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EM 2012 Drei Fragen an den EM-Spieltag - Gomez oder Ronaldo, Dänemark oder Deutschland


CR7 ist nicht R2-D2. Der Portugiese zeigt bei der EM "Menschliches, Allzumenschliches", hat aber die Haare schön. Kann Holland defensiv? Wird Dänemark Europameister und Deutschland fliegt raus? Die drei Fragen beschäftigen sich mit revolutionärer EM-Geschichte.

Ist Cristiano Ronaldo der "langsame Pfeil der Schönheit“ oder hat "Ackergaul" Mario Gomez die Haare viel schöner? Neben dem Sinn und Unsinn des Lebens haben die drei Fragen zur Gruppe B der Euro 2012 auch revolutionären Charakter.

Die Niederländer fordern von den Niederländern die Grundeinstellung ihres Spiels zu überdenken, während die Dänen von ihren Dänen verlangen, die Geschichte zu wiederholen. Scheidet Deutschland mit sechs Punkten aus aus der EM aus, wäre das tatsächlich historisch einmalig!

Wird der Glamourboy sein Glück finden?

Im inoffiziellen EM-Contest "Du hast die Haare schön“ liegt Mario Gomez derzeit weit vor Cristiano Ronaldo. Die geschwungene Föhnfrisur harmoniert perfekt mit den neu entdeckten geschwungenen Körperdrehungen im Bewegungsapparat des früher ackergaulähnlich dahergalopierenden Vollblutstürmers Mario Gomez. Drei Tore in zwei spielen, das verleiht Glanz, während das pomadedurchtränkte Deckhaar des Herrn Ronaldo doch eher seine pomadige Spielweise perfekt flankiert.

So wurde Stolper-Gomez quasi über Nacht zum Gigant-Gomez "von den Medien hochsterilisiert“ (Bruno Labbadia). Jetzt muss man wohl "aufpassen, dass er nicht bald nach Brasilien geht“, spottete Teamkollege Bastian Schweinsteiger. In Brasilien wird (Achtung, elegante Überleitung) portugiesisch gesprochen, was uns wiederum zum Weltstar Cristiano Ronaldo führt, der sogar geistlichen Beistand in der "Formkrise“ erhält. "Er kann nicht immer glänzen. Ein Team besteht aus elf Spielern", stand ihm der Sprecher der Bischofskonferenz, Manuel Morujão, bei. Dennoch.

CR7 bekommt nach den vergebenen Großchancen gegen Dänemark einen menschlichen Makel. Nach der Wahnsinns-Saison mit 46 Ligatoren in 38 Spielen scheint er nun viel weniger ein Computer zu sein, der programmiert auf Tore immer seinen Output bringt, als es das Akronym vermuten lässt. Somit wird CR7 wohl auch den Wettbewerb zwischen ihm und R2-D2, 3-CPO und Seven of Nine verlieren. Doch ist es wirklich ein Ziel, wie ein Computer zu funktionieren? Schon Friedrich Nietzsche sah in "Menschliches, Allzumenschliches“ die drei Säulen des menschlichen Glücks.

Dabei geht es um den "Unsinn“, "die Gewohnheit“ und den "langsamen Pfeil der Schönheit.“ Über Unsinn wird viel gelacht, er bringt deshalb Glück heißt es, verkürzt wiedergegeben. Ob Ronaldo allerdings über den Unsinn, den er vor dem Tor der Dänen verzapfte lachen kann, ist fraglich. Nicht wenige Beobachter haben sich allerdings köstlich amüsiert. Bei der Gewohnheit geht es um die Sitte, um die Moralität, die Lust verleiht. Falls Ronaldo also seine Gewohnheit, die Sicherheit vor dem Tor zurückgewinnt, wird er auch wieder Lust empfinden.

