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Deutschland - Türkei: So kommen die Deutschen ins Finale

Mit der gleichen Startelf wie gegen Portugal, also ohne Torsten Frings, tritt die deutsche Mannschaft heute im EM-Halbfinale gegen die Türkei an. (ab 20.30 Uhr im stern.de-Liveticker). Bei der Elf von Trainer Fatih Terim dagegen sind die Stars und fast alle Leistungsträger verletzt oder gesperrt. Doch gerade deswegen erwartet die Löw-Truppe ein heißer Kampf um den Finaleinzug.

Von Nico Stankewitz

Deutschland ohne Ballack, Lehmann, Schweinsteiger und Klose? Dazu fallen auch noch Mertesacker und Frings aus? Egal, Augen zu und durch. So etwa ist die Situation bei der Türkei, Halbfinalgegner der deutschen Nationalelf in Basel. Trainer Fatih Terim wird eine Elf von Nobodys in dieses wichtigste Spiel seit der WM 2002 schicken müssen, denn mit Kapitän und Torjäger Nihat, sowie den drei wichtigsten Mittelfeldspielern Emre, Tuncay und Arda Turan fehlt die gesamte Offensivabteilung.

Massive Probleme in der Defensive

Da mit Servet Cetin und Torhüter Volkan auch die beiden zentralen Figuren der türkischen Defensive ausfallen, ist Terim auch im Abwehrblock zur massiven Improvisation gezwungen. Neben dem einzig verbliebenen gelernten Innenverteidiger Gökhan Zhan wird wohl Abwehr-Allrounder Mehmet Aurelio als zweiter Innenverteidiger auflaufen.

Für den naturalisierten Brasilianer ist es eine ungewohnte Position, zudem fehlt er im zentralen Mittelfeld. Alternativ könnte Linksverteidiger Hakan Balta auch in die Zentrale rücken - in jedem Fall wird eine absolute Notbesetzung auflaufen, die nicht eingespielt ist und gravierende individuelle Mängel aufweist.

Die Schwächen des schwerfälligen Gökhan Zhan gilt es zu nutzen, auch die fehlende Abstimmung in diesem Bereich wird Lücken öffnen, die es mit schnellem Passspiel zu nutzen gilt.

Unsicherheiten von Rüstü

Hinzu kommen viele Unsicherheiten von Ersatzkeeper Rüstü, der zuletzt wenig Spielpraxis hatte und im Spätherbst seiner Laufbahn steht. Bei der WM 2002 spielte der 35-Jährige noch ein sehr starkes Turnier, seitdem befindet sich Rüstü in einer Abwärtsspirale, die ihn auch den Stammplatz im Nationalteam gekostet hat. Vor allem in der Strafraumbeherrschung hat der Routinier grobe Mängel.

Ein besonderes Thema ist die rechte Außenbahn, wo - wenn auch nur widerwillig - der Bayern-Profi Hamit Altintop ein ganz starkes Turnier gespielt hat. Die Personalnot zwingt Terim auch hier zu Umstellungen, Altintop dürfte zentral spielen und mit Sabri dafür ein sehr offensiver Außenbahnspieler zum Einsatz kommen. Eine weitere Sicherheitslücke im türkischen Deckungsverband, die insbesondere Lukas Podolski ausnutzen könnte.

Insgesamt scheint es erfolgversprechend mit zwei robusten Mittelstürmern zu agieren, die türkische Innenverteidigung früh zu attackieren und zu Abspielfehlern zu zwingen. Beide Flügel sind verwundbar, auch Flanken werden in der Zentrale für Gefahr sorgen.

Psychologie entscheidet über Finaleinzug

Die psychologischen Voraussetzungen könnten für die deutsche Elf nicht schlechter sein: Ohnehin Favorit, ist die Ausgangsposition durch die vielen türkischen Ausfälle auf dem Papier noch um ein Vielfaches besser geworden, die Türkei scheint ein vollkommen chancenloser Außenseiter zu sein.

Gefährlich für die Mannschaft, den Fakt aus den Köpfen zu kriegen, dass man hier als hochfavorisiertes Team gegen eine B-Mannschaft von Underdogs antritt - ähnliche Voraussetzungen wie vor dem Gruppenspiel gegen Österreich.

Für die Türkei ist es dagegen genau umgekehrt, seit Tagen kultiviert Terim den Mythos des Außenseiters, der sich trotz aller Schicksalsschläge durchkämpft. Dem verbliebenen Häufchen von Spielern wird ein geradezu fanatischer Glaube an die eigene Stärke eingeimpft, gute Voraussetzungen, um in diesem Augenblick über sich hinauszuwachsen und das "Wunder" zu schaffen, den größten Erfolg in der Geschichte des türkischen Fußballs zu erreichen.

Kontergefahr bis zum Ende

Zum Psycho-Vorteil der Kicker vom Bosporus gehört auch der neu geschaffene Mythos der Last-Minute-Tore. In der Tat haben die Türken dreimal in Folge Spiele in den buchstäblich letzten Minuten noch gedreht, auch hier schafft es Glaube, manchmal Berge zu versetzen, das Selbstvertrauen der international zweitklassigen Spieler ist deswegen enorm.

Das Mittel zum Zweck sind dabei Konter über die Außenbahnen, Kazim und Ugur sollen Dribblings und Spurts anziehen und die einzige Spitze Semih (Torschützenkönig der Süperlig) mit Flanken versorgen. Zu beachten ist auch noch der quirlige Techniker Gökdeniz, der aber die deutsche Deckung nicht vor ernste Probleme stellen sollte.

Insgesamt ist Deutschland auf allen Positionen besser besetzt, Schlüssel zum Sieg könnte ein konsequentes Pressing sein, um türkische Fehler schnell auszunutzen und mit einer Führung auch psychologisch die Oberhand zu gewinnen. Die Chancen der Türkei steigen, solange der Favorit nicht in Führung geht.

Deutschland:

Jens Lehemann - Arne Friedrich, Per Mertesacker, Christoph Metzelder, Philipp Lahm - Thomas Hitzlsperger, Simon Rolfes - Michael Ballack, Lukas Podolski, Bastian Schweinsteiger - Miroslav Klose

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