Champions League Inter-Fans sägen am eigenen Stuhl


Inter Mailand und den gesamten italienischen Fußball wird die skandalöse Fan-Randale beim abgebrochenen Euroderby gegen den AC Mailand noch teuer zu stehen kommen. Inter muss beim Urteil der Uefa mit drakonischer Härte rechnen.

Dass Milan nach dem 2:0-Hinspielsieg und dem beim Stand von 1:0 in der 75. Minute abgebrochenen Rückspiel das Halbfinale der Champions League erreicht hat, gilt schon vor dem Urteil der Uefa am kommenden Freitag als sicher. Inter dagegen muss eine Stadionsperre von bis zu einem Jahr fürchten.

Provozierter Untergang

Sportlich geschlagen, provozierten einige frustrierte Inter-Fans unter den 83.000 Zuschauern in San Siro und vor Millionen Fernsehzuschauern in 76 Ländern weltweit am Dienstagabend den dramatischen Untergang ihres Vereins. "Eine grenzenlose Schande", titelte die "La Gazzetta dello Sport", die jetzt Italiens Chancen für die Ausrichtung der Europameisterschaft 2012 sinken sieht. "Die Randale schien mir geplant und gegen den eigenen Club gerichtet", sagte Mailands Polizeichef Paolo Scarpio.

Das in der Meisterschaft und Champions League wieder einmal gescheiterten Inter darf bei der Uefa nicht mehr auf Milde hoffen, nachdem der Club schon 2001 wegen Fan-Randale zwei Spieltage Stadionsperre erhalten und Inter-"Fans" in der Serie A sogar einen brennenden Motorroller im Stadion von der Tribüne geworfen hatten. Auch eine zweite Chance hatte der deutsche Schiedsrichter Markus Merk Inter großzügig schon im San-Siro-Stadion gegeben. Nachdem Milans Torwart Dida in der 73. Minute von einem aus der Inter-Kurve geworfenen Feuerwerkskörper getroffen wurde, hatte er die Teams zunächst rund 15 Minuten in die Kabine geschickt, dann aber noch mal angepfiffen. Als sofort wieder Feuerwerkskörper und Flaschen auf den Rasen flogen, sagte Merk endgültig "Basta".

Schuldzuweisung

"Was passiert ist, ist seine Schuld", machte Inter-Trainer Roberto Mancini gegenüber der "La Gazzetta dello Sport" dann auch noch Merk für die Fan-Ausschreitungen verantwortlich. Mit einer harten, aber vertretbaren Entscheidung hatte der deutsche FIFA-Referee Inter das Ausgleichstor durch Esteban Cambiasso in der 71. Minute aberkannt - danach ging ein Bombardement mit Feuerwerkskörpern und Flaschen auf Milans Torwart los. "Dida wirkte wie ein Soldat im feindlichen Feuer", beschrieb der "Corriere della Sera" die Szenen.

Fassungslos umringten Spieler beider Teams den mit einer Brandverletzung an der Schulter am Boden liegenden Dida, während um sie herum auf dem Rasen bengalische Feuer brannten. Inter-Besitzer Massimo Moratti flüchtete schockiert aus dem Stadion. "Er könnte jetzt endgültig alles hinschmeißen", meint die "La Repubblica". In der Meisterschaft als Tabellendritter abgeschlagen, ist Inter nun auch in Europa und vor der ganzen Welt blamiert.

Keine Freude über den Sieg

Die "Schande von San Siro" verdarb selbst den Siegern die Freude am praktisch sicheren Einzug ins Halbfinale. "Inter tut mir leid", sagte Andrej Schewtschenko. Europas Fußballer des Jahres hatte bereits in der 30. Minute mir einem fulminanten Linksschuss vom Strafraumeck Milans Siegtor erzielt. Inter hatte sich zwar mit Vehemenz gegen die Niederlage gestemmt, blieb aber glück- und erfolglos. Der zum Inter-Retter hochgejubelte Adriano musste sein Comeback nach dreiwöchiger Verletzungspause völlig entkräftet in der 50. Minute aufgeben. Der für den Brasilianer eingewechselte Obafemi Martins scheiterte am Pfosten. Alle anderen Chancen machte "dieser unbezwingbare Dida" zunichte, wie Mancini zugab.

Auch Milans Trainer Carlo Ancelotti verging das Lachen. "So etwas habe ich noch nie erlebt. Das schadet ganz Mailand", meinte der 45- Jährige. Weit über Mailand hinaus sieht man in Italien sogar die Bewerbung für die Ausrichtung der Europameisterschaft 2012 durch die "Hölle von San Siro" gefährdet. Die Randale von Mailand war schließlich nach Hakenkreuzfahnen im römischen Olympiastadion, 85 verletzten Polizisten und den Drohungen des Innenministers Giuseppe Pisanu, Italiens Fußballstadien zu schließen, nur der Tiefpunkt einer katastrophalen Woche für den italienischen Fußball.

Bernhard Krieger/DPA DPA

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