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DFB-Team: Kein Sieger-Gen, kein Titel

Seit 2006 wiederholt sich die Geschichte für die DFB-Auswahl: Kurz vor dem letzten Schritt versagt die Mannschaft. Die Frage nach dem Warum wird lauter.

Ein Erklärungsversuch von Klaus Bellstedt, Warschau.

Tief deprimiert wirkte Joachim Löw in der schwärzesten Stunde seiner Trainerkarriere. Noch während der Partie, so schien es jedenfalls, hatte der Bundestrainer resigniert. Die zweite Halbzeit war noch nicht mal zur Hälfte rum, aber von ihm kam kaum ein Zeichen mehr. Löw saß wie paralysiert auf der Bank – dem Schicksal ergeben. Vielleicht dachte er über seine Fehler nach. Die Aufstellung gegen Italien war nicht optimal. Das stellte sich schnell heraus. Kroos, Podolski und Gomez zog Löw gegen Italien aus dem Ärmel. Aber seine Asse stachen nicht. Die Fehler waren das eine, das Gespür für die Ausweglosigkeit das andere. Und beides spiegelte sich in der Körpersprache des Coaches wider. Der Aufprall für den Überflieger nach dem bitteren 1:2-K.o. war hart. Und er war schmerzhaft. Schon wieder.

Zweimal scheiterte der Bundestrainer mit seinen jungen Spielern an Spanien, im Finale der EM 2008 und im Halbfinale der WM 2010. Auch das Sommermärchen 2006 erlebte Löw schon als Assistent von Jürgen Klinsmann auf der Bank. Auch damals in der flirrenden Nacht von Dortmund kam das Aus vor dem letzten Schritt. Gegen Italien. In Warschau schloss sich jetzt der Kreis. Und die Fragen nach dem Warum werden lauter. Warum kann die Mannschaft keine Titel holen? Warum gelingt es ihr bei großen Turnieren nicht, sich nach Rückständen aufzuraffen und zurückzukommen? Nach dem ersten Tor von Mario Balotelli war ein Bruch im deutschen Spiel erkennbar. Das konstatierte hinterher auch Löw. Die Spieler waren geschockt, die eigenen Stärken kamen plötzlich nicht mehr zum Tragen. So, als hätte jemand von Geisterhand in ihren Köpfen einen Schalter umgelegt. Und niemand, nicht mal die beiden erfahrenen Kapitäne Philipp Lahm und Bastian Schweinsteiger, waren in der Lage, die Blockade zu lösen.

Löw kann sich seine Spieler nicht backen

Dabei waren die Voraussetzungen, Kiew mit dem EM-Pokal im Gepäck zu verlassen scheinbar optimal. Auch weil Spanien erstmals schlagbar schien. Und bei allem Respekt für die perfekt organisierten Italiener: Die hatten im Viertelfinal gegen ein schwaches England in 120 Minuten keinen Treffer erzielen können und kamen erst nach einer Elfmeterlotterie weiter. Der Weg war frei für die vielleicht spielstärkste Mannschaft der Welt – aber die war nicht clever genug. Die Abgezocktheit fehlte, das Kühle, das Berechnende. Das Scheitern der Nationalmannschaft ist auch ein Scheitern an der eigenen Mentalität. Ein Muster, das sich durchzieht. Im Grunde seit 2006.

Aber Löw kann sich seine Spieler nicht backen. Er will auch keine extrovertierten Balotellis oder Buffons in der Gruppe haben. Der Bundestrainer bevorzugt das Stromlinienhafte - und Brave. Der Zusammenhalt ist auch deshalb so gut in der Nationalmannschaft, weil niemand ausbricht. Die Zeit der Motzkis ist vorbei. Vor der EM wurden an jeden Spieler Shamballa-Armbändchen verteilt, die während des Turniers für positive Energie sorgen sollten. Ein Beleg dafür, an was beim DFB alles gedacht wird. "Ja, es ist bitter, auch ärgerlich. Man plant so etwas zwei Jahre, denkt sich tausend Dinge aus, man plant das Detail – und dann erscheint es in so einem Moment nutzlos", sagte Oliver Bierhoff nach der Niederlage gegen Italien. Natürlich kritisierte der Teammanager nicht den Trainer. Und auch nicht die Spieler. Aber die Ratlosigkeit in seinem Gesicht sprach irgendwie trotzdem Bände. Man wünscht sich manchmal einen Buffon in dieser Mannschaft, die noch immer eine ohne Sieger-Gen ist.

Die Zeit drängt

Mehr noch als bei der EM 2008 und der WM 2010 bleibt nun eine Unzufriedenheit bei Fans, Experten, Spielern und auch dem Trainer. Weil im entscheidenden Moment das enorm hohe Potenzial wieder nicht abgerufen werden konnte, sich die Mannschaft stattdessen duckte. Der Spielergeneration um Podolski, Lahm, Schweinsteiger, Klose und Mertesacker läuft jetzt die Zeit weg. So viele Titelchancen wird sie nicht mehr bekommen. Zwar sei das Halbfinale "kein Dreck", bemerkte der einstige Weltmeister und Weltmeister-Macher Franz Beckenbauer in seiner bekannten Art, schloss aber klar an: "Das war nicht die wahre deutsche Elf bei dieser EM. Irgendetwas fehlt uns noch." Der Kaiser hätte beim Abspielen der Nationalhymnen nur ein bisschen genauer in die Gesichter der 22 Spieler schauen müssen und er wäre fündig geworden. Während Manuel Neuer und Mesut Özil schüchtern lächelnd und scheinbar voller Ehrfurcht vor dem Angstgegner das Deutschlandlied mitsummten, legten Cassano, Buffon und Co. schon vor dem Anpfiff einen beeindrucken Auftritt hin. Sie brüllten ihre Hymne voller Inbrunst mit. Sie wirkten selbstbewusst, total von sich überzeugt - und siegessicher.

Auf dem Weg zur WM 2014 in Brasilien wird es die wichtigste Aufgabe für Joachim Löw sein, dieses Sieger-Gen auch seiner Mannschaft einzupflanzen. Die Zeit drängt.

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