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Franck Ribéry: Angst um den kleinen Zauberer

Auf einem kleinen Dribbler ruhen die Hoffnungen der Franzosen. Er soll bei der EM in die Fußstapfen des großen Zidane treten. Doch vor dem Auftakt-Match gegen Rumänien hat sich nicht nur das Wetter im Trainingslager der Franzosen eingetrübt.

Von Oliver Trust, Chalet Saint-Denis

Franck Ribéry schaut, als wolle er sagen: "Hört es denn nie auf zu regnen." Er sagt es nicht. Er denkt es nur. Jeder kann das sehen. Sein Gesicht spricht Bände. Vielleicht geht er deshalb an diesem Donnerstag früher vom Trainingsplatz. Das Wetter ist seit Tagen lausig. Nebel und Regen, und Regen und Nebel. Die Gegend um den Genfer See kann so schön sein. Vielleicht liegt es am schlechten Wetter, dass nun der Knöchel schmerzt und er gehen muss.

Ribéry darf nicht ausfallen

Es kommt ein wenig Sorge unter den französischen Journalisten auf. Kapitän Patrick Vieira plagt sich schon mit einer Verletzung herum. Ribéry darf nicht auch noch ausfallen, nicht für das erste Spiel am Montag gegen Rumänien. Ribéry ist wichtig, die Franzosen brauchen ihn, weil er gegen die Angst vor einem Turnier ohne Zinedine Zidane hilft. Ribéry trauen sie das zu. Der kleine Mann aus dem Mittelfeld kann helfen, das Besondere wiederzufinden, was sie seit "Zizous" Abgang verloren zu haben glauben.

Ribéry ist ein Zauberer, den auch die Deutschen seit seiner ersten Saison in der Bundesliga ins Herz geschlossen haben. Die "L'Equipe" nannte ihn den "Le Roi de Munich". Ein ganzer Verein hat wieder Hoffnung geschöpft, als er aus Marseille kam. Und, wenn einer einem ganzen Klub allein neue Hoffnung geben kann, dann muss er ein Zauberer sein.

Auch am Tag nach dem Schmerz im Knöchel ist Ribéry nicht da. Es regnet immer noch, als sei das das Sommerprogramm im Westen der Schweiz. Er werde gepflegt, heißt es, und er werde rechtzeitig fit. Heute ist Freitag. Drei Tage vor dem Rumänienspiel. Gleich neben der Autobahn nach Lausanne steht ein riesiges, weißes Zelt, das einer Stadt gleicht, die am hinteren Stadttor einen Eingang für VIPs der Equipe Tricolore samt einem eigenen VIP-Dixi-Toilettenhäuschen bietet. Bewacht von grimmigen Männern, die ausschauen, als hätten sie sich ihre Anzüge beim Kostümverleih gemietet.

Schwindeln aus dienstlichen Gründen

"Im Augenblick ist er einer von 23, wenn er spielt, ist er einer von elf", sagt Trainer Raymond Domenech und schwindelt dabei. Man könnte sogar sagen, er lügt. Aus dienstlichen Gründen. Auch, wenn Ribéry ausfallen sollte, muss es ja weitergehen. Der knurrige Domenech kann sich nicht hinstellen und für den Fall der Fälle den Rückzug verkünden.

Jetzt sitzt Domenech im Zelt und spricht über den Mann, der gar nicht da ist, sondern im "Mirador Kempinski", in dem die Suite der Suiten 10.000 Franken kostet. Nicht erst seit die Franzosen hier sind, gibt es das "Centre Medical Mirador". Gäbe es das nicht, sie würden es jetzt für ihn bauen.

"Es wird immer nur einen Zidane geben", sagt Claude Makelele, den sie das "Hirn der Abwehr" nennen, das mit 35 schon ziemlich alt und erfahren ist. Ribéry ist jung, und er ist die Zukunft, auf jeden Fall ein dicker Stützpfeiler davon. Und sie brauchen ihn. "Wir haben viele, die zusammen mit ihm in die Rolle Zidanes schlüpfen können", sagt Makelele, der mit Michael Ballack beim FC Chelsea spielt. "Zidane ist eine eigene Welt", sagt Domenech und schwindelt nicht mehr, nur ein bisschen vielleicht. "Es wäre ungerecht, Ribéry auf die Ebene von Zidane zu ziehen, Ribéry ist eine eigene Persönlichkeit." Und Ribéry ist nicht da. Selbst die nahen Weinberge sehen traurig aus.

