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DFB-Team verpasst EM-Finale Zu hoch gepokert


Bis zum Halbfinale hatte Joachim Löw bei der EM noch alles richtig gemacht. Ausgerechnet gegen Italien vergriff sich der Bundestrainer. Die DFB-Elf bleibt das Team der titellosen Talente.
Von Klaus Bellstedt, Warschau

Es war kurz vor halb acht als die deutsche Nationalmannschaft in ihrem offiziellen EM-Bus vor die Warschauer EM-Arena gefahren wurde. "Von Spiel zu Spiel zum großen Ziel", dieser Slogan steht in großen Lettern an der Seite des Riesengefährts. Italien, Halbfinale, das war jetzt der nächste Schritt. Spanien nur ganz hinten in den Köpfen. Oder etwa doch schon etwas weiter vorne? Joachim Löw verließ als einer der ersten den Bus. Das sind die Momente, die der Bundestrainer liebt. Am Anfang dieser EM-Tage hatte Löw einmal bei einer Pressekonferenz in Danzig tief in seine Trainerseele blicken lassen. Es seien die großen Spiele, die ihn reizen. Am liebsten würde er immer nur die Klassiker gegen große Fußballnationen bestreiten. Schweiz? Israel? Nein danke, nur wenn es sein muss. Italien ist ein ganz großer Gegner, ein Angstgegner noch dazu. Vermutlich auf immer und ewig.

Löw genoss diese Minuten vor dem Anpfiff. Er sah entspannt aus. Ja tatsächlich, er ging pfeifend durch die Katakomben des Stadions und kam schließlich im Innenraum der Arena an. Sein Hemd hing aus der Hose, die Hände lässig in der Tasche. Als der Bundestrainer noch vor seinen Spielern den Rasen für eine erste Inspektion begutachtete, ging er in die Hocke und berührte mit der linken Hand den Boden. So etwas machen normalerweise nur Spieler, aber auch Löw wollte ein Gefühl für das Geläuf bekommen. Das ist ein gutes Stichwort. Der Coach der Nationalmannschaft sprach während dieses Turniers immer wieder davon, wie wichtig ihm sein Bauchgefühl sei. Gerade bei wichtigen Entscheidungen, die die Aufstellung beträfen, höre er ganz zum Schluss auf seine innere Stimme, so Löw.

Bei der EM hatte der 52-Jährige bisher ein goldenes Händchen bewiesen. Sein Meisterstück gelang ihm gegen Griechenland. Mit André Schürrle, Marco Reus und Miro Klose hatte er das Gesicht der Mannschaft im Vergleich zu den Gruppenspielen auf gleich drei Positionen grundlegend verändert – und die Fachwelt ob derartiger Risikofreude in Erstaunen versetzt. Was folgte, ist bekannt: ein locker herausgespielter 4:2-Sieg garniert mit wunderschönen Toren. Aus dem Erstaunen wurde ein Entzücken. Weil der Maulwurf dieses Mal nicht aktiv wurde, blieb die Aufstellung für das Italien-Spiel lange geheim. Die Spekulationen schossen ins Kraut. Eine Stunde vor dem Anpfiff veröffentlichte die Uefa schließlich die elf Namen der deutschen Spieler, die von Beginn an auflaufen würden - und wieder überraschte Löw alle. Der Bundestrainer stellte Podolski auf, das war erwartet worden. Überraschender war schon die Tatsache, dass Mario Gomez Miro Klose ablöste. Als mittlere Sensation durfte schließlich der Einsatz von Toni Kroos für Marco Reus gewertet werden. Nach dem 1:2 und dem bitteren EM-Aus im Halbfinale gegen Italien steht fest: Löw hat sich verzockt. Und zwar gewaltig.

Es lag am Ende an Löws Veränderungswut

Es war weit nach Mitternacht und die letzten Tränen in der deutschen Kabine nach Auskunft von Teammanager Oliver Bierhoff immer noch nicht getrocknet, als der DFB-Coach schwer gezeichnet vors Mikrofon trat. Was würde jetzt passieren? Etwa ein Rücktritt? Er sei "unberechenbar", so hat sich Löw hier bei der EM in Polen und der Ukraine einmal selbst beschrieben. Man hätte durchaus mit dem Unvorstellbaren rechnen können. Was folgte war kein Rücktritt, stattdessen Erklärungsversuche. Vielleicht auch Rechtfertigungsversuche: "Im Nachhinein ist es immer einfach zu sagen, so und so wäre es besser gewesen", holte Löw aus. Dann hielt er eine Verteidigungsrede auf Mario Gomez und Toni Kroos: "Gomez hat in diesem Turnier drei Tore erzielt, auch im Training war er gut. Kroos wollte ich in der Mannschaft haben, weil ich die Zentrale gegen Pirlo und de Rossi stärken wollte." Der überragende Andrea Pirlo wurde hinterher zum Spieler des Spiels gekürt. Das dazu.

