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Deutschland-Gegner Kroatien: Nazi-Rock als Stimmungsmache

Am Donnerstag in Klagenfurt erwartet die DFB-Auswahl mit der kroatischen Mannschaft ein unangenehmer Gegner. Denn im Vorfeld geben sich die Kroaten alle Mühe, die Rollen der Bösewichte zu spielen. Sogar Trainer Slaven Bilic bedient sich zweifelhafter Methoden – und sei es bei der Musikauswahl.

Von Frank Hellmann, Bad Tatzmannsdorf

Am Hauptplatz von Bad Tatzmannsdorf flattern drei Dutzend kroatische Fahnen im Wind. Daneben hängt ein Hochglanzplakat mit einem Foto der kroatischen Nationalmannschaft. Der Slogan "dobro dosil" ist nicht nur auf ein Schild am neu gebauten Sportplatz, sondern auch auf die Straße gepinselt. Hier im südlichen Burgenland, in einem der vielen Thermenörtchen, ist alles getan worden, um den Kroaten den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu machen. Schließlich waren mit dem Aufenthalt des Geheimfavoriten, der sich im Avita Thermen- und Freizeitzentrum, einer Vier-Sterne-Herberge, einquartiert hat, ja auch einige touristische Hoffnungen verbunden.

Doch in den Geschäften, Pensionen und auch beim Campingplatz-Betreiber Klaus Janits ist man ernüchtert, "wir sind so etwas von enttäuscht". Klar, die kroatischen Landsleute kamen vergangene und diese Woche zum (verregneten) öffentlichen Training, hupten, schauten und schrien – und dann nichts wie weg. In einem 1600-Seelen-Dörfchen mag niemand residieren, bloß um vor dem Hotel herumzulungern.

Rauchende Spieler

Was gäbe es zu sehen? Vielleicht einen Ersatztorwart Vredan Runje, der auf dem Balkon eine Zigarre raucht. Möglicherweise einen Trainer Slaven Bilic, der ungeniert seine zwei Packungen Zigaretten raucht. Und möglicherweise könnte man auch eine CD hören, die wahlweise der Trainer in den Recorder legt oder die Spieler gemeinsam singen – so wie sie das nach dem legendären 3:2-Qualifikationssieg in Wembley gegen England oder just am Sonntagabend nach dem 1:0 im Auftaktspiel gegen Österreich getan haben.

Bilic, 39, selbst Mitglied der Rockband Rawbau, hat ja verraten, was er zur Stimmungsmache eingelegt habe: Thompson. Was harmlos klingt, ist in Wahrheit eine fragwürdige Musikwahl. Hinter dem Namen verbirgt sich Frontmann Marko Perkovic, der Heavy Metal und Rock im Repertoire hat. Und natürlich das von den Kroaten gehörte "Lijepa li si", was so viel heißt wie: "Du bist wunderbar." Ganz und gar nicht wunderbar ist allerdings, dass Perkovic nicht nur mit Vorliebe die Schönheiten Kroatiens besingt, sondern auch rechtsradikaler Hardliner ist, der gern neofaschistische Töne anschlägt – etwa jene, die das faschistische Ustascha-Regime während des Zweiten Weltkriegs verwendet hat. Und Thompson heißt die Band nur, weil so eine Maschinenpistolen-Marke heißt, die Perkovic während des Balkankrieges bei der Waffenausgabe erhielt. Dieser Sänger sei ein rechtsradikaler Irrer, schimpfen österreichische Politiker, Konzerte in der Schweiz wurden wegen Gefährdung der öffentlichen Ordnung abgesagt, zumal sich Perkovic-Verehrer gern einer Geste bedienen, die dem Hitler-Gruß ähnlich ist.

Österreichische Medien kritisieren Doppelmoral

Nun lässt sich von der der Beschallung der Kabine nicht auf das Auftreten einer Mannschaft schließen, doch Fakt ist, dass kein EM-Teilnehmer so viel Angriffsfläche bietet wie die Kroaten. "Wo es raucht, sind die Feurigen nicht weit", titelte die seriöse Tageszeitung "Standard". "Kroaten reden mit gespaltener Zunge", kommentierte die angesehene "Presse". Die österreichischen Medien mokierten sich über die Doppelmoral dieser Profis im Doppelpass mit nationaler und internationaler Presse. Denn erst wird ausschließlich auf Kroatisch Klartext geredete, danach auf Englisch Weichgespültes gesprochen. Deutsch reden die Protagonisten – obwohl es Bilic und etliche Spieler bestens beherrschen –, bevor sie am Donnerstag in Klagenfurt auf Deutschland treffen, möglichst gar nicht mehr.