Sie schimpften ihn Quasimodo

Neben Vieira ist er der Chef. Fast unantastbar. Seine Genialität ist sein Schutzpanzer. Das war schon als Kind so, weshalb er früh in seinem Leben wuchs. Mit zwei flog er durch die Windschutzscheibe, als sein Vater fuhr. Die Narben in seinem Gesicht sieht man immer noch. Sie sind sein Markenzeichen. Was aus einem Kerl wird, den die anderen "Quasimodo" schimpfen oder "Frankenstein", kann man sich denken. Entweder, er geht unter, oder er wird stark. Der Fußball ist Ribéry Waffe. Und seine Tricks. "Das hat damals verdammt weh getan", erzählt Ribery in Interviews. "Ich habe geheult, meine Güte, was habe ich geheult, und ich bin weggelaufen." Irgendwann blieb er und schlug zurück. Mit den Fäusten und mit Fußball.

Es ist sicher, es gibt keinen wie ihn. Ribéry ist so einzigartig wie Zidane, die Lichtgestalt. Auf seine Art. Schnell, trickreich, grob und spitzbübisch. "Ich habe meine ganze Wut in mein Spiel gepackt. Die Narben haben mir mehr geholfen als geschadet", sagte er dem "stern".

Irgendwann kommt in jedem Interview der Moment, wo Ribéry die Fragen stellt. "Na", sagt er dann. "Willst du nicht fragen? Warum ich keine Schönheitsoperation mache? Du denkst doch schon länger darüber nach, nicht wahr?" Er lacht und sieht die Verlegenheit im Gesicht des anderen. 15 Zentimeter lang ist die Narbe rechts im Gesicht, 10 die auf der Stirn. "Die Zähne stehen schief, und das eine Auge ist kleiner als das andere". Er sehe dies Gesicht seit 23 Jahren. Jeden Morgen. Er lacht.

Er hat sich durchgekämpft

"Ich komme aus einer Betonsiedlung im Norden Frankreichs, da ist man nicht zimperlich im Umgang miteinander." Er hört auf, Schweinefleisch zu essen und heiratet Wahiba. Er konvertiert zum Islam und heißt nun Bilal . Hier im Zelt heißt er Ribéry und ist als Spaßvogel bekannt, der Zahnpasta auf Türklinken schmiert. Keiner ist so verrückt. Auch nicht bei den Bayern. Keiner ist so unberechenbar. Er hat sich durchgekämpft bis ins Heute.

Es dauerte lange, bis er den bescheidenen Verhältnissen entfliehen konnte. 2002 bekommt er seinen ersten Profivertrag. In der dritten Liga und bald kein Geld. Er arbeitet mit seinem Vater auf dem Bau. Ein Knochenjob. Er landet doch noch als Kicker in Metz und flüchtet nach Istanbul. Wieder gibt es kein Geld. Auch dort, obwohl man mit ihm siegt. Er geht - wieder einmal. Marseille, die Bayern und heute der Regen. "Heute", sagt Ribéry über Frankreichs Team, "gibt es viel mehr junge Spieler als vor zwei Jahren. Vorher war die Erfahrung unsere größte Qualität. Nun ist es die Unbekümmertheit. Beide Generationen sind sehr stark. Ich glaube, dass wir weiter sind als 2006 - also noch eine Stufe höher." In einem Interview sagte er über sich: "Ich habe mich in der Nationalelf ziemlich schnell durchgesetzt. Ich gehöre nun zu den wichtigsten Spielern. Im großen weißen Zelt der Franzosen tropft der Regen von den Wänden und den Nasen der Bodyguards. Der VIP-Eingang ist geschlossen, und auf dem VIP-Dixi-Klo war niemand an diesem Tag, an dem Ribéry nicht da war und doch alle über ihn sprachen.

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