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DFB-Team: Missstimmung im Schlussakkord

Ausgerechnet nach dem finalen EM-Qualifikationsspiel gegen Wales wächst bei der deutschen Nationalmannschaft die Ungewissheit für das Endturnier. Der müde 0:0-Schlussakt produzierte Missstimmung - bei Fans und Spielern.

Von Frank Hellmann, Frankfurt am Main

Es war gewiss nett gemeint. Und kaum ein Nationalspieler verließ vorzeitig am Mittwochabend den bestens präparierten Rasen der Frankfurter Arena, denn trotz der ermüdenden Nullnummer gegen Wales hatten die deutschen Kicker nach Abpfiff noch eine Aufgabe ausdauernd zu erledigen: eine flugs ausgerollte Banderole mit der Aufschrift "DANKE FANS - MIT EUCH ZUR EURO 2008" einmal durchs Stadion zu tragen.

Dummerweise hatte das Publikum, wenn es nach der zähen Darbietung nicht schon auf die Parkplätze im Frankfurter Stadtwald geflüchtet war, auf solch eine Prozedur herzlich wenig Lust. Böse Pfiffe untermalten den Schlussakt der EM-Qualifikation, der mächtig Missstimmung produzierte; das vermochte der von der Stadionregie eingespielte Gassenhauer "Oh, wie ist das schön" auch nicht zu übertünchen.

Gar nichts war hinterher nämlich schön. Im Gegenteil: Die Protagonisten waren böse vergrätzt ob des geäußerten Unmuts, vor allem die intellektuellen Vordenker und intelligenten Meinungsmacher im Kreis der Nationalmannschaft ließen kein gutes Haar an einer Anhängerschaft, die sich immer mehr aus einem erwartungsfreudigen Event-Publikum speist. "Die Leute hatten Spaß, zu pfeifen: Ich glaube, der Deutsche freut sich, wenn er etwas kritisieren kann", mäkelte der Wahl-Londoner Jens Lehmann, ob der Missstimmung arg vergrätzt. Verärgert war auch Christoph Metzelder, der Wahl-Madrilene: "Wenn ein Gonzalo Castro, ein so junger Spieler, ausgepfiffen wird, frage ich mich, was sich die Leute rausnehmen. Klar sind die Erwartungen gestiegen, aber wenn immer noch gepfiffen wird, wenn wir uns bedanken - irgendwann reicht es dann." Die Toleranzgrenze ist wieder gesunken, was generell auch Teammanager Oliver Bierhoff Sorge bereitet. "Schade, dass gebuht wird, wenn das Team sich bedanken will. Das müsste man als Fan abstrahieren können."

"Nehmen es so, wie es kommt"

Doch nun ist es auch so, dass der gemeine Anhänge, der zum einen 65 Euro für eine Tribünenkarte zahlt und zum anderen die ewige Bierhoff-Predigt vom vertikalen Vorwärtsspiel im Kopf hat, das Recht zur Meinungsäußerung hat. Und die Stimmung ist, ein halbes Jahr vor Turnierbeginn, nicht mehr uneingeschränkt euphorisch und ekstatisch, da konnten Löw und Bierhoff noch so oft auf das Geleistete verweisen. Löw lobte die "enorm motivierte Mannschaft" für das Fußball-Jahr 2007 über den grünen Klee, Bierhoff pries die "sehr erfolgreiche Qualifikation, "leider war das nicht der Abschluss, den wir uns gewünscht haben". Und bei dem wollte der Bundestrainer generell den Vorhaltungen entgegenwirken, er sei als Taktierer aufgetreten zu sein. So blieb der Bundestrainer a), in seiner Schelte an die Anhängerschaft im Frankfurter Stadtwald äußerst moderat ("Wo es Beifall gibt, gibt es auch Pfiffe), und trat b), energisch dem nahe liegenden Verdacht entgegen, nach der Niederlage der Niederlande mit diesem Remis nicht ganz unabsichtlich verhindert zu haben, als Bester der Koeffizienten-Rangliste in den ungeliebten Lostopf der Gesetzen zu wandern. Löw empfand solche Vermutungen, als "nicht in Ordnung". Seine Auswahl spiele mit Leidenschaft und wolle immer gewinnen. Und der vermeintliche bessere Lostopf spukte in keinem Hinterkopf herum? "Das wäre uns egal gewesen. Wir nehmen es so, wie es kommt."

"Uns haben 274 Länderspiele im Mittelfeld gefehlt"

Das müssen die Deutschen nun auch: Die Nullnummer hat nämlich zur Folge, dass neben den Gastgebern Österreich und der Schweiz sowie Europameister Griechenland auch die Niederlande gesetzt sind, Deutschland findet sich plötzlich mit Rumänien, Portugal und Spanien im dritten Topf wieder - diese Teams können nicht Gegner in der Vorrunde werden. Wenn am 2. Dezember in Luzern die Gruppen ausgelost werden, ist für die DFB-Elite alles möglich: Eine Hammergruppe mit den Niederlanden, Italien und Frankreich, aber auch eine Besetzung mit Österreich, Schweden und der Türkei. Dass Letzteres etwas leichter wäre, versteht sich von selbst, da ungeachtet von den Debatten um Gruppenköpfe und Koeffizienten auch darüber diskutiert werden muss, ob die deutsche Nationalelf in dieser Besetzung wirklich Maßstäbe in Europa zu setzen mag. Zweifel sind nach den ernüchternden Herbst-Auftritten gegen Tschechien (0:3) und Wales (0:0) angebracht, dazu gesellt sich ein geschöntes Remis in Irland (0:0). "Auch schlechte Spiele sind wichtig und bringen uns wichtige Erkenntnisse", sagt der im Dauerclinch mit der Liga und als Besserwisser beschimpfte Bierhoff, der salbungsvoll von "einem.0:0 mit keiner hohen technischen Leistung" sprach. Eine Leistung, die vermutlich gegen andere Kaliber bitter bestraft worden wäre, "uns haben 274 Länderspiele im Mittelfeld gefehlt", bemerkte Bierhoff eingedenk des Fehlens der kompletten Achse Ballack-Frings-Schneider-Schweinsteiger.

"Dauerlernprozess"

Tim Borowski wie Gonzalo Castro eine glatte Fehlbesetzung, Thomas Hitzlsperger trotz allen Bemühens überfordert, Lukas Podolski nach der Zypern-Feierstunde wieder auf dem Boden der Tatsachen gelandet: Der zweite Anzug sitzt doch nicht so maßgeschneidert wie gedacht; Platz zwei in der Gruppe D hinter Tschechien ist die logische Folge. "Zu wenig konsequent" (Tim Borowski) sei der finale Auftritt gewesen, man habe "zu wenig getan und nicht ins Spiel gefunden" (Philipp Lahm), "unser Spiel hat diesmal zu wünschen übrig gelassen", gestand Abwehrchef Per Mertesacker ein, der sich und Mitspielern eine Phase des "Dauerlernprozesses" bescheinigte. Dummerweise bleiben der Nationalmannschaft dazu nicht allzu viele Gelegenheiten. Bis zum nächsten Länderspiel, am 6. Februar in Wien gegen Österreich, vergehen fast drei Monate, und vor dem Nominierungsschluss wird nur noch am 27. März in der Schweiz getestet. "Wir haben aber immer noch die unmittelbare Vorbereitung auf die EM, das sollte man nicht unterschätzen", verweist Bierhoff auf eine Phase, in der schon Jürgen Klinsmann zur WM 2006 grundsätzliche deutsche Defizite auf wundersame Weise auszumerzen wusste.

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