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Endspiel-Countdown: "Sex for Tickets"

Es knistert in Wien, die Faninvasion hat mittlerweile das Herz der österreichischen Metropole erreicht. Deutsche und Spanier feiern gemeinsam die größte Party dieser EM - völlig aggressionsfrei. Ein Situationsbericht mitten vom Stephansplatz von Klaus Bellstedt.

Wien, Sonntag, 15 Uhr, Stephansplatz, noch knapp sechs Stunden bis zum Anpfiff des EM-Endspiels zwischen Deutschland und Spanien. Und tatsächlich: Die deutschen Fans sind auch aufgewacht. Der zentrale Platz im Herzen der österreichischen Hauptstadt, er befindet sich mittlerweile fest in schwarz-rot-goldener Hand. Aber das war nicht immer so. Die Morgenstunden in Wien gehörten ganz eindeutig den spanischen Schlachtenbummlern, "Que viva Espana" oder auch "Adios Alemana", die Gesänge der iberischen Fans schallten vor der Mittagsstunde so laut durch die Gassen, dass man meinen konnte, man befinde sich in Madrid.

Aber das hier ist nicht Wien, das hier ist jetzt Berlin oder Hamburg oder München. "Der Abend war hält länger gestern. Wir mussten erstmal auspennen", ein Fan aus Wietzen bei Nienburg an der Weser, der sich zusammen mit seinen zwei Kumpels am Samstagfrüh auf den Weg nach Wien gemacht hatte, erklärt die späte deutsche Faninvasion mit glasklarer Logik.

Alkohol fließt in Strömen

Wodka Redbull, Bier, Wodka. Die Niedersachsen sind gezeichnet von ihrer durchzechten Nacht. Tickets haben sie nicht. "Wir wollten einfach die Stimmung hier erleben." Und die ist wirklich grandios. Wer Emotionen und Fußballfans mag, für den ist Wien an diesem Sonntag der Nabel der Welt. Natürlich fließt der Alkohol in Strömen, aber der Gänsehautatmosphäre auf dem altehrwürdigen Stephansplatz zwischen Zentrum und Fanmeile tut das keinen Abbruch.

Im Gegenteil: Im Vorfeld einer derartig wichtigen Partie wurde wohl selten so friedlich, fröhlich und ausgelassen gefeiert. Die deutschen dominieren das Stadtbild, aber die Spanier mit ihren Trommeln und Fahnen haben sich einfach darunter gemischt. Gemeinsam wird gesungen, sich umarmt und, - es wird sich lernfähig gezeigt. "Que viva Espana" kann auch der Bayer singen, das "Humba Humba tätärä" klingt aus spanischen Kehlen zwar etwas lustig, aber einen Versuch ist es auf jeden Fall wert. Von Aggressivität weit und breit keine Spur. Deutschland und Spanien, nie standen sich die beiden europäischen Mächte so nah wie an diesem Sonntag.

Fans strömen in die Kirchen

Auch der Glaube an den lieben Gott vereint die Fans in Wien. Niemals hat der Stephansdom so viele Kerzen auf einmal gesehen, versichert mir eine einheimische alte Dame. In Scharen strömen die Anhänger beider Länder immer wieder in das Gotteshaus, in der Hoffnung auf Beistand von oben für die kommenden nervlich so schweren Stunden. Eintrittskarten hat hier kaum jemand, der Schwarzmarkt scheint völlig zum Erliegen gekommen sein. Die Engländer, die normalerweise dieses Geschäft fest in ihren Händen halten, beschränken sich darauf, T-Shirts an den Mann oder an die Frau zu bringen. Aber für die Engländer und ihre völlig überteuerten Shirts interessiert sich in der Hitze von Wien niemand. Wohl aber für Tickets!

Die Nachfrage nach den Raritäten treibt am Stephansplatz seltsame Blüten. Da steht ein Mann mit Sonnenbrille auf einer Bank und hält ein selbst gebasteltes Schild mit der Aufschrift "Sex for Tickets, only girls please" in die Höhe. Der Mann ist Deutscher und erregt mit seinem gleichsam unmoralischen wie verzweifelten Angebot die Aufmerksamkeit der Kameras. Und der Wiener? Der schaut sich das bunter Treiben aus sicherer Distanz an, manch Einheimischer schüttelt den Kopf und lacht dabei, so viel Feierwütigkeit und Unverkrampftheit hatte man dem nördlichen Nachbarn dann doch nicht zugetraut.

Aus tausenden Kehlen wird jetzt um Punkt 16 Uhr die deutsche Nationalhymne angestimmt, dazu spielt ein Orchester aus München - einfach nur herrlich. Und während die spanischen Fans stimmlich mit ihrer Hymne ohne Text versuchen dagegenzuhalten, köpfen die drei Jungs aus Norddeutschland das nächste Flaschenpils, von einem Straßenhändler soeben für eine astronomische Summe ersteigert. Kühl ist was anderes, aber die Burschen sind hart im Nehmen: "Je wärmer das Bier, umso besser." In sieben Stunden kann nur einer Europameister werden, aber zum Feiereuropameister habe sich Spanier und Deutsche bereits gemeinsam gekürt.

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