Champions League Weißes Ballett für Arme


Werder Bremen präsentierte sich beim 0:3 gegen Panathinaikos Athen in erschreckender Verfassung. Jetzt alles wieder auf Diego zu schieben, wäre viel zu einfach. Die Gründe für die tiefe Krise der Grün-Weißen sind vielschichtig.
Von Klaus Bellstedt, Bremen

Alles war bereitet in Bremen für einen dieser unvergesslichen Europapokalabende, von denen die Zuschauer an der Weser schon so viele erlebt hatten: Das Stadion war natürlich ausverkauft gegen Panathinaikos Athen, das Flutlicht, das die Fußballfans in der Hansestadt so lieben wie nirgendwo sonst, es erstrahlte hell über dem Osterdeich. Dazu nieselte es, Werder-Wetter nennt man das im hohen Norden. Und dann noch diese Trikots! Ganz in Weiß lief die Truppe von Trainer Thomas Schaaf auf. Vor dem Anpfiff machte doch tatsächlich die Formulierung vom "weißen Ballett" die Runde. Damals, die Bayern, Sie wissen schon. Kurzum: Ideale Bedingungen für eine Fortsetzung der 5:1-Gala vom letzten Wochenende gegen Hertha BSC Berlin.

Dummerweise stand hier aber nicht eine mittelmäßige Bundesligamannschaft wie die Hertha Werder als Kontrahent gegenüber, sondern Panathinaikos Athen. Und auch der Wettbewerb war ein anderer. Champions League, die Liga der Besten, Königsklasse. Oder auch die Liga, in der Werder Bremen nichts zu suchen hat. Leider. Aber was sich das weiße Ballett für Arme da auf dem seifigen Rasen des Weserstadions in 92 quälenden Minuten zusammengurkte, war an Harmlosigkeit tatsächlich nicht zu überbieten. 0:3 hieß es am Ende aus Sicht der Bremer - in jeder Hinsicht ein verdientes Ergebnis.

Einen Plan B besitzt Bremen nicht

Als Stammgast im Weserstadion weiß man normalerweise nach den ersten zehn Minuten, wie das Spiel ausgehen wird. So war es gegen Berlin, als Werder sofort attackierte, keinem Zweikampf aus dem Weg ging und jeder für den anderen Löcher stopfte. An solchen Tagen können die Grün-Weißen jeden Gegner der Welt schlagen. Chelsea und auch Real Madrid wurden so bezwungen. Sie können es also, aber sie rufen es eben immer seltener ab. Es wäre zu einfach, jetzt alles wieder auf Diego zu schieben. Natürlich spielt Werder immer dann besonders gut, wenn der kleine Brasilianer gut drauf ist. Das war er gegen die bissigen Griechen nicht, auch weil ihm mit Gilberto Silva und Simao permanent zwei Spieler von internationaler Klasse auf den Schlappen standen. Aber damit muss ein Team, das zum fünften Mal hintereinander Champions League spielt, doch rechnen.

Einen Plan B besitzt Bremen im Herbst 2008 einfach nicht. Und wenn man ganz ehrlich ist, besaß man ihn in dieser Saison noch nie so richtig. Die Erklärung liegt auf der Hand: Die Qualität des Kaders reicht bei Werder nicht mehr aus, um in der Bundesliga um die Meisterschaft mitzuspielen. Und schon gar nicht, um in der Königsklasse zu bestehen. Nach dem verheerenden 0:3 gegen Athen sehen das die Verantwortlichen an der Weser übrigens ganz ähnlich. "Wir müssen jetzt nachbessern, vielleicht schon im Winter", so ein sichtlich konsternierter Sportdirektor nach der Partie. Neues Personal muss her, meint Klaus Allofs damit. In Sachen Königsklasse ist es dann vermutlich schon viel zu spät. Wer es nicht schafft, auch nur ein einziges Tor in den bisherigen beiden Heimspielen gegen Famagusta und Athen zu erzielen, der wird in drei Wochen auf Zypern und im letzten Spiel der Gruppenphase zuhause gegen Inter Mailand wohl kaum die jetzt nötigen sechs Punkte zum Erreichen des Achtelfinales einfahren.

Keine echten Typen im Team

Wenn die Qualität schon nicht ausreicht, muss dann nicht wenigstes etwas über den Teamgeist funktionieren? War es nicht exakt dieser, der Bremer-Mannschaften über Jahrzehnte immer ausgezeichnet hatte? Spieler wie Mirko Votava, Dieter Eilts oder auch Valerien Ismael standen für diesen Spirit, der dem aktuellen Team total abgeht. Die drei Genannten waren spielerisch alle eher limitiert, aber sie waren es, die in schlechten Zeiten die Ärmel hochkrempelten und die anderen mitrissen. Heute wartet man vergeblich auf eine charakterliche Rasen-Explosion von Per Mertesacker, Clemens Fritz oder Claudio Pizarro. Alle hätten sie die Erfahrung, allein, es passiert nichts. Torsten Frings, gegen Panathinaikos gesperrt, wäre eigentlich auch so einer, der die Mannschaft pushen könnte. Aber um die Beliebtheit des "Lutschers" innerhalb der Mannschaft stand es in Bremen eben auch schon mal besser. Somit fällt er genauso wie Kapitän Frank Baumann aufgrund seines bescheidenen Wesens durchs Raster. Werder, und das ist für Thomas Schaaf vielleicht das größte Problem, fehlen die Führungsspieler. Ohne echte Typen im Team ist vor allem in der Champions League kein Blumentopf zu gewinnen.

"Wir haben es zu keiner Phase des Spiels geschafft, das umzusetzen, was wir uns vorgenommen hatten", sagte Schaaf dann noch. Und er nahm auch das Wort "Passivität" in den Mund. Womit wir beim letzten und nicht minder wichtigen Punkt angelangt wären. Selbst der letzte unter den knapp 36.000 Zuschauern im ausverkauften Weserstadion konnte an diesem in jeder Hinsicht ungemütlichen Abend erkennen, dass diese Bremer Mannschaft viel zu passiv zu Werke ging, was im Umkehrschluss nichts anderes bedeutet, als dass Werder kräftemäßig auf dem Zahnfleisch geht. Das Team stemmt den Drei-Tage-Spiel-Rhythmus einfach nicht. Etliche Spieler plagen sich mit Muskelverletzungen herum und fallen immer mal wieder aus. Die Folge: Akteure wie Özil, Rosenberg oder auch Diego schleppen sich durch die Partien, wie am Dienstagabend beim 0:3 gegen Athen eindrucksvoll zu beobachten war. Immer mehr erhärtet sich der Verdacht, dass in der Vorbereitung möglicherweise falsch oder zu hart trainiert wurde. Es brechen wahrlich ungemütliche Zeiten an für Thomas Schaaf. Vielleicht die Ungemütlichsten in seiner Zeit als Trainer bei Werder Bremen.


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