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EM 2008: Odonkor, warum nur?

Der Mann aus dem Nichts, der große Gewinner von Mallorca - und die Personalie des Bundestrainers, die für die größten Diskussionen sorgt: David Odonkor hat es in den EM-Kader geschafft. Er ist der Nationalspieler, dem es wohl am meisten bedeutet, für Deutschland zu spielen.

Von Wigbert Löer, Palma de Mallorca

Da war man sich in Deutschland einig: Der große Fußball ist einfach eine Nummer zu groß für ihn. Klar hatte David Odonkor auffällig gespielt, wenn er während der Fußball-WM in Deutschland eingewechselt wurde. Natürlich hatte er die Vorlage zum wichtigen 1:0 gegen Polen gegeben, gegen Argentinien gewirbelt. Er wurde zu einem der Gesichter der jungen, netten WM-Jungs, lächelte mit Poldi, Schweini und Lahm um die Wette, als sie die Medaillen für Platz drei um den Hals gelegt bekamen. Aber dann? Wechselte er von Dortmund in die spanische Liga zu Betis Real, dem kleineren der beiden Sevilla-Klubs. Und bekam da keinen Boden unter den Füßen. Odonkor? Abgehakt. So schien es.

Von allen Kandidaten, die nun für Bundestrainer Löws Streichliste benannt wurden, war er der Erste. Der Allererste. Und selbst gestern abend im Testspiel gegen Weißrussland schien er sein Image zu bestätigen: Das eines eindimensionalen Spielers, der schnell, aber im Grunde nur geradeaus laufen kann. Im Trainingslager lobte nicht nur einer seiner Mitspieler die zielgenauen Flanken und die Dribblings von Marco Marin. Der Gladbacher verzückte alle, die Medien feierten ihn als "Mini-Messi", Joachim Löw überhäufte ihn mit Lob. Selbst Patrick Helmes vom 1. FC Köln hätte an der Außenseite des Mittelfelds spielen können. Doch die Offensivspieler Helmes und Marin fahren nach Hause. Odonkor bleibt. Warum?

Einsichtiger Muster-Profi

Der 24-Jährige ist einer der Profis, die sich bemüht haben, die Vorgaben des Trainerstabes der Nationalelf konsequent umzusetzen. Nach einem katastrophalen ersten Jahr bei Betis, das er sportlich weitgehend im Abseits und sozial beinahe vollkommen isoliert ertrug, wechselte der Westfale den Berater. Odonkor, das war ihm dann doch klar geworden, fand sich in der südspanischen Metropole nicht allein zurecht. Sein neuer Agent Hinnerk Fauteck brachte ihn mit einem Deutsch-Spanier zusammen, der in Sevilla lebt und Odonkors Anlaufstelle im Alltagsleben wurde.

Erste kleine Erfolge beim Erlernen der spanischen Sprache stellten sich ein, die Hürde wurde kleiner, die unter seinem Trainer im ersten Jahr, dem Argentinier Hector Cuper, unüberwindbar schien: Er stelle nur auf, mit wem er Spanisch reden könne, hatte Cuper dem Deutschen bedeutet, basta.

Odonkor robbte sich in seinem zweiten Jahr langsam an die Stammelf heran. Doch im Herbst verletzte er sich am Knie. Was er dann tat, dürfte in der sportlichen Leitung des DFB-Teams auf größte Zustimmung gestoßen sein: Odonkor engagierte einen Fitnesstrainer aus Deutschland, schob Extra-Schichten, zeigte sich als einsichtiger Muster-Profi. Das Trainerteam um Jogi Löw nahm diese Entwicklung zufrieden zur Kenntnis. Und am Ende der Saison spielte er wieder in Sevilla, viermal länger als eine halbe Stunde, einmal sogar über 90 Minuten.

Präzisionswaffe für 30 Minuten

Joachim Löw gab ihm eine Chance gegen Weißrussland, stellte ihn in die Startelf und nahm ihn, was viele überraschte, erst kurz vor Schluss vom Feld. Wer Odonkor mit technisch versierteren Mitspielern und Konkurrenten um einen Platz im endgültigen Kader verglich, war sich dennoch sicher, dass es nicht reichen würde. Aber genau da liegt der Fehler: Odonkor ist natürlich in seinen Fähigkeiten limitiert. Aber Löw sieht ihn als Präzisionswaffe, die nur 20, 30 Minuten funktionieren muss. Er muss die Linie runterlaufen und flanken können. Und genau das hat er - anders als Helmes, anders als Marin - bereits gezeigt, dass er auf den Punkt genau der Nationalmannschaft helfen kann. Wie Jens Lehmann und Christoph Metzelder profitiert David Odonkor von der Überzeugung im Trainerstab, dass Erfahrung ein hoher Wert ist.

David Odonkor ist womöglich der Spieler, dem die Mitgliedschaft im DFB-Team am meisten bedeutet. Er fühlt sich wohl, er fühlt sich auserwählt. Er begreift es als Ehre, zur EM fahren zu dürfen. Er wird in den nächsten Wochen so prächtiger Stimmung sein wie niemals seit der WM.

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