"Der langsame Pfeil der Schönheit“ sieht vor, dass Schönheit mit Ruhe einhergeht: "Die edelste Art der Schönheit ist die, welche nicht auf einmal hinreißt, welche nicht stürmische und berauschende Angriffe macht (eine solche erweckt leicht Ekel), sondern jene langsam einsickernde, welche man fast unbemerkt mit sich fortträgt und (…) nachdem sie lange mit Bescheidenheit an unserem Herzen gelegen, von uns ganz Besitz nimmt, unser Auge mit Tränen, unser Herz mit Sehnsucht füllt“, heißt es in Nietzsches Werk.

Wir mahnen also Bescheidenheit an und vielleicht ist Ronaldo davon gar nicht so weit weg, wie manche denken. Verteidiger Ricardo Costa hob heraus, Ronaldo sei viel gerannt und habe dem Team dadurch geholfen. Der kritisierte selbst, sagte nach dem Dänemark Spiel bescheiden: "Wenn ich keine Tore schieße und das Team gewinnt, dann bin ich voll zufrieden"

Ändert Holland seine Identität?

Vor dem Spiel der Deutschen gegen die Niederlande gab es einige gehässige Frotzeleien. Ein Bild mit einem Käse "Made in Holland“ und einer Käsereibe "Made in Germany“ machte die Runde. Nach dem Spiel schien sich das Bild bewahrheitet zu haben. Die Niederländer zerrieben sich an der soliden deutschen Defensivarbeit in Abwehr und Mittelfeld. Dabei sehen die Holländer ihr Team als überragendes Offensivgebilde.

In den ersten zwei Partien der EM sprangen dabei auch immerhin 41 Schüsse in Richtung Tor heraus, allerdings nur 14 davon auf das Tor der Gegner. Zum Vergleich: Deutschland kreierte in zwei Spielen nur 24 Chancen, aber immerhin dreizehn Schüsse gingen davon auch auf des Gegners Tor (Quelle: Soccernet). Da ist doch etwas faul im Staate Niederlande.

Nun empfiehlt die holländische Taktikseite catenaccio.nl dem eigenen Team eine ultradefensive Aufstellung. Mit Kritik wird dabei nicht gespart. "Wir wollen offensiv, gepflegt und dominant spielen“, heißt es dort, es werde immer noch eine Art "Totaal Voetbal“ der vergangenen Zeiten angestrebt. Der Fußball sei auf Ballbesitz, überlegenem Passspiel und Dominanz angelegt.

"Diese Vision ist fest in unseren Köpfen durch die Medien implantiert.“ Doch die vaterlandslosen Gesellen aus dem Taktikgewerbe sagen nun, dass all dass auf der fehlerhaften Annahme basiert, wenn man nur an ein paar Rädchen an der richtigen Stelle drehe, würde man zu Europas Barcelona der Ländermannschaften werden. catenaccio.nl hält den Landsleuten den Spiegel vor und sagt: "Das kann die Niederlande nicht“, und nennt auch den Grund: Es fehlen die Spieler, um dieses Ideal zu erreichen.

Hier stehen wohl vor allem der Spielaufbau und die gesamte Defensivabteilung in der Kritik. Mark van Bommel, Nigel de Jong und Joris Mathijsen gehören wohl nicht zu den modernen Ballverarbeitern und sind im Spielaufbau limitiert. Nun empfehlen die Taktikgurus "endlich aus der Traumwelt aufzuwachen“ und sich ein Beispiel an Portugal zu nehmen, die durch eine gut gestaffelte Defensive bei der EM – auch gegen Deutschland - überzeugen konnten. Man solle mit fünf defensiv orientierten Spielern antreten und dann durch schnelle Konter zum Erfolg kommen.

Sollte Bert van Marwijk diese ketzerischen Zeilen lesen und auch umsetzen, dann wird Johann Cruyff verbal eskalieren, wie man es noch nicht gesehen hat. Auch der auf Ballbesitz und Dominanz schwörende Louis van Gaal, der einst sagte:  "an meinem Gesicht kann man lesen, was ich fühle, was ich sage, was ich denke“, würde rot wie eine Tomate werden. Die Niederlande und defensiver Konterfußball? Vielleicht ist diese Idee Käse, vielleicht aber auch die Reibe!

