Portugal-Trainer Scolari Erst der Titel - dann zu Chelsea


Er weiß, wie man Deutschland schlägt, aber auch wie man verliert: Mit Brasilien besiegte Trainer Luis Felipe Scolari die Deutschen bei der WM 2002. Mit Portugal verlor er vier Jahre später das Spiel um Platz drei. In diesem Jahr kommt es zum erneuten Aufeinandertreffen - doch der Coach ist mit seinen Gedanken schon ganz woanders, fürchtet man in Portugal.
Von Oliver Trust

Es ist kaum ein Jahr her, da fand sich Luis Felipe Scolari in einer schwierigen Lage. Es war im September, als er den serbischen Verteidiger Ivica Dragutinovic mit einem Fausthieb ans Kinn attackierte. Das Ganze trug sich in Portugals Fußballtempel Estadio da Luz in Lissabon zu. Nicht nur die Fußballwelt war schockiert, ganz Portugal fragte sich, ob man noch den richtigen Nationaltrainer habe. Das lag auch daran, dass sich der feurige Herr Scolari lange um eine Entschuldigung drückte und man den Ruf Portugals beschädigt sah.

Ist er noch der Richtige?

Die Frage, ob Scolari noch der Richtige sei, stellt sich in den Tagen der Euro 2008 eigentlich nicht, und trotzdem taucht sie auf. Wieder sieht sich Scolari in einer schwierigen Lage. Seit vergangenen Mittwoch, nach dem 3:1 der Portugiesen über Tschechien, steht fest, dass Scolari Portugal verlassen wird und für rund 5 Millionen Pfund pro Saison beim FC Chelsea, anheuert, wo auch der deutsche Kapitän Michael Ballack unter Vertrags steht. Er wolle nicht mehr lange Trainer sein, er sei bald 60 und mache den Job als Trainer nicht mehr bis 70. "Höchstens noch fünf Jahre", sagte der Brasilianer, der sein Heimatland 2002 zum WM-Titel im Finale gegen Deutschland geführt hatte. Schon seit Längerem kursierten aus dem Umfeld Scolaris erst Andeutungen, dann handfeste Aussagen, der 59-Jährige, strebe ein Engagement bei einem zahlungskräftigen Klub an und wolle dafür fürstlich entlohnt werden.

Rechtfertigung für seinen Chelsea-Wechsel

Nun tritt Scolari beim dritten großen Turnier für Portugal als Nationalcoach vor die Presse und muss sich rechtfertigen. Ob er denn noch wirklich bei der portugiesischen Sache sei, wird er gefragt. Er bejaht und fleht: "Aber was wollt ihr, ich bin doch noch da. Ich werde alles für Portugal geben, bis zum Ende".

In Portugal wird trotzdem diskutiert, und wenn Scolari verliert, wird man genau diese Fragen erneut stellen. War es ein Fehler, den Wechsel zu Chelsea mitten im EM-Turnier zu verkünden?. Dass es nicht sein Fehler war, ist erst mal egal. Scolari sitzt oben auf dem Podium und nicht der FC Chelsea und sein Mäzen Roman Abramovic. "So ein Angebot kommt nur ein Mal im Leben", sagt er. Verübeln kann man ihm den Schritt sicher nicht. Der manchmal hitzköpfige Scolari hat lange auf den goldenen Vertrag warten müssen.

Taktierer mit Raffinesse

So verteidigt er sich, wie er sich immer verteidigt, wenn einer eine kritische Frage stellt. Mit Leidenschaft und manchmal auch mit Raffinesse. So wie damals, bei der EM in Portugal, wo er vor dem Endspiel ein Gerücht bereitwillig für seine Zwecke nutzte: Markus Merk, der deutsche Endspielschiedsrichter, so hieß es damals, sei ein guter Bekannter von Otto Rehhagel, dem deutschen Trainer der Griechen. Und mehr noch. Merk kenne Rehhagel aus seiner Zahnarztpraxis, Rehhagel sei sein Patient, und die Deutschen würden im Finale gemeinsame Sache machen, um Portugal zu schaden. Was natürlich nicht stimmte. Scolari aber kam ein bisschen Feuer vor dem Endspiel ganz gelegen. Er verlor trotzdem, was zu den bittersten Stunden seiner Laufbahn gehört.

Nun will Scolari zum Abschied am liebsten nachholen, was man als Gastgeber vor vier Jahren knapp verpasst hatte. Bisher ließ sich die Sache auch ganz gut an, solange jedenfalls, bis die Nachricht vom baldigen Wechsel zum FC Chelsea bekannt wurde. Seitdem wird Scolari noch eine Spur misstrauischer beäugt.

Entschuldigung auf dem Pressepodium

Was zu Reaktionen wie der nach der 0:2-Niederlage gegen die Schweiz im bedeutungslosen letzten Gruppenspiel führte. Da saß Scolari bei der Pflichtpressekonferenz oben auf dem Podium und entschuldigte sich, als habe er den Kick im Alleingang verloren. Er habe den Fehler begangen, nicht alle Spieler getauscht zu haben. "Ich bin zu viel Risiko eingegangen", sagte er nachdem mancher Kandidat der A-Elf in der B-Elf spielte und mit einer gelben Karte belastet wurde, was zu einer Sperre in der K.o-Runde führen könnte, weil die Karten nicht verfallen.

Es klang als wolle er den berühmten Fado anstimmen, jenen traurigen, typisch portugiesischen Gesang. Manchmal geht Scolari aber auch anders an Dinge heran. Er schreit in der Kabine herum, tobt und scheint schnell in seinem Stolz verletzt. Einmal verließ er laut polternd eine Pressekonferenz, als ein Reporter seine Taktik kritisiert hatte. In der Schweiz ist Scolari in der Öffentlichkeit noch zurückhaltend. Um nach der Wechsel-Meldung seine Ruhe zu haben, sagte er eine Pressekonferenz ab und schloss die Tore zum Trainingsplatz.

Nur tröpfchenweise gibt er seine Gedanken preis. So müssen Aussagen zu künftigen Gegnern manchmal wie Puzzelteile zusammen gesucht werden. "Ich mag es, wie Deutschland spielt", lobt Scolari. "Und vergessen Sie nicht, auch in schwierigen Situation hat sich Deutschland immer gut verteidigt und das Spiel wieder in den Griff bekommen."

Vielleicht gefiel im das deutsche Spiel so gut, weil es ihn an sich selbst erinnerte. An den Faustschlag und auch an die schwierigen Tage in der Schweiz als aus London sein Abgang bekannt wurde. Eines aber steckt tief im Herzen des Gefühlsmenschen Scolari, er möchte Portugal zum Abschied den Titel schenken. Unbedingt.


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