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Deutschland gegen Dänemark: Wie ich mich ins Viertelfinale zitterte

Souveräner Tabellenführer, Gomez im Sturm und Dänemark ist kein Weltklasseteam. Was soll da passieren?! Dachte ich. Bis ich vor der Glotze in Schockstarre verfiel. Mein Minutenprotokoll des Bangens.

Von Cord Sauer

Deutschland, oh du Fußballmacht! Zwei großartige Siege in der "Todesgruppe" gegen Portugal und die Niederlande haben all meine Bedenken vor dem Turnierstart aus dem Weg geräumt, dass der EM-Titel Traum bleibt: Die lange Ligasaison, das Finaltrauma der Bayern, Schweinsteigers Wade. All das ist Schnee von gestern. Der Ball rollt und unsere Truppe zeigt Europa, wie Fußball geht. Jetzt das letzte Gruppenspiel gegen Dänemark – wer Cristiano Ronaldo und Oranje bezwingt, für den ist doch auch Danish Dynamite kein Problem.

Wir werden Gruppenerster, ist doch klar. Meine Planungen werden bestätigt - 1:0 Deutschland, Lukas Podolski, so ist's recht. Wenig später gelingt den Dänen das 1:1 – ich bleibe entspannt, was soll schon passieren? Gleich legt Gomez zwei Buden drauf und es ist Ruhe.

Zur Halbzeit steht es 1:1, da geht noch mehr. Aber noch sind ja 45 Minuten Zeit, um den Dänen zu zeigen, wo der Wikingerhelm hängt. Ich bleibe cool, aber so nach 15 Minuten des zweiten Durchgangs beschleicht mich ein mulmiges Gefühl. Hier das Minutenprotokoll meines Zitterns.

60. Minute: Das Spiel vergeht wie immer rasend schnell. Aus dem Nichts macht sich ein ungutes Gefühl in meiner Magengegend breit. ARD-Kommentator Tom Bartels ist Schuld daran. Obwohl ich ihm nur halbherzig zuhöre, bekomme ich mit, dass Deutschland tatsächlich noch rausfliegen kann. In einem Nebensatz erwähnt Bartels: "Aber mit solchen Rechenspielen will ich sie nicht belästigen, liebe Zuschauer." Na, zu spät. Jetzt rattert es in meinem Hirn.

65. Minute:

Immer noch 1:1. Genau so steht es im Parallelspiel zwischen Portugal und Holland, denke ich, und schaue nur kurz auf den Spielstand, der unterhalb der Deutschland-Anzeige serviceorientiert eingeblendet ist. Sollte ich mir vielleicht doch Sorgen machen?

66. Minute:

Tom Bartels macht sich unbeliebt bei mir, er drückt meine Stimmung. Schon wieder faselt er etwas von "kniffliger Gruppenkonstellation", sagt: "Es ist doch meine Pflicht, liebe Zuschauer." Jetzt fange ich doch tächlich an, mich mit möglichen Szenarien zu beschäftigen. Na vielen Dank auch, Tom.

70. Minute:

Ich rechne immer noch. Gewinnt Portugal und verliert Deutschland, dann sind wir trotz unserer sechs Punkte raus? Das kann doch nicht wahr sein. Erster Angstschweiß bildet sich in meiner Achselgegend.

74. Minute:

Mario Gomez wird ausgewechselt. Wer soll jetzt unsere Tore schießen, frage ich mich leicht panisch. Beruhige mich selbst und rufe: "Auf geht’s, Miro!" In der selben Minute geht Portugal gegen Holland in Führung. Tom Bartels bemerkt es nicht, ich schon und werde schlagartig unruhiger.

76. Minute:

Ich schaue auf das deutsche Spiel und merke, es läuft nicht rund. Oh nein. Panik! Der Däne Bendtner läuft plötzlich in den deutschen Strafraum, kann einen einen Flankenball gerade so mit den Fußspitzen erreichen. Was macht Badstuber da?!? Ein Glück, Neuer verhindert Schlimmeres. Kurz halte ich die Luft an: Der Trikotzupfer von Badstuber hätte eigentlich Elfer geben müssen. Schwein gehabt, dass der Schiri das anders sieht. Hätte Bendtner die Kugel irgendwie in die Maschen gekriegt, wäre mein EM-Traum vorbei gewesen! Ich sitze gebannt und bang vor dem Bildschirm.

77. Minute:

Deutschland hat Ballhoheit, aber spielt zurückhaltenden Sicherheitsfußball. Was ist los mit euch? Nach vorne, Jungs, nach vorne! Ich peitsche meine Männer an und Sami Khedira scheint mich zu erhören. Er versucht sich vor dem Dänen-Tor. Doch erfolglos.

78. Minute:

Tom Bartels gibt mir neues Futter für meine verstörende Angstfantasie. "Ein Gegentor hier und Deutschland ist raus aus dem Turnier. Und die Dänen, liebe Zuschauer, die brauchen das Tor." Mein Deutschland-Trikot ist klitschnass geschwitzt. Wann wird denn endlich abgepfiffen?!

79. Minute:

Schon wieder nervt Bartels: "Es hängt alles an nur einem Tor!" Ich überlege, den Fernseher stumm zu schalten. Meine Nerven fahren Achterbahn. Eigentlich ist doch alles gut. Schließlich haben wir gegen Portugal und Holland gewonnen und aktuell sieben Punkte auf dem Konto. Damit fliegt man doch nicht aus dem Turnier, oder? Oder?! Irgendwie beruhigt mich das Schönreden nicht.

80. Minute:

Tooooor! Tor für Deutschland! Lars Bender, dieser Teufelskerl! Mein Zittern und Bangen – völlig umsonst! Gott sei Dank! Lars Bender schießt Deutschland in Führung und ich lehne mich nach exzessivem Jubel zurück, brauche aber doch ein bisschen, um mich und mein heißgelaufenes Hirn zu beruhigen.

81: Minute:

Letzte Zweifel am Weiterkommen wischt nun auch der Berufspessimist Bartels weg: "Dänemark braucht zwei Tore." Daran glaubt er doch selbst nicht. Die Blitztabelle wird eingeblendet, mich beschleicht ein bestätigendes Gefühl.

93. Minute:

Abpfiff. Endlich! Sieg gegen die Dänen. Puh! Das war echt anstrengend. Ein Arbeitssieg, wie es der Fußballer gerne mal nennt. Das große Zittern hätte nicht sein müssen, hat es mir doch bestimmt eine gute Viertelstunde des Spiels geraubt. Oder war es nicht eigentlich doch viel weniger?

Dritte Halbzeit:

Das Interview mit Jogi Löw läuft, doch ich kann gar nicht zuhören. Immer noch kreisen meine Gedanken um die letzten Minuten. Ich schäme mich fast, dass ich mich so schnell von Tom Bartels' Rechenschieberei hab anstecken lassen. Angst bei einem Spiel gegen Dänemark? Wo gibt’s denn sowas!

Von Cord Sauer

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