Dänemark Europameister: Wiederholt sich die Geschichte?

Den wohl unwahrscheinlichsten Fußballeuropameister aller Zeiten gab es mit Sicherheit bei dem Turnier 1992 in Schweden. Die Dänen hatten sich nicht einmal für das Turnier qualifiziert, doch Jugoslawien wurde aufgrund des Balkankonfliktes ausgeschlossen. Der damalige dänische Trainer Richard Möller-Nielsen war gerade dabei, eine neue Küche in seinem Haus einzubauen, trommelte aus dem Stegreif per Telefon seine Spieler zusammen, die zum Teil schon im Sommer-Urlaub weilten.

Eine ausgeklügelte Vorbereitung fand nicht mehr statt und die Dänen wurden bereist als "EM-Touristen“ verhöhnt. Während sich die anderen Teams mit Geheimtraining und Taktikeinheiten verbissen vorbereiteten, spielten die Dänen Minigolf oder fuhren in den Trainingspausen schon mal bei McDonald`s vorbei. Das Erfolgsrezept war der Zusammenhalt der Truppe. "Es war extrem schwer, gegen uns zu spielen, weil wir eine so starke Einheit waren“, sagte John Jensen in der Retrospektive.

Im Deutschen Lager war man damals nicht weniger siegesgewiss als heute. Franz Beckenbauer prägte nach dem Weltmeistertriumph zwei Jahre zuvor den Satz: "Durch die Wiedervereinigung und die Spieler der DDR wird Deutschland auf Jahre unschlagbar sein!" 22 Jahre später muss man konstatieren, Deutschland holte nur noch einen Titel (1996) und Beckenbauer verlor einiges an Haupthaar, der Rest ergraute. Die graue Eminenz des deutschen Fußballs ist nun vorsichtiger, aber ebenso zuversichtlich. "Ich würde mich über ein Endspiel Spanien - Deutschland nicht wundern", sagte Beckenbauer im Blickpunkt Sport. "Die Mannschaft ist reif für den Titel."

Noch nie ist eine Mannschaft bei einer Europameisterschaft seit Einführung der Gruppenphase 1980 mit zwei Siegen noch in der Vorrunde ausgeschieden. Das höchste der tragischen Gefühle konnte man bei der EM 2004 beobachten, als drei Mannschaften mit 5 Punkten die Gruppenphase abschlossen. Schweden wurde aufgrund der besten Tordifferenz Erster, die Italiener musste die Heimfahrt antreten und Nutznießer war kein geringeres Team als die Dänen. Immer diese Dänen, wo liegt das Erfolgsrezept des Fußballzwergs? Dänemarks Erfolg 1992 beruhte auf dem Teamgeist. Auch in diesem Turnier überzeugt das Team von Trainer Olsen durch mannschaftliche Geschlossenheit. 

"Fußball ist ein Mannschaftsspiel. Wir brauchen einander, wenn wir erfolgreich sein wollen. Ich habe sieben Assistenten, die meine Schwächen ausgleichen." Allerdings geht es bei den Dänen nicht so locker zu, wie 1992. Olsen verhängte ein Twitter und Facebook-Verbot. Michael Krohn-Dehli hielt sich unseren Informationen nach nicht daran und twitterte während des Holland Spiels: "Die können nix, die Käsekicker, ich hab den gerade einen eingeschenkt.“

Wir hoffen nur, dass der Account während des Deutschlandspiels ruht, sonst droht uns: "Habe gerade Neuer getunnelt und das 2:0 erzielt, drehe jetzt eine Ehrenrunde durch das Stadion und anschließend geht’s zu McDonalds – das Endspiel kann kommen.“ Geschichte wiederholt sich – hoffentlich nicht.

Michel Massing 

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