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Countdown zur WM 2006: Unser Weltmeister

Er redet im Fernsehen erfrischend einfach über Fußball, und die Frauen hören ihm zu. stern-Redakteur Christian Ewers über Jürgen Klopp, die große Hoffnung für 2006.

Christian Ewers

Geiler Typ. Was der alles mit Worten anstellen kann - Wahnsinn. Seine Fußballer zum Beispiel, die können nicht besonders gut kicken, sind mehr so Holzfüße. Und was macht dieser Typ? Verpasst ihnen eine Gehirnwäsche, bläut ihnen ein: Ihr seid die Größten, habt keine Angst! Wenn ihr wollt, könnt ihr jeden weghauen. Bayern, Bremen, Schalke, kein Problem, ihr müsst nur wollen, wollen, wollen. Das Geile ist, der Typ hat mit seinem Geschwätz auch noch Erfolg. Gut, von den Bayern gab's zweimal was auf die Mütze, aber sie sind tatsächlich drin geblieben in der ersten Liga, die Kicker vom Karnevalsverein Mainz 05. Platz elf, bester Aufsteiger, und nächste Saison spielen sie sogar im Uefa-Cup. Geile Geschichte.

Das ist die Geschichte

des Fußballtrainers Jürgen Klopp. Und so würde er sie wohl auch erzählen. Er liebt das ja. Diese kurzen Sätze. Voller Kraft. Voller Feuer. Dreimal "geil" in einer Minute, mindestens. Aber Klopp ist kein Prolet, auch wenn es manchmal so klingt, als habe er Deutsch bei Bratwurst und Dosenbier in der Stehkurve gelernt. Klopp weiß um die Wirkung von Worten, und er weiß, dass Fußball von Begeisterung lebt. Er kann das, einen ganzen Klub entflammen. Vom Eisverkäufer bis zum Stürmer, alle sind sie angefixt in Mainz. Von Kloppo, dem Klopptimisten. "Ich habe Adrenalin in mir", sagt er, "das reicht für einen kompletten Völkerstamm."

Klopp kann auch anders. Es muss nicht immer die 100 000-Volt-Rhetorik sein. Im ZDF, für das er den Confed Cup analysierte, rutscht ihm kein "Boah ey!" und kein "Geil!" raus. Klopp, 38, das blonde Haar korrekt gescheitelt, das schwarze Hemd zugeknöpft, redet so charmant und erfrischend simpel über Fußball, wie es das noch nie gegeben hat im deutschen Fernsehen. Klopp will nicht den Superexperten markieren und auch nicht den Clown spielen. Klopp ist einfach Klopp. Ein Fußballverrückter, der in klaren Worten sagt, was er sieht. Hier ein paar Kringelchen und Striche auf dem Monitor, schon ist die Taktik der Brasilianer aufgemalt, und sogar der Beckenbauer schaut ihm staunend über die Schulter. "Jetzt schalten sie um auf Angriff, Steilpass Ronaldinho durch die Mitte, Robinho kreuzt, wechselt also die Seite, die Japaner verlieren hinten die Ordnung, Schuss Robinho - drin." Alles klar, kapiert, danke.

Klopp, der Teilzeit-Schreihals, ist sogar ein Frauenversteher. Beim ZDF rufen zahlreiche Klopp-Groupies an. Es gibt Komplimente über Komplimente, manche klingen nach Liebeserklärung: "Zum Niederknien! Das ist der Mann, der mir die Abseitsregel beibringen wird."

Keine Frage,

Klopp ist der deutsche Confed-Cup-Held. Er schlug im Sololauf das Duo Delling/Netzer, er ist der Supertransfer des ZDF und gesetzt für die WM 2006. Was fängt man an mit so viel Lob, Herr Klopp? "Schön zu hören. Muss ich aber schnell vergessen. Ich denke jetzt nur noch an die neue Saison und meine Jungs. Ich bin schon total heiß." Da ist er wieder, der Adrenalin-Klopp. Seine Mainzer führte er ohne Trainerschein in die erste Liga, und fürs ZDF kommentierte er ohne eine einzige Probe. Nie nervös? "Ich mach mir keinen Kopf", sagt er. "Punkt."

Nix Punkt. Klassenerhalt, Uefa-Cup, TV-Karriere, so was katapultiert einen schon auf eine neue Umlaufbahn. Wenn Klopp, das große deutsche Trainer- und Sprachtalent, trotzdem ein bisschen der Ballonseiden-Klopp vom Mainzer Bruchweg bliebe - das wäre, man kann es nicht anders sagen: geil.

Christian Ewers / print

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