Widersprüchliches kommt auch so heraus. "Alle Österreicher haben technisch gemeinsam nicht so viel drauf wie ich", hat beispielsweise Josip Simunic gegenüber seinen kroatischen Vertrauten getönt, um gegenüber deutschsprachigen Medienschaffenden zu erklären: "Die Österreicher haben viele gute Spieler." So ging das tagein, tagaus – und das "falsche Spiel" ("Kronen-Zeitung") wird sich vor der Deutschland-Partie gewiss wiederholen. Torwart Stipe Pletikosa, erstaunlicherweise "Man of the match" gegen Österreich, hatte zum Beispiel in der offiziellen Matchpressekonferenz nur mitzuteilen: "Ich schließe mich den Worten des Trainers an."

"Feuriger Wahnsinn"

Die Kroaten sind eine Wundertüte – hitzig, heißblütig, unberechenbar. "Vatreno Ludilo" – feuriger Wahnsinn – heißt das Lied, das der vielfach tätowierte Bilic, 44-facher Internationaler, von 1993 bis 1996 beim Karlsruher SC unter Vertrag, selbst zur EM geschrieben und gespielt hat. Er trägt beim Training immer zwei Uhren und einen auffälligen Lederring am rechten Handgelenk. Der soll ein Glücksbringer des 39-Jährigen sein, der weiß, dass es bei diesem Turnier auch schnell um ihn gehen könnte. "Es kann passieren, dass wir in der Vorrunde ausscheiden. Aber dann fordert nicht die Köpfe der Spieler, sondern meinen Kopf."

Nun richtet Bilic den Fokus ganz auf den Donnerstag – und da haben Untergangsszenarien keinen Platz. "Wir werden für Deutschland bereit und ein gefährlicher Gegner sein." Die Kritik am kraftlosen Auftritt der Seinen ist ihm nicht entgangen, wohl deshalb hat Bilic betont: "Wir haben am Sonntag nicht gegen San Marino gespielt. Es gibt keinen Grund, an unserem Team zu zweifeln. Wir müssen nur einiges besser machen." Das gilt auch für seine Bundesliga-Spieler, von denen Mladen Petric, 27, im Sturm kaum in Erscheinung trat, der 36-jährige Nico Kovac im Mittelfeld die Kontrolle verlor, immerhin aber die viel kritisierten Robert Kovac, 34, und Josip Simunic, 32, in der Abwehr beinahe jedes (Kopfball-)Duell gewannen.

Abwehr rustikal

Zumindest im Nationalteam räumen die in Deutschland zuletzt stark kritisierten Recken robust-rustikal auf – bezeichnend, wie der jüngere der Kovac-Brüder mit beiden Beinen gegen Österreichs Raubein Emanuel Pogatetz zu Werke ging. Gleich bündelweise flogen die Rasenstücke mit über die Außenlinie. Am arg selbstbewussten Simunic war die Kritik ja vorher schon abgeprallt: "Wir sind bei hohen Bällen bei Weitem nicht so stark wie am Boden." Doch er räumt immerhin ein: "Wenn wir gegen die Deutschen so spielen, werden wir ganz große Probleme bekommen." Aber vielleicht hat der Berliner auch nur seinem Co-Trainer Robert Prosinecki gelauscht, der aus seiner aktiven Zeit nur zu gut weiß: "Wenn es losgeht, spielen die Deutschen fantastisch. Die Mannschaft hat große Qualität und eine besondere Qualität."

Bilic ist es – zumindest hat er das gesagt – ganz recht, dass mutmaßlich gleich sechs Spieler auflaufen werden, die die deutsche Spielklasse bestens kennen. "Robert Kovac weiß alles über Miroslav Klose, aber Klose weiß auch alles über Kovac. Für wen das ein Vorteil ist, werden wir im Spiel erleben", lautete die vielsagende Auskunft des kroatischen Chefcoaches. Er kündigte nun übrigens an, noch eine weitere Bundesliga-Größe zu bringen: Neben den Kovac-Brüdern, Simunic, Petric und Ivica Olic auch noch Ivan Rakitic, den Spielmacher des FC Schalke 04. "Er war nicht für das erste, aber für das zweite Gruppenspiel vorgesehen", murmelte Bilic unter der weißen Zeltplane im Provisorium des Pressezentrums von Bad Tatzmannsdorf in die Mikrofone. Das muss man ihm freilich nicht glauben – Deutschlands nächster Gegner beherrscht schließlich alle Tricks, die man für ein erfolgreiches Turnier braucht.

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