DFB-Scouting Löws heimliche Helfer


Fußballweisheiten à la Sepp Herberger sind amüsant, aber platt. Das wissen die Studenten des Scouting-Projekts des DFB an der Sporthochschule Köln am besten. Im Auftrag von Joachim Löw haben sie vor dem Turnier die Stärken und Schwächen aller EM-Teams analysiert - bis hin zu ganz privaten Details.
Von Till Weingarten

"Ein Spiel dauert 90 Minuten". Von wegen! "Entscheidend ist auf dem Platz!" Nicht an der Hochschule! Wenn die deutschen Spieler vor dem EM-Viertelfinale gegen Portugal wieder Videos des Gegners und der einzelnen Gegenspieler anschauen, ist das ein Ergebnis monatelanger, harter Arbeit.

Die Studenten aus Köln haben seit 2006 in über 3000 Stunden ca. 500 Länderspiele, 45 000 Minuten, 1500 Tore und vieles mehr analysiert. Im Fokus standen 40 Mannschaften, seit Dezember 2007 konzentrierte man sich auf die 15 EM Gegner.

Jedes Spiel wird mindestens fünf Stunden bearbeitet

Die Fußballwissenschaftler von der Hochschule beackern ein Spiel mindestens fünf Stunden am Computer. Stoppen das Bild, notieren Timecodes, legen jede Spielszene in Ordner ab. Fünf Terrabyte groß.

Man denkt an stumpfe Statistikarbeit - aber das ist falsch. Während die Fans zu Hause vor dem Fernseher oder beim Public Viewing grafische Einblendungen sehen wie Eckenverhältnis, Ballbesitz in Prozent usw., betrachten die Scout-Studis vor allem Taktik und Emotionen. "Es geht um sämtliche Verhaltensmuster im Fußball, um individual-, gruppen- und mannschaftstaktische sowie emotionale", erklärt Prof. Dr. Jürgen Buschmann, der das DFB Scouting Projekt in Köln leitet.

200 taktische Handlungen pro Spiel entdecken die Analytiker im Durchschnitt, über 100.000 insgesamt haben sie gespeichert. "Wir zählen keine Pässe. 35 angekommen, 17 nicht", sagt Buschmann. "Wir wollen wissen: Wie ist das Abwehrverhalten der Gegner? Wie verschieben die? Wo gibt es Lücken? Wie ist der Spielaufbau? Über wen läuft der? Wie verhalten sie sich bei Rückstand?"

Für Jogis Scouter sind die rein statistisch gewonnen Erkenntnisse nicht ausreichend, manchmal führen sie gar in die Irre und machen einen Spieler stärker, als er eigentlich ist. Buschmanns Assistent, der Sportwissenschaftler Stephan Nopp, ist sicher: "Statistik zeigt uns zum Beispiel, dass ein Spieler hervorragende Zweikampfwerte hat. Wir finden, dass man dies erweitern muss. Für uns ist wichtig: Was macht er daraus? Wohin spielt er nach Balleroberung? Spielt er den Pass in die Tiefe, den Joachim Löw von seinem Team fordert, oder spielt er quer. Oder spielt er erst steil, wenn es schon 2:0 steht? Was nützt das dann dem Team?"

Wer lässt den Kopf schnell hängen

Im Idealfall wird also der Zweikampfterrier, der Wadenbeißer, anhand von qualitativer Spielanalyse entzaubert. Dazu gehören weitere Beobachtungen, wenn's um die Gefühle geht. Die Studenten schreiben akribisch auf, wie die Körpersprache ist: welche Spieler schneller ausflippen, wie sie gereizt werden können, wer den Kopf schnell hängen lässt, oder auch welche Spieler keine Gefühle zeigen, cooler sind als andere.

Folgende Szene - nicht einmal während, sondern vor einem Fußballspiel - wurde beobachtet und ausgewertet: Zinedine Zidane und Franck Ribéry spielten sich vor dem WM Finale warm. Zidane schoss den Ball mit sauberen Innenristpässen flach über der Grasnarbe; Ribéry kickte die Kugel so zurück, dass sie hoppelnd bei dem damaligen "le chef" ankam. Nach dem dritten Hin und Her brach Zidane das Spielchen ab und bedeutete dem jungen Kollegen mit erhobenem Zeigefinger: So nicht, mein Freund. Dann zeigte der Alte dem Jüngling die korrekte Fußhaltung.

