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EM-Aus der Nationalelf: Wie konnte das passieren? So.

Woran ist die deutsche Nationalmannschaft gescheitert? An einem cleveren Italien? An sich selbst? Die genauere Analyse verrät fünf Gründe für das EM-Aus.

Von Dieter Hoß

Dass etwas schief gehen könnte bei dieser Europameisterschaft, schien vor dem Turnier ausgeschlossen. Voller Selbstbewusstsein gingen Jogi Löw und die Nationalspieler nichts weniger an als die "Mission Titel" in Polen und der Ukraine. Im großen Duell mit Welt- und Europameister Spanien sollte endlich wieder ein Pott nach Deutschland geholt werden. Widerspruch? Einwände? Zweifel? Alles wurde weggewischt. Dabei gab es durchaus Gründe für Skepsis - zu Recht, wie sich nun erwiesen hat.

1. Tunnelblick auf Spanien

Von vornherein gab es nur einen Gegner für die DFB-Elf: Spanien. Bei den beiden 0:1-Niederlagen gegen den Welt- und Europameister im EM-Finale 2008 und im WM-Halbfinale 2010 schien man "noch nicht so weit", aber doch schon ganz nah dran. Und: Diesmal sollten die Iberer reif sein. Ein Sieg gegen die "Furia roja" wurde gleichgesetzt mit dem Gewinn der Meisterschaft. Auf dem Mannschaftsbus stand zwar "Von Spiel zu Spiel zum großen Ziel", doch folgt man den öffentlichen Äußerungen aus dem DFB-Lager war wohl eher gemeint: "Noch fünf Spiele bis zum Finale gegen Spanien." Nach dem verlorenen Halbfinale sieht es nun ganz so aus, dass es für ein Fußball-Schwergewicht wie Italien keinen rechten Plan gab. Dabei gilt doch vor allem für die Deutschen mit Blick auf die Squadra Azzurra: "Da war doch noch was ..." Die "Corriere dello Sport" schrieb entsprechend: "Wir haben Deutschland eine Lektion erteilt." Genauso ist es. Und wer nun glaubt, dann gewinnen wir eben die WM 2014, dem sei gesagt: Gastgeber ist der fünffache Weltmeister Brasilien, Europäer haben in Südamerika noch nie eine WM gewonnen - und Spanien und Italien sind dann sicher auch wieder am Start.

2. Viele Schlüsselspieler waren nicht fit

Es ehrt den Bundestrainer, dass er das Handikap kaum thematisiert hat. Zumindest nach außen demonstrierte er so Vertrauen in den gesamten EM-Kader. Doch Fakt ist: Etliche Schlüsselspieler waren von vornherein nicht auf der Höhe. Allen voran Bastian Schweinsteiger, der während der Saison zweimal länger mit Verletzungen ausfiel und sich erst gegen Ende der Spielzeit wieder herankämpfte. Per Mertesacker konnte praktisch die gesamte Saison nicht für den FC Arsenal auflaufen und wurde erst zur EM fit. Auch sein künftiger Vereinskollege Lukas Podolski fiel mehrfach aus und war nach dem Abstieg mit dem 1.FC Köln auch mental nicht auf der Höhe. Mario Götze verpasste bei Borussia Dortmund die gesamte Rückrunde und stand nicht als die erhoffte Alternative zur Verfügung. Miro Klose musste bei Lazio Rom in der Rückrunde ebenfalls zeitweise aussetzen. Zudem wirkte Mesut Özil nach den vielen Spielen mit Real Madrid müde und Thomas Müller hat schon lange nicht mehr zu seiner Form von der WM 2010 gefunden. Löw hoffte darauf, dass er all diese Spieler - viele von ihnen Stammkräfte des umjubelten WM-Teams - in die Spur bekommen würde. Das hat schlicht nicht geklappt. Hier wäre frühzeitiges Vertrauen in wirklich fitte Kräfte wie Marco Reus hilfreich gewesen.

