Was meinen Strunz? Auf dem Boden der Tatsachen


Bittere Niederlage gegen Kroatien: Vom Power-Fußball des Polen-Spiels ist nicht mehr viel übrig geblieben. Dennoch glaubt stern.de-Experte Thomas Strunz fest daran, dass die deutsche Elf das Viertelfinale erreicht - wenn Jogi Löw bestimmte Dinge ändert.

Im zweiten Gruppenspiel der deutschen Elf gegen Kroatien hoffte oder erwartete jeder einen erneut starken Auftritt von Jogis Jungs. Doch leider kam es völlig anders, vom Power-Fußball des Polen-Spiels war nichts mehr zu erkennen. Die Form einzelner Spieler war drei Tage nach dem überzeugenden Auftaktsieg gegen Polen nichts mehr übrig geblieben. So kam Marcell Jansen überhaupt nicht ins Spiel, ebenso wie auf der rechten Seite Clemens Fritz deutlich schwächer war als im ersten Spiel. Es wurde insgesamt zu langsam und zu unkonzentriert gespielt und der gesamte Defensivverbund hatte riesige Abstimmungsschwierigkeiten gegen die sehr variabel agierenden kroatischen Spieler. Immer wieder wirbelten sie das deutsche Team durcheinander. Kroatien dominierte über die gesamte Spielzeit und siegte völlig verdient.

Die Kroaten haben gezeigt, warum sie sich gegen England in der Qualifikation durchgesetzt haben, und dass dies kein Zufall war. Bei der Euro 96 in England standen wir uns im Viertelfinale mit Kroatien gegenüber und hatten da das Glück des Tüchtigen auf unserer Seite. Wir hatten es uns da durch unbändigen Kampfgeist verdient weiter zu kommen, denn auch damals war Kroatien das spielerisch bessere Team. Nur so kann man ein großes Turnier gewinnen. Hundertprozentige Leidenschaft und Wille sind absolute Voraussetzung dafür, wenn man das große Ziel erreichen will. Da muss eindeutig noch mehr kommen, doch Jogi Löw wird deutliche Worte finden.

Heilsamer "Schuss vor den Bug"

Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass es manchmal ganz heilsam sein kann einen "Schuss vor den Bug“ zu bekommen damit man den Schalter noch mal umlegen kann. Allerdings ist in einigen Szenen doch erkennbar gewesen, dass es auch persönliche Schwierigkeiten gibt. Ein Christoph Metzelder strahlt bislang noch nicht die Ruhe und Souveränität aus die notwendig wäre. Auch ein Torsten Frings kann nach seinen Verletzungen während der Saison nicht seine alte Form erreicht haben. Und Top-Stürmer Mario Gomez ist bislang nur ein Schatten seiner Bundesliga-Leistungen. Ich bin gespannt, mit welcher Formation Jogi Löw seine Jungs im Spiel gegen die Österreicher auf den Platz schicken wird. Es wird sicherlich die eine oder andere Veränderung geben müssen, um gegen die mit Herzblut kämpfenden Alpen-Kicker gewinnen zu können.

Insgesamt muss sich unsere Elf noch deutlich steigern, um ihrer selbst gewählten Rolle eines Mit-Favoriten gerecht zu werden. Die Euphorie und Leichtigkeit der WM 2006, die uns bis ins Halbfinale getragen hat, ist jedenfalls noch nicht zu erkennen. Vielleicht ist die Favoritenbürde momentan noch zu viel für das Team um Kapitän Michael Ballack. Es könnte heilsam sein, nun nicht mehr diesen absoluten Druck zu spüren. Nur dadurch ist zu erklären, warum Bastian Schweinsteiger sich zu einer Tätlichkeit hinreißen lässt. Für mich war das Ausdruck purer Frustration über seine momentane Situation, dass er nicht zur Start-Elf gehört. Mal sehen wie er jetzt mit dieser erneuten Enttäuschung zurecht kommt.

Ich bin sehr gespannt wie das gesamte Team mit dieser Situation umgehen wird, und es werden sehr spannende Tage bis zum Spiel am Montag gegen Österreich. Es wird Diskussionen über Personal und System geben. Mal sehen wie alle Beteiligten damit umgehen werden, denn eines ist spätestens jetzt klar: Ein Selbstläufer wird dieses Turnier nicht. Selbst die Gruppe muss erstmal überstanden werden. Es gibt viel zu tun, doch ich bin sicher Jogi und sein Team packen es noch!


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