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EM 2012: Polen nur unentschieden gegen Griechenland

Polen hatte im Eröffnungsspiel den zwölften Mann auf seiner Seite - egal, ob man damit das Publikum oder Schiedsrichter Carlos Velasco Carballo meint, der Sokratis zu Unrecht vom Platz stellte. Aber in Unterzahl wuchsen die Griechen heldenhaft über sich hinaus und hätten fast ein Heldenepos geschrieben.

Zum Auftakt der Europameisterschaft feierten 60.000 Fans im Warschauer Stadion eine Halbzeit lang ihre Mannschaft, gerieten dann ins Zittern und waren am Ende froh, in Überzahl wenigstens einen Punkt gerettet zu haben. So absurd wie unterhaltsam war das Eröffnungsspiel, dass selbst Berufspessimisten und Zyniker die Hoffnung auf ein interessantes Turnier wiedergefunden haben dürften.

Der Spielverlauf

Hoch überlegen startete Polen ins Spiel, kam vor allem über die rechte Seite mit den Dortmundern Lukasz Piszczek und Jakub Blaszczykowski immer wieder zu viel versprechenenden Angriffen, denen weder Jose Holebas noch die Innenverteidigung mit Avraam Papadopoulos und Sokratis Papastathopoulos gewachsen waren. Mindestens fünf gefährliche Flanken kamen von dieser Seite vors Tor, und eine davon (von Kuba) verwandelte Robert Lewandowski per Kopf zur Führung.

Da war erst eine gute Viertelstunde gespielt, und nachdem kurz vor der Pause Sokratis in einer grotesk schwachen Schiedsrichterentscheidung von Carlos Velasco Carballo mit Gelb-Rot vom Platz gestellt wurde, sah alles nach einem Debakel für die Griechen aus. Papadopoulos hatte sich da schon verletzt und war durch seinen Schalker Namensvetter Kyriakos ersetzt worden, nun fiel auch der zweite Innenverteidiger aus, obwohl keine der beiden verwarnten Szenen eine Gelbe Karte gerechtfertigt hätten.

Aber der spanische Unparteiische sah sowohl ein Kopfballduell mit Lewandowski wie auch einen leichten Körperkontakt gegen Rafael Murawski, nach dem dieser ausrutschte, als gelbwürdig und schickte den fassungslosen Bremer vom Feld. Griechenlands Trainer Fernando Santos traf dann aber eine gute Entscheidung und brachte für den zweiten Durchgang Veteran Dimitrios Salpingidis ins Spiel.

Der erzielte sechs Minuten nach Wiederanpfiff den Ausgleich und holte Mitte der zweiten Hälfte einen Strafstoß und eine Rote Karte gegen Polens Keeper Wojciech Szczesny heraus. Das Tor fiel nach einer Flanke von Vasilis Torosidis von rechts und war die erste herausgespielte Torchance der zuvor nur nach Standards halbwegs gefährlichen Griechen.

Einen klaren Fehler hatte dabei Polens Arsenal-Keeper Wojciech Szczesny gemacht, der ohne Chance auf den Ball aus dem Tor sprang und so nur hilflos zusehen konnte, wie der von Damien Perquis abgefälschte Ball von Salpingidis abgestaubt wurde. Auch den Elfmeter musst Szczesny sich ankreiden lassen, kam er doch gegen Salpingidis zu spät und legte den Griechen. Zum Helden wurde jedoch der eilends eingewechselte Przemyslaw Tyton, der mit seiner ersten Aktion den Strafstoß von Giorgos Karagounis parierte.

Am Ende blieb es beim Unentschieden, das gegen den vermeintlich schwächsten Vorrundengegner sicher eine Enttäuschung für den Gastgeber darstellt. Leichte Parallelen zur EM 2008 wurden wach, als die Schweiz das Eröffnungsspiel gegen die Tschechische Republik ebenfalls nicht gewonnen hatte und später als erste Mannschaft des Heim-Turniers ausschied.

Griechenlands Probleme

In der gesamten ersten Halbzeit spielten die Griechen so defensiv wie erwartet, aber lange nicht so effizient wie gewohnt. Zu statisch und unbeweglich war das gesamte Auftreten des Außenseiters, der so immer wieder ausgehebelt wurde und nach vorne keine spürbaren Gegenangriffe zu inszenieren wusste.

Das Spiel ohne Ball krankte an falschen Abständen sowohl zum Gegner als auch untereinander, was Polen viel zu viele Freiräume eröffnete - exemplarisch beim 1:0, als eine 2-gegen-2-Situation auf der rechten polnischen Seite die Flanke von Kuba ermöglichte. Sokratis irrte, ohne die Devise "In Gefahr und größter Not bringt der Mittelweg den Tod" zu beherzigen, in Äquidistanz zwischen Lewandowski und Murawski umher, so dass beide erfolgversprechende Adressaten für die Hereingabe des BVB-Profis waren.

Griechenlands Auferstehung

Warum die zunächst so gut auftretenden Polen das Spiel in Überzahl vor eigenem Publikum noch aus der Hand gaben, das ist nicht leicht zu beantworten. Die Einwechslung von Salpingidis war ein Schlüsselmoment, weil er die drei gefährlichsten Szenen seiner Mannschaft hatte und immer wieder aus dem Mittelfeld hervorstieß, was Polens Defensivordnung genau da störte, wo sie am verwundbarsten war - in der Zentrale.

Der gerechte Zorn über die ungerechte Rote Karte mag sein Übriges dazu beigetragen haben, dass die Griechen so viel bissiger und aggressiver aus der Kabine kamen, aber in jedem Fall verdiente sich die Mannschaft das Unentschieden und könnte sich mit einem Sieg gegen die Tschechische Republik eine hervorragende Ausgangsposition verschaffen.

Daniel Raecke

sportal.de / sportal

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