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DFB-Team nach dem 4:4 gegen Schweden: Der Bonus schmilzt – auch der von Löw

Der unfassbare Einbruch der Nationalmannschaft gegen Schweden geht auch auf Joachim Löws Kappe. Der Bundestrainer wirkt ratlos. Seine Fehler häufen sich.

Von Klaus Bellstedt, Berlin

Erik Hamrén ist Trainer der schwedischen Nationalmannschaft. Nach dem 4:4 gegen Deutschland erzählte der Coach den deutschen Reportern folgende Anekdote aus der Kabine: In der Halbzeitpause habe sein Kapitän Zlatan Ibrahimovic eine Rede gehalten. Er soll seine Teamkollegen nicht nur verbal bei der Ehre gepackt, sondern einzelne Spieler sogar an den Haaren gezogen haben. "Das war großartig von Ibra", berichtete Hamrén. Und: Der Weckruf des Superstars blieb nicht ohne Folgen. Wie ausgewechselt kamen die Schweden zurück auf den Rasen und machten in einem epischen Spiel aus einem 0:4 noch ein sensationelles 4:4.

Von Joachim Löw wurde im Anschluss an die Partie lediglich übermittelt, wie die Atmosphäre in der deutschen Kabine nach dem Schlusspfiff gewesen sein soll. Es habe eine "Totenstille" geherrscht. Zur Halbzeit sah das mit ziemlicher Sicherheit anders aus. Was sagt ein Trainer, wenn seine Mannschaft zur Pause mit 3:0 in Führung liegt? Vermutlich das: dran bleiben, nicht nachlassen, die Zweikämpfe weiter annehmen und bitte keinen Meter weniger laufen. In den Köpfen der Nationalspieler sind die mutmaßlichen Anweisungen des Bundestrainers nie angekommen. Das hat natürlich auch etwas mit Psychologie zu tun, aber trotzdem sei die Frage erlaubt, warum es Joachim Löw nun schon zum wiederholten Mal – und damit ist nicht nur das Spiel gegen Italien bei der EM gemeint – nicht gelingt, die Mannschaft in Sachen Konzentration und Disziplin im Oberstübchen zu erreichen.

Panische Hintermannschaft

"Nein, ich habe mich nach dem EM-Aus nicht verändert. Das glaube ich nicht", sagte Löw im Vorfeld des WM-Qualifikationsspiels gegen Schweden. Seine Motivation sei ungebrochen. "Wer uns kennt, der weiß, dass wir uns ständig hinterfragen. Wir sind die Nummer zwei der Welt. Es gibt keinen Grund, verzweifelt zu sein." Den Hinweis auf die Fifa-Rangliste fügt Löw gerne an, wenn er sich in Abwehrhaltung befindet. Klug ist das nicht.

Gegen Schweden trat seine Mannschaft nämlich nur eine Stunde und auch nur was die Offensive betraf, wie ein Weltklasseteam auf. Danach brachten Badstuber, Neuer, Boateng und Co. den objektiven Betrachter sehr wohl zur Verzweiflung. Auch das muss man Löw ankreiden: Er findet derzeit kein Mittel dagegen, dass bei seinen Abwehrspielern die blanke Panik ausbricht, wenn Gegner vom Kaliber Österreich oder Schweden mal kurz ernst machen. "Wir können aus dem 4:4 wahnsinnig viel lernen", sagte der ratlose Löw spät abends in Berlin. Nun mal los, möchte man ihm zurufen.

"Schwierig, von außen Einfluss zu nehmen"

Ein Satz von Löw ging wegen seiner wackligen Tonart fast ein bisschen unter. Aber er war bemerkenswert: "Es ist schwierig, von außen den richtigen Einfluss zu finden und zu haben." Vorausgegangen war die Frage eines Journalisten, was er, Löw, denn hätte tun können, als das Unheil seinen Lauf nahm. Auch diese Antwort war nicht befriedigend. Genauso wenig wie die komplett überflüssige Einwechslung von Lukas Podolski zwei Minuten vor Schluss beim Stand von 4:3 für Deutschland.

Womit wir bei Löws Aufstellung und seiner Kaderzusammenstellung wären. Es war sehr auffällig, dass der Coach nach der Ausfall von Sami Khedira keinen richtigen 6er mehr in der Hinterhand hatte. Nicht auf dem Platz und nicht auf der Bank. Bastian Schweinsteiger und Toni Kroos sind bei allen technischen Fähigkeiten beides keine Zweikämpfer. Man stelle sich vor, Schweinsteiger wäre auch noch ausgefallen. Dann hätten Kroos und der eingewechselte Mario Götze die Doppelsechs gebildet. Gegen die Färöer könnte das vielleicht klappen, aber nicht gegen laufstarke und gut organisierte Teams.

Kann Löw den Schalter umlegen?

Spätestens nach dem 2:4 hätte einer der Bender-Zwillinge der deutschen Mannschaft gut getan. Nun waren beide verletzungsbedingt nicht dabei. Aber das war schon vor den beiden Spiele gegen Schweden und Irland klar. Löw hat es verpasst, auf dieser Position nachzunominieren. Selbst ein Simon Rolfes hätte mit seiner kämpferischen Art im Olympiastadion einen Kontrapunkt setzen können. Zwei der im Moment stärksten Fußballclubs der Welt, der FC Barcelona und Real Madrid, machen es vor: Auf höchsten internationalen Niveau braucht es mindestens einen, wenn nicht zwei defensive Mittelffeldspieler. Die Deutschen haben eigentlich nur Khedira.

Auch Marcel Schmelzer konnte gegen Schweden wegen einer Verletzung nicht dabei sein. Ob er nach seiner Genesung auch weiterhin auf der linken Seite eingesetzt wird, steht in den Sternen. Zumal nach den Vorkommnissen der vergangen Tage, als Löw seinen linken Außenverteidiger vor dem Irland-Spiel öffentlich in den Senkel stellte und demontierte. Das war ein beispielloser Vorgang, für den sich der Bundestrainer mittlerweile zwei Mal entschuldigt hat – was seinen Fauxpas nicht besser macht. In Dublin machte Schmelzer trotz allem ein ordentliches Spiel. Aber es war eben nur Irland. Eine unteririsch schlechte Mannschaft.

Joachim Löw macht Fehler und er wirkt nicht so, als könnte er den Schalter bei sich und seinen Spielern schnell umlegen. Ein wichtiger Gradmesser für die Stimmung im Lande wird nun ausgerechnet ein Spiel sein, bei dem es um keine Punkte geht: das Prestigeduell gegen die Niederlande am 14. November in Amsterdam. Im Moment spricht vieles für einen eher unangenehmen Jahresausklang für die Nationalmannschaft – aber vor allem für Joachim Löw.

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