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Türkei-Trainer: Post für Terim

Er polarisiert im türkischen Fußball wie kaum ein anderer: Mal schlägt Fatih Terim überschwängliche Bewunderung entgegen, dann wieder ätzende Kritik. Doch der Trainer der türkischen Nationalmannschaft íst Widerstände gewohnt. Noch zwei Siege, und der 54-Jährige könnte unsterblich werden.

Von Oliver Trust, Krems/Basel

Manchmal ist es schwer, mit Fatih Terim in Kontakt zu treten. Selbst Freunde spüren eine überraschende Distanz. So kommt es, dass sie Umleitungen in Anspruch nehmen müssen, um mit dem Mann zu kommunizieren, der ihnen bisher so vertraut erschien. So rief Terim vom Podium einer Pressekonferenz herab: "Schämt ihr euch denn nicht." Es war die Retourkutsche für beißende Kritik, die auf hin herabregnete, als die Nation daheim nicht zufrieden war. Anfang Juni trug sich das zu.

In diesen Tagen der Freude sind die speziellen Begebenheiten des türkischen Fußballs und ihres Nationaltrainers in der Donaustadt Krems in den Hintergrund getreten. Man bereitet sich auf das Jahrhundertspiel gegen Deutschland am Mittwoch in Basel vor. Trotzdem zeigt es wie zerbrechlich die einmal erklärte Liebe sein kann, beide Seiten - Terim und die Journalisten als gewissen der Heimat - spielen damit. Hincal Uluc, einer der bekanntesten Sportjournalisten des Landes, der Terim privat nahe stehen soll, schrieb dem "Imparator" (was auf türkisch Kaiser bedeutet) in der Zeitung "Sabah" einen offenen Brief. Trotz aller Freundschaft und Hochachtung werde er Terim weiter kritisieren. "Du tust deine Arbeit, ich tue meine", schrieb Uluc. Schließlich habe man das Viertelfinale nur wegen eines Torwartfehlers erreicht.

Abfällige Gesten, martialisches Gebrüll

Der 54 Jahre alte Terim reagierte, auf seine Art, die nach einem einfach Muster funktioniert: keine Niederlage eingestehen, aber auch keinen Sieg der Gegenseite. Kritik gehöre zum Job des Journalisten, aber er verabscheue Lügen. Man darf sich also über den Mann wundern, der wie ein Schmusekätzchen auftritt und einem als Vulkan mit abfälligen Gesten und martialischem Gebrüll an der Seitenlinie Angst einflößt. Gesten gehören in der Türkei dazu und Terim beherrscht sie wie ein Politiker. Im Dienste der Sache waren auch die Tränen, die Staatschef Recep Erdogan auf der Tribüne vergoss als Termin von Erfolg zu Erfolg eilte.

Nirgendwo kippt die Stimmung schneller als in der Türkei, nirgendwo können Zuneigung und Gunst in Sekunden wieder entzogen werden. Ein Schuss an den Pfosten reicht, um den Strom der Emotionen anschwellen zu lassen. Die gleichen Medienleute, die Terim gnadenlos in die Pfanne hauen, klatschen, wenn der zur Pressekonferenz kommt. "Komödienstadl" nannte es der Züricher "Tagesanzeiger". "Als erstes möchte ich Ihnen alles Gute wünschen", sagte ein Journalist zu Terim. "Einen schönen Abend meine Damen und Herren, und danke, dass Sie uns die Daumen drücken."

"Schwerer als jede Niederlage"

Terim richtete dem Schweizer Alex Frei beste Genesungswünsche aus, der Stürmer hatte sich im ersten Gruppenspiel verletzt. Und er richtete das Wort an Köbi Kuhn, den Nationaltrainer der Schweiz, dessen Frau während des Turniers ins Krankenhaus gebracht werden musste. "Wenn im Privatleben jemand nicht gesund ist, wiegt das schwerer als jede Niederlage", sagte er im Flötenton. Die Vorstellung kam vor allem bei den Schweizern nicht besonders gut an, weil seit Terim seit November 2005 als es beim WM-Qualifikationsspiel zwischen der Türkei und der Schweiz in Istanbul zu schweren Übergriffen zwischen türkischen Spielern, türkischen Offiziellen und Sicherheitsleuten und Schweizern gekommen war, misstrauisch betrachtet.

Beide Seiten wurden bestraft, die Türkei als Hauptverursacher der Vorfälle ausgemacht, bekam eine Platzsperre aufgebrummt. Terim, so der Schweizer Vorwurf habe, ordentlich mitgezündelt. Heute ist Terim zahm. Er steht vor einem weiteren großen Spiel und vor einem weiteren großen Triumph. Was man sich in der Türkei einfallen lassen wird, wenn er Deutschland schlägt, wird unvorstellbar sein. Terim gehört zu den Trainerschwergewichten des Landes. 1996 führte er die Türkei zum ersten Mal in der Geschichte zu einer EM.Seit Juni 2005 ist er wieder der "erste Trainer" des Landes.

Sohn eines Moschee-Dieners und einer Pistazienverkäuferin

In seiner Biografie stehen strahlende Erfolge mit Galatasaray sowie unglückliche Engagements beim AC Florenz und dem AC Mailand. 2000 gewann er mit Galatasary in Kopenhagen gegen Arsenal den Uefa-Cup. Terim ist ein Beispiel dafür, wie schnell ein sozialer Aufstieg durch Fußball gelingen kann. Aus einfachen wirtschaftlichen Verhältnissen - als Sohn eines Moschee-Dieners und einer Pistazienverkäuferin - gelang ihm der Sprung in die obere Schicht. Dass für seinen Sohn nur Fußball zählt bekam sein am Bein behinderter Vater zu spüren. Der Filius ließ die Schule Schule sein und musste im zweiten Lehrjahr die Automechanikerlehre beenden. "Ich wuchs als Arbeitersohn ohne Gut und Haben mitten in Adana auf" wird Terim auf einer Fanseite zitiert. Er wurde Profi.

Auf dem Weg zur Unsterblichkeit

Was ihn auszeichnete war ein unstillbarer Ehrgeiz, der ihn bis heute antreibt. Im Buch "Süperlig", einem profunden und lesenswerten Werk über den türkischen Fußball, wird der in Mannheim geborene ehemalige Galatasaray-Profi Davala zitiert: "Terim trieb uns immer weiter an. Er war schon knochenhart, aber die meisten empfanden ihn trotzdem eher wie einen großen Bruder oder einen Vater." Das hat sich bis heute nicht geändert. Terim könnte nun endgültig unsterblich werden - mit einem Sieg über Deutschland und vielleicht dem EM-Titel.

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