Das sind in den Augen der Spielanalytiker Führungsqualitäten. Solche Spielertypen lösen Probleme. Immer wieder sind es besonders diese weichen Kriterien, die die Scouter interessieren. Im Bewerbungsprofil für einen üblichen Büro-Job würde man sagen: die social skills. Fleißig werden im Internet oder in Zeitungen derartige Hintergrundinformationen gesammelt, um Aufschlüsse über Charakter und Probleme eines gegnerischen Spielers zu gewinnen. Bei der Weltmeisterschaft 2006 gab es viele Spiele, bei denen defensiv perfekt organisierte Mannschaften einander neutralisierten, Torchancen blieben rar, Standardsituationen waren extrem wichtig, auch wichtiger als bis dato bei dieser EM. "Italien wurde Weltmeister, weil sie überragend verteidigten. Nach Ballverlust kommen sie sehr schnell in ihre Grundordnung. Vergleichbar mit einem Atommodell, wo die Moleküle immer den gleichen Abstand behalten", so Nopp. Doch leider auch die Erkenntnis: Es gibt noch keine Handlungslösungen für die Offensive.

Der Außenverteidiger ist der Spieler der Zukunft

Welche Faktoren tatsächlich zu einem Höchst-Prozentsatz an Torchancen und Toren führen, das scheint noch nicht ausgereift. Das Angebot reduziert sich auf Dribbling oder Doppelpass, eins gegen eins. Wie man als Mannschaft gegen eine kompakte Defensive vorgehen kann, dafür braucht es permanent neue Ideen. Eine Lösung, denken Nopp und Co., könnte der Außenverteidiger sein, künftig die tragende Figur, denn der Außenverteidiger wird die Angriffe der Zukunft einleiten. Die gehört also mehr als heute schon den Philipp Lahms, den Marcell Jansens. Und die Vergangenheit: wohl ein Stil wie Arne Friedrich.

Obwohl offensiver, geht der Trend zu einem Stürmer: Zehn Mannschaften bei der EM spielen so. Deutschland nicht. Was bringt das? Diese Stürmer, etwa vom Spielertyp Ruud van Nistelrooy oder Luca Toni, schirmen Bälle ab, entweder knipsen sie dann ins Tor oder sie passen den Ball auf die Außen bzw. andere schnell Nachgerückte. "Das heißt: alle Macht den Außen!", meint Nopp. Egal, ob in einem 4-4-2 mit vorgezogenen Flügelspielern gespielt wird, wie es die Deutschen tun, oder in einem anderem System, der Fokus wird zunehmend auf die Außenbahnen gelegt. Der Grund für die Verlagerung auf die Flügel: Im Zentrum werden die Räume oft komplett dicht gemacht (bei der deutschen Mannschaft vornehmlich von Frings und Ballack).

Will man eine Abwehr ausspielen, ist es nötig, das äußerste Glied einer Viererkette zu isolieren und den eigenen Flügelspieler in eine Eins-gegen-Eins-Situation zu bringen. Genau deshalb müssen die Außen schnell und laufstark sein, exzellent dribbeln können und zudem Zug zum Tor besitzen, so wie es Portugals Cristiano Ronaldo beherrscht.

Der Fußball wird immer schneller - mit und ohne Ball

Sportwissenschaftler Nopp: "Klar ist, insgesamt wird der Fußball schneller. Das betrifft zwei Arten von Schnelligkeit: zum einen, einfach grundschnell zu sein, also zu laufen, diese läuferische Mehr-Leistung dann aber auch richtig einzusetzen, wie etwa der Franzose Flamini, der ca.15 Kilometer pro Spiel meist sinnvoll rennt. Schließlich sind auch alle sonstigen Handlungen schneller auszuführen - mit und ohne Ball."

Bei aller Perfektion und Akribie: Nimmt man die Leistungen der deutschen Mannschaft aus der Vorrunde, haben die Erkenntnisse der Kölner Sportstudenten offenbar nicht recht gefruchtet. Besonders im Spiel gegen Kroatien wirkten die Deutschen gegen das flexible Angriffsspiel von Modric & Co. beinahe ein wenig hilflos. Nun geht's gegen Portugal - und da wartet dann schon wieder ein neues, dickes Dossier auf die Nationalspieler.


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