. Wenn die einzelnen Spieler noch etwas nach vorne gebracht werden, dann haben wir nicht nur in der Bundesliga, sondern auch in der Champions League gute Karten."

Bisher waren die Verantwortlichen des FC Bayern darauf bedacht, den neuen Trainer Jürgen Klinsmann bloß nicht mit Ansprüchen zu überfrachten. Meisterschaft und Pokal sollen natürlich schon her, Ehrensache. Beim Thema Champions League aber blieben sie vorsichtig. Zu groß schien der Abstand zu den Spitzenteams aus England, Spanien und Italien.

Hochgefühl bei den Bayern

Doch es hat sich bei den Bayern ein neues Hochgefühl breitgemacht. Seit dem 27. September (0:1 in Hannover) haben sie kein Spiel mehr verloren. In der Bundesliga sind sie punktgleich mit dem Ersten, die Vorrundengruppe in der Champions League flutschte bisher wie von selbst. Nach drei Siegen und zwei Unentschieden ist das Weiterkommen sicher. Nun wollen sie den Gruppensieg. Der würde für das Achtelfinale "einen großen Vorteil bedeuten: zuerst ein Auswärtsspiel gegen einen Gruppenzweiten", so Rummenigge. Dafür müssen die Bayern in Lyon gewinnen oder ein Unentschieden mit mindestens einem Tor erreichen. Ihnen werden allerdings zwei Stammspieler fehlen. Lucio (krank) und Zé Roberto (verletzt) reisten ebenso wenig nach Lyon wie die Reservisten Lukas Podolski und Christian Lell. Doch auch der Gegner hat Personalprobleme: Abwehrspieler Cris und Freistoßkünstler Juninho fehlen gelbgesperrt.

Rummenigge steht nicht allein mit seinen Großmachtträumen. Oliver Kahn und vor allem auch Beckenbauer haben zuletzt kundgetan, dass sie den Klinsmann-Bayern schon in dieser Saison den ganz großen Wurf zutrauen. "Die Mannschaft ist stark genug, um die Champions League zu gewinnen", sagte Beckenbauer. "Wer hat denn so ein magisches Dreieck wie Lahm, Zé Roberto und Ribéry auf der linken Seite? Da können Sie weltweit suchen und werden nichts finden." Die Eklatgefahr auf dem Bankett nach dem Spiel ist diesmal klein. Wahrscheinlich könnten die Bayern sich sogar Altherrenfußball leisten.

FTD

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