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Analyse

2:1-Erfolg in Sinsheim: Die Nationalmannschaft nach Peru: Neue Intensität und ein paar alte Probleme

Bei den beiden Länderspielen gegen Frankreich und Peru wird deutlich, dass die Nationalmannschaft mitten in einem Umbauprozess mit ungewissem Ausgang steckt. 

Joachim Löw beim Länderspiel der DFB-Elf gegen Peru mit Timo Werner

Bundestrainer Joachim Löw beim Länderspiel der DFB-Elf gegen Peru mit Timo Werner

DPA

Nun sind die ersten beiden Spiele nach dieser Weltmeisterschaft also vorüber, angeblich von fundamentaler Bedeutung für den Trainer Joachim Löw und diese Mannschaft. Unter Beobachtung wähnen sie sich bei dieser Nationalmannschaft, die sich dieser Tage immer noch im Mea-Culpa-Modus befindet und in jeder Hinsicht so viel leiser daherkommt. Es ist nicht glorreich gewesen, was die Deutschen zwei Mal gegen Frankreich und Peru aufs Feld zauberten, doch ein kleiner Anfang, das war es wohl für eine Nation, für die dieser Tage kein Sieg zur selbstverständlichen Fußübung gerät. Noch bleibt abzuwarten, wo Löw sich in seinem Umbauprozess wirklich befindet, ein paar Erkenntnisse lassen sich freilich bereits ableiten: 

Gündogan-Özil-Gate: Nachdem am Donnerstag in München gegen Frankreich noch eine Handvoll Geblendeter gegen die wohlwollend gesonnene Mehrheit anpfiffen, empfing Gündogan in Sinsheim nichts als Sympathie. Spötter mögen an dieser Stelle einwenden, dass die Hälfte der Zuschauer offensichtlich Peru die Daumen drückte, doch dies allein erklärt nicht, warum die Erdogan-Debatte offenbar aus den Stadien verschwunden ist. Mag es daran liegen, dass mancher sich nach dem Rücktritt von Mesut Özil doch fragt, ob Spaltung die richtige Wahl der Mittel ist? Wohl eher nicht. Vielmehr weisen sowohl die Pfiffe vor der Weltmeisterschaft gegen Gündogan als auch ihr Ausbleiben jetzt auf einen gewissen Herdentrieb hin, der weniger ideologisch oder politisch motiviert scheint, sondern tumbem Opportunismus folgt. Die Karawane der Bedenkenträger ist offenbar weitergezogen. Zu spät für eine erfolgreiche Weltmeisterschaft, genau rechtzeitig für einen unbelasteten Neuanfang. 

Intensität: Löws Mannschaften spielen wieder mit einer gewissen Dringlichkeit, vor allem bei Ballverlust wird zumindest wieder versucht, gemeinsam ins Pressing zu kommen. Selbst Toni Kroos beteiligt sich dieser Tage erstaunlich engagiert im Umschaltspiel nach hinten und setzte damit den Ton. Da auch Männer wie Rüdiger, Kimmich, Ginter, Brandt, Süle oder Schulz mit großem Eifer zu Werke gehen, erfährt die Elf derzeit trotz einer äußerst dürftigen zweiten Hälfte gegen Peru mehr Kredit beim Publikum. 

DFB-Elf fehlt im Zentrum ein Abschlussspieler von Weltklasseformat

Statik offensiv: Gegen Peru versuchte Löw in der ersten Halbzeit mit einem massierten Aufgebot im Zentrum den Abwehrriegel der Südamerikaner zu knacken, was vielversprechende Ansätze gebar. Sowohl der erneut auf der Position sechs aufgebotene Joshua Kimmich als auch sein Nebenmann Gündogan verfügen über eine präzise Spielauslösung in die Spitze. Vorne zogen immer wieder Julian Brandt, Marco Reus oder der allerdings auf engem Raum eher zu schablonenhaft agierende Timo Werner den Sprint in die Spitze an. So drangen die Deutschen ein ums andere Mal gegen Peru durch die letzte Linie des  Abwehrriegels, bei der Weltmeisterschaft noch ein zentrales Problem. Mit präzisen Diagonalpässen riss Kroos ein ums andere Mal die Abwehr auf. Offenkundig wurde allerdings auch, dass im Zentrum ein Abschlussspieler von Weltklasseformat fehlt. Selbst auf offener Strecke vermag der dieses Mal eher links aufgebotene Werner seine Schnelligkeit zwar auszuspielen, allein vor dem Tor offenbarte er allerdings gegen Peru Schwächen, während Brandt aus deutlich schwieriger Position einlupfte.

Statik defensiv: Die Deutschen hätten sich am Ende bei allen Chancen nicht beschweren dürfen, wenn sie als Verlierer vom Platz gegangen wären. Half ihnen gegen Frankreich eine Art Nichtangriffspakt bei der Torsicherung – die noch vom WM-Sieg saturierten Franzosen pressten weder hoch, noch schoben sie bei eigenem Ballbesitz die eigene Innenverteidigung über die Mittellinie – so mussten die Deutschen dieses Mal das Spiel machen und offenbarten im neuen Gewand alte Schwächen. Zwar hätte sich das Gegentor durch Advincula in der 22. Minute leicht verteidigen lassen, wenn Debütant Schulz den Ball in letzter Linie humorlos auf die Tribüne gedroschen hätte, statt ihn zu vertändeln, doch auch Jefferson Farfan verfehlte nach einem Konter. Immer wieder rückte Außenverteidiger Matthias Ginter bis ins gegnerische letzte Drittel vor, um Überzahl herzustellen, über eine taugliche Flanke verfügt der tapfere Ginter allerdings nicht. Dafür fehlte er hinten rechts. Wieder hatten sich die Deutschen entblößt, ohne dadurch eigene Stärken zu betonen. In erster Linie seiner ordentlichen Zweikampfführung wegen war Ginter aufgeboten worden. Antonio Rüdiger bleibt ein Mann mit herausragender Dynamik in der Innenverteidigung, doch Stockfehler am Ball pflastern sein Spiel. So zeigte sich einmal mehr, dass eine massierte Deckung nicht nur gegen die ganz Großen derzeit geboten scheint, um die Schwächen in der Rückwärtsbewegung auszugleichen.  

Ausblick: Noch lässt sich nicht genau feststellen, wie Löw diese Mannschaft in naher Zukunft auswuchten wird. Gegen Frankreich und die Niederlande im Oktober wird Löw wohl wieder eine eher defensive Grundordnung zur Anwendung bringen. Sein defensiver Mittelfeldspieler wird auch dann Joshua Kimmich heißen und auch hinten deutet viel auf einen massierten Abwehrwall aus Innenverteidigern hin. 

Bis auf weiteres richtet sich diese deutsche Nationalmannschaft in Sachen Taktik wieder ein bisschen mehr nach dem Gegner, zumindest dies scheint gesichert. Man kann das getrost als Akt einer neuen Bescheidenheit bezeichnen bei einer Mannschaft, die noch vor einigen Wochen gegen jeden Trend auf bedingungslose Offensive gesetzt hatte. 

Der Umbau dieser Elf hat gerade erst begonnen. Noch ist nicht abzusehen, wann er abgeschlossen sein wird. 

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