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DFB-Pokalhalbfinale: Augsburger Wunderkiste

Der FC Augsburg kommt aus dem Nichts, steht vor dem Aufstieg in die Bundesliga und kickt demnächst sogar im Europacup, wenn er das DFB-Pokalhalbfinale (ab 20.30 Uhr im stern.de-Liveticker) bei Werder Bremen gewinnt. Auf einen Spieler kommt es beim FCA besonders an.

Von Sebastian Gierke, Augsburg

Die Spieler des FC Augsburg feierten mit ihren Fans hinter dem Tor. Sie hatten gerade gegen Rot Weiss Ahlen, den Tabellenletzten der zweiten Bundesliga, einen 3:1-Sieg erkämpft. Übermütig versuchten sie, Bälle durch das Loch im Fangnetz hinter dem Tor in die Zuschauer zu schießen. Durch die kleine Lücke, ganz oben und fast unter dem Dach des Stadions. Einer nach dem anderen scheiterte. Dann nahm Michael Thurk einen Ball - und drosch ihn über das Stadiondach hinaus: Planübererfüllung. Daran arbeiten sie gerade in Augsburg, daran arbeitet vor allem Thurk. Die Fans wissen das, sie singen das Lied all derer, die noch hoffen dürfen im DFB-Pokal: "Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin!"

Augsburgs Trainer freut sich natürlich über die Anteilnahme, mahnt aber - bevor die Euphorie auch die Köpfe seiner Spieler vernebelt - Besonnenheit an: "Langsam. Für den Verein ist der Aufstieg wichtiger", sagt Jos Luhukay deshalb. Der Aufstieg, das sei der Plan: "Das Finale ist der Traum." Es ist das alte Lied von der Pflicht und der Kür, doch nachdem der Winter sich jetzt endlich verzogen hat, will man in Augsburg nichts mehr hören von diesen Eiskunstlauf-Metaphern.

Träumen von Liverpool, Sevilla und Turin

Denn sie glauben hier an ihre Chance, das scheinbar Unmögliche möglich zu machen: im Halbfinale des DFB-Pokals den Erstligafünften SV Werder in dessen Stadion besiegen zu können. Schon zwei Tage vor dem Anpfiff sind sie nach Bremen geflogen, zum ersten Mal in der Vereinsgeschichte per Charter. "Ich glaube, keiner von uns hat jemals ein solch großes Spiel gespielt, das ist ein Highlight in der Vereinsgeschichte", freut sich Kapitän Uwe Möhrle.

Jeder weiß um die besondere Konstellation in dieser Saison. Allein die Finalteilnahme kann reichen, um in der nächsten Spielzeit noch viel öfter mit dem Flugzeug zum Gegner zu reisen: nach Liverpool, Sevilla oder Turin zum Beispiel. Denn weil der FC Bayern und Schalke 04, die am Mittwoch im zweiten Halbfinale um den Einzug ins Endspiel streiten, demnächst in der Champions League spielen und ihren Europa-League-Platz als möglicher Pokalsieger nicht in Anspruch nehmen müssten, wäre für die Augsburger der Weg frei nach Europa. Möhrle kennt die Hürde, die mit Werder vor ihnen steht: "Wir müssen einen Tag erwischen, an dem fast alles klappt."

Klubchef als Heilsbringer

Doch solche Tage haben sie in dieser Saison oft erwischt. Augsburg liegt als Tabellenzweiter einen Punkt vor Sankt Pauli und hat mit sieben Zählern Vorsprung auf Platz vier gute Chancen auf den Aufstieg. Vor der Rückkehr in Liga zwei im Jahr 2006 dümpelte der Klub 23 Jahre lang in den Niederungen des Amateurfußballs. Vergangene Saison kämpfte der erst in der Rückrunde verpflichtete Luhukay mit seiner Mannschaft noch gegen den Abstieg - was für eine Erfolgsgeschichte.

Der Mann dahinter ist Klubchef Walther Seinsch. Er meidet die Öffentlichkeit, vor allem, seit er Anfang des Jahres bekannt gab, seit Längerem unter Depressionen zu leiden. Aber der Mitbegründer der Textilketten Takko und Kik, der sich in den 90er-Jahren aus diesem Geschäft zurückgezogen hat, besorgte das nötige Geld. Seinsch hat etwa zwei Drittel der 45 Mio. Euro für die neue, 31.000 Fans fassende Fußballarena in Augsburg aufgetrieben, machte außerdem vor Saisonbeginn mithilfe von Geldgebern 0,5 Mio. Euro für Transfers locker.

Thurk glaubt an die Sensation

Ausgeben durfte das Geld, zusammen mit Luhukay, Manager Andreas Rettig. Und den beiden gelang es, eine Mannschaft zu formen, die den attraktivsten Offensivfußball der zweiten Bundesliga spielt - bei allem Kreativzauber jedoch hin und wieder, ähnlich wie der Gegner aus Bremen, die Ordnung verliert. "Bei uns sind Ergebnisse wie ein 5:4 oder ein 3:2 fast häufiger, als ein 1:0 oder 0:0", sagt Rettig.

Dass es nach vorne so gut läuft, liegt vor allem an Thurk. Der ehemalige Bundesligaspieler trifft anscheinend, wie er will, gegen Ahlen bereits zum 22. Mal in dieser Saison. "Ich habe im Moment einfach Spaß am Fußball. Wir spielen schönen Offensivfußball, und ich habe das Gefühl, eine wichtige Stütze des Teams zu sein." Thurk glaubt natürlich an die Chance in Bremen, "auch wenn sie klein ist". Sie ist nicht kleiner als die, einen Ball über das Stadiondach zu schießen.

Diesen Text haben wir für Sie in der Financial Times Deutschland gefunden.

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