3. Der "emotionale Leader" fiel aus

Er war die Leitfigur des so umjubelten WM-Teams von 2010. Bastian Schweinsteiger erreichte während des Turniers in Südafrika absolute Weltklasse. Da Philipp Lahm Mannschaftskapitän ist, ernannte der Bundestrainer den Bayern-Star zu seinem "emotionalen Leader". Auf diese Führungsfigur wollte Löw auch in diesem Turnier nicht verzichten, doch der Leader stand nie wirklich auf dem Platz. Stattdessen erlebten wir einen verunsicherten Schweinsteiger - nicht fit, mental angeschlagen, spielerisch schwach, teils katastrophale Fehlpässe. Löw hätte womöglich gegen Italien Schweinsteigers öffentliches "Angebot", ihn auf die Bank zu setzen, annehmen sollen und den zumindest körperlich fitten Toni Kroos für den Münchner statt für Marco Reus aufstellen sollen - zumal sich Sami Khedira während des Turniers zu einer Führungsfigur entwickelt hat. Doch den Mut, auch mal auf den "emotionalen Leader" zu verzichten, brachte der Bundescoach nicht auf.

4. Mental angeschlagene Bayern

Drei Wettbewerbe, drei zweite Plätze - die Ausbeute des FC Bayern in der vergangenen Saison liest sich wie, genau, die Bilanz der Nationalmannschaft in den vergangenen Jahren. Zum ganz großen Ziel reicht es letztlich nicht. Hier zeigt sich die Kehrseite der Bayern-"Monokultur": Läuft es beim erfolgreichsten deutschen Verein nicht, hat auch die Nationalelf ein großes Problem. Vor dem Turnier wurde daher alles getan, um den Bayern-Spielern - gegen Italien standen sieben in der Startformation - die "Verlierermentalität" auszureden. Gänzlich abschütteln konnten Neuer, Lahm und Co. diese aber nicht - und sei es unbewusst. Wäre also eine Injektion des Dortmunder Sieger-Gens sinnvoll gewesen? Die Diskussion wird nun wieder aufkommen. Mats Hummels und der künftige Dortmunder Marco Reus scheinen den Weg ins Team ohnehin schon gefunden zu haben. Auch ein fitter Mario Götze hat natürlich hohes Potenzial für die Stammelf. Eine der Lehren aus der EM-Enttäuschung sollte sein, dass sich die Nationalmannschaft - bei aller Blockbildung - nicht zu sehr von einem Verein abhängig machen sollte.

5. Die Abwehr steht nicht

Gegner und Experten behaupten gerne, die deutsche Mannschaft habe keine Schwachstelle. Nicht erst Italien hat aufgedeckt, dass das nicht stimmt. Die Abwehr - jahrzehntelang das Prunkstück deutscher Nationalmannschaften - wackelt. Mit Manuel Neuer und Philipp Lahm stehen zwar zwei Defensivkräfte von Weltklasse in der Formation, doch danach wird es kompliziert. Ein Beispiel: Sich bei einer 1:0-Führung von den zur zweiten Garde Europas zählenden Griechen auskontern zu lassen, zeugt von minderer Klasse, zumindest aber minderer Erfahrung. Hoffnung macht, dass sich Mats Hummels bei der EM in die europäische Spitze gespielt hat, doch auch er patzte schwer gegen die Azzurri. Fällt ein alter Kempe wie Per Mertesacker aus, fehlen bereits die Alternativen. Holger Badstuber und Jerome Boateng zeigen schwankende Leistungen und vor allem im Luftkampf immer wieder deutliche Schwächen - die Teams von echter Klasse auszunutzen wissen. Auf den Außenbahnen sieht es ganz düster aus, seit Jahren fehlen auf beiden Seiten echte Alternativen zu Lahm. Der Dortmunder Marcel Schmelzer konnte in der Nationalelf bisher nichts zeigen - und dann? So herausragend die Talentschwemme in der Offensive ist, Verteidiger "wachsen" derzeit kaum nach. Löw wird hier weiter improvisieren müssen. Ob das reichen wird, den letzten Schritt zum Titel zu machen, ist fraglich.

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