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Übertragungspanne: Warum Béla Réthy zu früh jubelte

Ganz Deutschland hielt die Luft an: Während des EM-Halbfinales der DFB-Auswahl gegen die Türkei in Basel fiel das Fernsehbild für sechs Minuten aus. stern.de erklärt, wie ein Stromausfall in Wien einen europaweiten Blackout verursachen konnte und warum ZDF-Kommentator Béla Réthy oft einen Tick schneller war als die Spieler auf dem Platz.

Von Gerd Blank

Sechs Minuten können bei der Fußball-Europameisterschaft spielentscheidend sein. Die Türkei hat nicht mehr als sechs Minuten gebraucht, um zwei Begegnungen zu gewinnen. Beim Spiel Deutschland gegen die Türkei fiel das Fernsehbild am Mittwoch für sechs Minuten aus. Nicht nur für die Zuschauer ein Ärgernis, denn in dieser Zeit hätten Tore fallen können. Das Einzige, was der Fußballfan sah, war die Einblendung eines Bildes des Moderators Béla Réthy. Und ob man es glaubt oder nicht: Die Einblendung des Fotos war ein gutes Zeichen. Der Fehler lag also nicht beim ZDF. Der öffentlich-rechtliche Sender musste hilflos mit ansehen, wie die Zuschauer sprichwörtlich in die Röhre schauten.

Die Panne könnte laut ZDF-Sportchef Dieter Gruschwitz einen deutschen TV-Rekord verhindert haben. Im Schnitt sahen 29,54 Millionen (81,8 Prozent Marktanteil) die dramatische Partie. Das bedeutet EM-Rekord und Platz zwei in der ewigen TV-Hitliste hinter dem Halbfinale Deutschland - Italien (29,66 Millionen) bei der Heim-Weltmeisterschaft 2006. Fans beim Public Viewing und türkische Zuschauer wurden bei der Ermittlung der TV-Quote nicht erfasst.

Der Weg des Bildes

Normalerweise wird das Bild von solchen Veranstaltungen auf verschiedenen Wegen zur Sendezentrale geschickt. Die Sender sind meistens auf alle Eventualitäten vorbereitet und haben einen Plan B in der Tasche. Fällt ein Übertragungsweg aus, ist der zweite schnell aktiviert. Selten verlässt sich ein Sender nur auf einen Weg. In diesem Fall mussten die Mainzer sich aber auf den einzig offiziellen Weg verlassen, der über das Internationale Sendezentrum (IBC) führt. Diese Schaltzentrale für alle TV-Übertragungen der Euro 2008 befindet sich in Wien. Das ZDF ist, wie die meisten anderen Länder, vertraglich verpflichtet, das Signal über das IBC zu beziehen - selbst wenn das Material mit eigenen Kameras gefilmt wird.

Bis das Fernsehbild von der Kamera beim TV-Gerät ankommt, muss es einen langen Weg zurücklegen. Am Stadion steht ein Übertragungswagen, der das Fernsehsignal - ergänzt um die Kommentare der jeweiligen Sprecher - per Glasfaser oder Satellit zum IBC überträgt. Vom IBC wird das Signal wiederum - ebenfalls per Glasfaser oder Satellit - zu den Sendeanstalten geschickt. Beim ZDF in Mainz geht das Signal dann auf bewährten Weg in die Haushalte.

Ein Stromausfall im IBC sorgte dafür, dass dieses Signal nicht mehr zu den Kunden übertragen werden konnte. Die Uefa hat die Bild- und Tonausfälle beim EM-Halbfinale mit einer "Verkettung unglücklicher Umstände" erklärt. "Wir bedauern das zutiefst", sagte Alexandre Fourtoy, der Chef der Uefa Media Technology SA, am Donnerstag auf einer Pressekonferenz in Wien. Zu den Unterbrechungen führten demnach drei kurze Stromaussetzer und das Versagen des Sicherheitssystems. Die Stromausfälle hätten jeweils nur Millisekunden gedauert. "Diese reichten aus, um das System neu starten zu müssen", erklärte Fourtoy die Probleme im IBC, das auf dem Wiener Messe-Areal im Prater untergebracht ist. Zum Zeitpunkt der Live-Übertragung waren über Wien schwere Gewitter niedergegangen. In fast allen Ländern blieben die TV-Schirme für insgesamt 18 Minuten dunkel.

Lediglich das Schweizer Fernsehen und der arabische Sender al-Dschasira waren nicht vom Ausfall betroffen. Das Schweizer Fernsehen konnte sich das Signal ohne Umwege über Wien direkt vom Übertragungswagen am Fußballstadion in Basel abgreifen. Auch das Signal, welches das ZDF den Zuschauern übermittelte, funktionierte einwandfrei. Als Nadelöhr in der Übertragungskette entpuppte sich das IBC. Wodurch der Stromausfall ausgelöst wurde, wird noch untersucht.

"Ich verstehe nicht, warum das Notstromaggregat in Wien nicht funktioniert hat", erklärte ZDF-Sportchef Gruschwitz zu der "ärgerlichsten anzunehmenden Panne". Das ZDF überprüft derzeit, ob Ansprüche gegen die Uefa geltend gemacht werden können.

Das ZDF reagierte bei der Störung vorbildlich. Obwohl der Sender vertraglich an das IBC gebunden ist, schalteten die Mainzer einfach das Bild des Schweizer Fernsehens auf, wodurch auch plötzlich das Logo der Eidgenossen auf dem Bildschirm zu sehen war. Der Ton wurde allerdings mit einem Live-Kommentar von Béla Réthy per Telefon ersetzt - und da das Telefonsignal noch ein wenig schneller ist als das TV-Bild, jubelte der Moderator bereits ein bis zwei Sekunden, bevor der Ball im Netz zappelte.

Für das zweite Halbfinale Russland - Spanien am Donnerstagabend und das Endspiel am Sonntag ebenfalls im Wiener Happel-Stadion kündigte Foutoy besondere Sicherheitsmaßnahmen an. Die ARD überträgt das Finale. Sie erklärte in einer Pressemitteilung: "Die Uefa hatte das technische Netz als unterbrechungsfrei mit Back Up durch Diesel-Generatoren zugesichert. Es ist noch nicht geklärt, warum die Generatoren nicht angesprungen sind. Inoffiziell ist von einem Software-Fehler die Rede."

mit DPA/AP / AP

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