Zwei Stunden zuvor hatte Löw seine Fehler indirekt sehr wohl eingestanden. Er wechselte beim Stand von 0:2 zur Pause den völlig indisponierten Podolski aus und auch Gomez, der total harmlos blieb, musste gehen. Stattdessen kamen Reus und Klose, beide aufgrund ihrer Spielanlage eigentlich prädestiniert für einen Einsatz von Beginn an, in die Partie. Aber da war eigentlich schon alles zu spät. Spätestens der zweite Treffer von Mario Balotelli aus der 36. Minute, dem ein Fehler von Philipp Lahm vorausging, bedeutete ein Bruch im Spiel der DFB-Elf. Die schaffte es auch in der Folge nie, Pirlo entscheidend zu stören. Hinzu leisteten sich Badstuber, Hummels und Boateng immer wieder unerklärliche Abstimmungsfehler in der Defensive. Nach vorne erspielte man sich auch keine klaren Chancen mehr. Italien war erst grausam effizient, später dann sogar fahrlässig in der Chancenauswertung. Am Ende siegte das Team von Trainer Cesare Prandelli klar verdient – vor allem auch aufgrund einer starken Defensivleistung.

Dass der Favorit, und als solcher war die deutsche Mannschaft ja in diese Partie gegangen, am Ende dieses Abends in Warschau als Verlierer vom Platz schlich, lag einerseits an Joachim Löw und dessen Veränderungswut. Dieser fiel übrigens auch sein Schlüsselspieler zum Opfer. Mesut Özil rotierte gegen Italien zwar nicht auf die Bank, blieb aber vor allem deshalb so wirkungslos, weil er auf der für ihn ungewohnten rechten Seite völlig verschenkt war. Erst als Kroos später nach links wechselte, rückte der Taktgeber der Nationalmannschaft wieder ins Zentrum. Beim Stand von 0:2. Es lag aber natürlich auch an den Spielern selbst. Es fehlte das Selbstvertrauen, das sie zuvor bei diesem Turnier gezeigt hatten. Eine mögliche Erklärung hierfür lieferte Miro Klose im Anschluss: "Die Hürde Italien war heute zu hoch. Vielleicht war im Hinterkopf, dass wir noch nie gegen sie bei einem großen Turnier gewonnen haben."

So wie das gute Trainer in schweren Stunden eben machen

Einer der besten Spieler des Turniers bisher war Mats Hummels. Möglich, dass auch der Dortmunder Doublegewinner im Kopf nicht frei war. Der Innenverteidiger machte sein schlechtestes EM-Spiel, agierte oft viel zu lässig und verschuldete das erste Gegentor. Immerhin, er gab es danach zu: "Vor der Flanke zum ersten Gegentor habe ich den Ball nicht entscheidend wegbekommen. Dass diese Flanke dann zustande kommt, war klar mein Fehler, insofern habe ich großen Anteil am 0:1." Natürlich hatte auch der erneut formschwache Bastian Schweinsteiger seinen Anteil an der Niederlage. Selbst Torwart Manuel Neuer machte gegen Italien Fehler. Irgendwie hatten sie es alle verbockt. Die Mannschaft und ihr Trainer.

Der ließ hinterher nicht mal einen Hauch von Kritik gelten. Löw stellte sich vor die Verlierer. So wie das gute Trainer in schweren Stunden eben machen: "Dieses Team hat sich klasse entwickelt. Wir haben 15 Pflichtspiele hintereinander gewonnen und heute gegen einen unglaublich starken Gegner verloren." Auf einmal schimmerte wieder dieses Kämpferische beim deutschen Coach durch. "Es gibt keinen Grund, etwas anzuzweifeln. Die junge Mannschaft hat ein gutes Turnier gespielt, sie ist weiter entwicklungsfähig und wird die Niederlage verkraften." Das mag sein. Aber für den Moment steht nach dem EM-Aus etwas anderes im Vordergrund: Dass der Makel der titellosen Hochtalentierten weiter an Schweinsteiger, Lahm, Özil und Co. haften bleibt. "Man kann Titel nicht herbeireden", sagte Joachim Löw noch, bevor er den Saal verließ und eine beklemmende Stille im Pressesaal zurückließ. Es hörte sich wie ein Eingeständnis an.


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