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EM-Fernsehkritik, Tag 14: Netzer verbreitet Angst und Schrecken

Natürlich verzeiht man einem moderierenden Fußballer wie Günter Netzer die ständigen "ähs". Aber müssen denn gleich Herden von Phrasenschweinen durchs Dorf getrieben werden? Unabhängig davon, wie die EM für das DFB-Team ausgeht - Netzers Kommentare spielen nur im Mittelfeld.

Von Michael Rossié

Das Vereinslokal von Borussia Mönchengladbach war gleich bei meinen Eltern um die Ecke, und außer auf dem Spielfeld konnte ich Günter Netzer immer dabei beobachten, wie er Berge von Spaghetti mampfte und wortlos mit großen Augen die Fernsehserie "Bezaubernde Jeannie" sah. Seitdem ist viel passiert. Heute verdient Günter Netzer sein Geld damit, dass er redet.

"Deutsche Tugenden haben wir noch am besten. Und damit verbreiten wir Angst und Schrecken." sagte Experte Netzer nach dem Spiel gegen Portugal. Das ist doch ein beherzter Satz. So griffig ist es nicht immer. "Er hat eine Mannschaft, die eine Mischung bedeutet aus sehr, sehr jungen Leuten." Da verstehe ich nicht so genau, was da gemischt sein soll. "Ribéry zwingt niemanden, ins zweite Glied zu steigen." Das verstehe ich, aber ehrlich gesagt hätte ich das von Ribery auch nicht erwartet, das tut doch weh.

Herden von Phrasenschweinen durchs Dorf getrieben

Natürlich verzeiht man einem moderierenden Fußballer die ständigen "ähs" oder dass er das Wort technich nicht aussprechen kann. Aber müssen denn gleich Herden von Phrasenschweinen durchs Dorf getrieben werden? "Die Torverwertung ist schlecht gewesen." oder "Er hat zu wenige Tore geschossen. Er war zu wenig aussagekräftig in dieser Richtung." So redet man, wenn man nach Minuten bezahlt wird. Ständig wird von "Spielermaterial" gesprochen, Spieler sind "wichtige Personalien", da wird "nach vorne operiert" und kein Satz ohne "lauffreudig" und "einsatzfreudig". Ergänzt immer von Herrn Delling, der das jetzt "sagen muss" oder "ehrlich sagen muss". Der Rest scheint also gelogen zu sein. Wie zum Beispiel, dass "die Rumänen die Italiener einschläfern". Das hat wohl die Polizei verhindert. Aber dass die Schweden "am Kopf von Ibrahimovic hängen", kann ich mir trotzdem nicht vorstellen. Einmal war es regelrecht anti-deutsch: "Da wird Lahm Gott sei Dank niedergestreckt." Gut, dass Fußballer nicht mit Pistolen schießen. Manchmal liegt er auch nur daneben: "Die Deutschen sollen sich nicht so viel um die Kroaten kümmern." Prompt haben wir gegen die Kroaten verloren. Die Mannschaft hat seine Sätze einfach ernst genom-men. Das sollte man nicht tun.

Aber Netzers Beobachtungsgabe ist wirklich bemerkenswert. Nach dem Sieg über Österreich hat er "eine Erleichterung festgestellt." Dazu braucht man den großen Strategen. Oder: "Die Gefahr ist groß, dass eine der drei Mannschaften die Gruppe nicht übersteht." Wenn zwei Mannschaften pro Gruppe weiterkommen, ist das eine völlig richtige Einschätzung. "Solange es 0:0 steht, kann immer etwas passieren." Der Mann ist Klasse. "Es ist unsere große Aufgabe, das Spiel siegreich zu gestalten." Schön gesagt, oder? Jedes Wort tausend Euro. "Der Ball läuft von Natur an schon." Nicht ganz so schön gesagt, aber wir wissen ja, was er meint. "Da ist sehr viel passiert, personeller Natur." So spricht man, wenn man modern sein will. "Wir müssen den Weg nach vorne wählen."

Fließende Bewegungen von vorne nach hinten

"Da müssen fließende Bewegungen von vorne nach hinten und umgekehrt stattfinden." Das war mir bisher neu. "Die deutsche Mannschaft hat sich einen schlechten Dienst erwiesen, indem Gomez die Torchance nicht genutzt hat." Das ist jetzt wieder klar, und so richtig.

Dabei ist Netzer ganz konkret: "Sie haben es nicht geschafft, ihr Spiel in die modernen Gegebenheiten umzusetzen." Denken Sie ruhig ein wenig darüber nach. Aber besser kann das ein anderer Fußballer auch nicht sagen. "Wenn man die Portugiesen Fußball spielen lässt, gerät man in einen fürchterlichen Nachteil." Wir wissen bald auch schon welchen: "Wenn die deutsche Mannschaft in der Vorrunde ausscheidet, muss das irgendwelche Folgen haben." Hätten Sie das gewusst?

Kommentare garniert mit verbalen Stolperern

Die Kommentare werden dann garniert mit ein paar hübschen verbalen Stolperern. Da ist die Überraschung "faustdick", nicht die Lüge, da "bordet die Enttäuschung über", da sind "Spiele an der Zeit vorbeigegangen" (die haben sich einfach verlaufen), und "Sie haben sich mit dem eigenen Schopf gezogen." (so kommt man schneller vorwärts). Doch die Krone gebührt Herrn Rehhagel, denn "Otto hat in einer völlig anderen Sprache Erfolge geleistet."

Ich hab eine Menge Dinge erfahren, die ich noch nicht wusste. Der schwedische Trainer "hat immer Mannschaften, die über 90 Minuten gehen können." Das hat mich sehr beruhigt. Dafür hat mich folgender Satz regelrecht erschreckt: "Die Schiedsrichter sind im Regelwerk gefangen." Die müssen wir unbedingt befreien. Aber es gibt auch sehr Erfreuliches: "Ballack hat sich weiterentwickelt, indem er jetzt auch anfängt zu sprechen." Gratulation! Da wächst ein neuer Kommentator für die ARD heran.

Unabhängig davon, wie die EM für die Deutsche Mannschaft ausgeht, was die Kommentare zum Fußball in der ARD angeht, spielen wir nur im Mittelfeld. Was Herr Netzer über Ballack sagt, gilt auch für ihn. Ich wünsche mir Günter Netzer "ausgeprägter".

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