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Nervige Vergleiche mit Spanien: Deutschland braucht kein Tiki-Taka

Die Nationalmannschaft gewinnt bei der EM alle drei Vorrundenspiele - doch in Deutschland ist man unzufrieden: Das Team spiele ja noch nicht so wie die Spanier. Dabei muss es das gar nicht.

Von Felix Haas und Tim Schulze

Wie schön doch die italienische Sprache ist. So bildgewaltig und temperamentvoll. "La Germania è sempre il solito dvd: forza e fantasia, intensità e la cattiveria che serve", steht da nach dem Dänemark-Spiel in der Zeitung "La Repubblica". Übersetzt heißt das so viel wie: "Deutschland spielt immer die eine, die übliche DVD ab: Kraft und Fantasie, Intensität und den Mut, den man braucht." Aus den Zeilen spricht ein einziges großes Lob an die Leistungen der DFB-Elf bei dieser EM. Kraft, Fantasie, Intensität und Wille – das klingt nach der Beschreibung einer ziemlich perfekten Mannschaft. In der Tat sammelte das Team von Joachim Löw in der Vorrunde neun Punkte aus drei Spielen - eine perfekte Bilanz. Die internationale Fußball-Welt ist beeindruckt.

In Deutschland aber, da ist man unzufrieden. Der große Kritikpunkt: Deutschland spielt nicht wie die Spanier. Oder noch schlimmer: Der Leistungsabstand zwischen den beiden Teams ist nicht kleiner geworden, sondern wieder größer. Mit dem teutonischen Tiki-Taka, den viele herbeisehnen, wird das nichts mehr.

In der Tat setzte die Mannschaft von Joachim Löw in allen drei Vorrundenspielen auf eine kompakte Spielweise. Tiki-Taka à la Barcelona gab es kaum oder besser: überhaupt nicht zu sehen. Offensiv geht sicher mehr. Gegen Portugal waren deutsche Chancen Mangelware, dafür brannte in der Defensive kaum etwas an. Auch gegen die Niederlande hatten Schweinsteiger & Co. nur wenige richtig gut heraus gespielte Torgelegenheiten, dafür war Gomez vorne eiskalt. Im letzten Spiel gegen Dänemark mussten die deutschen Fans dann sogar ein paar Minuten lang zittern und bangen, doch am Ende reichte es für das Viertelfinale.

Vergleich mit Spanien ist eine fixe Idee

In den letzten beiden Turnieren scheiterte das deutsche Team jedes Mal knapp an Spanien. Die Iberer sind das Maß aller Dinge im Weltfußball, das ist klar. Ihre Spielweise des totalen Ballbesitzes und des rotierenden Balles auf höchstem technischen Niveau fasziniert Fans und lässt die Gegner oft verzweifeln. In Deutschland ist der Vergleich allerdings bisweilen zu einer fixen Idee geworden. Es vergeht kaum ein Abend, an dem die gesamte Expertenriege um Olli Kahn, Mehmet Scholl, Beckenbauer & Co. den Vergleich Deutschland gegen Spanien nicht bemüht. Macht Deutschland auch alles so wie Spanien? Spielen wir jetzt auch so schön und erfolgreich?

Joachim Löw hat den Spanien-Vergleich oft genug selbst befeuert, er weiß daher um die Erwartungen an sein Team. Bei dieser EM zeigten die Deutschen noch keine fußballerische Sternstunde wie 2010 in Südafrika oder in der EM-Qualifikation. Darum muss sich Löw trotz einer makellosen Vorrundenbilanz rechtfertigen. Bei den Pressekonferenzen sitzt er dennoch ziemlich lässig und entspannt in seinem Stuhl, nippt an seinem kleinen Espresso, der eigentlich nach einem Schluck leergetrunken sein müsste. Der Tenor der meisten Journalisten, die sich am liebsten dauernd danach erkundigen würden, wann das nächste Feuerwerk gezündet wird, nervt ihn nicht. Häufig reicht es ihm, in zarten Ansätzen darauf hinzuweisen, dass ein Offensivspektakel für das deutsche Team gar kein Muss ist.

Löw fordert: Die Mauer muss stehen

Löw betont natürlich weiterhin, dass es "keine Abkehr vom Kombinationsfußball" geben werde. Aber er hat seinen Horizont erweitert. Kombinationsfußball, das ist für ihn nicht mehr nur Hurra-Fußball. Es ist nur eine Vermutung, aber es wirkt, als habe spätestens das verlorene Champions-League-Finale der Bayern dem Coach klargemacht: Nur nach vorne zu rennen bringt nichts, wenn man am Ende dann doch verliert. Man darf nicht in Schönheit sterben. Der Fußball der Griechen ist ein weiteres Beispiel dafür, dass selbst eine Defensive rustikalerer Art Erfolg haben kann. "Es ist wichtig, dass man vor Kontern gewappnet ist" und "Die Mauer muss stehen" – beide Aussagen machte Bundestrainer Löw nach dem Dänemark-Spiel. "Unser Spiel ist nicht mehr nur Hauruck", beschrieb Kapitän Philipp Lahm die Entwicklung. Noch hat die Mannschaft die neue Spielphilosophie nicht perfekt umgesetzt. Doch das wichtigste Ziel ist schon erreicht: Die Defensive steht sicher.

Es gibt zwei Gründe, warum die ausbalancierte Verbindung aus Abwehr und Angriff in den bisherigen Spielen nicht so funktionierte wie gewünscht. Der eine ist, dass ein Schlüsselspieler wie Mesut Özil noch nicht sein ganzes Leistungsvermögen abruft. Der andere, dass die Gegner mittlerweile wissen, mit wem sie es tun haben, ganz anders als 2010, als Spieler wie Müller oder Özil international unbekannt waren. Dementsprechend begegnen sie der deutschen Offensivpower durch Mauertaktik. Dänemark hat sich fast komplett einem konstruktiven Spiel verweigert. Da ist es schwer, im Angriff Glanzpunkte zu setzen.

Deutsche Tugenden sollen titelfähig machen

Titel werden auf der Grundlage einer starken Defensive gewonnen. Das ist die neue, grundlegende Auffassung im deutschen Spiel. Man könnte auch sagen: Die Stärken alter, deutscher Tugenden wie Kampf und Aggressivität werden wiederentdeckt. Sie sollen das schnelle Kombinationsspiel ergänzen und absichern – und titelfähig machen. Vielleicht ist es einfach so, dass der Fußball der deutschen Mannschaft ein Stück weit zu einer eigenen Identität zurückfindet, die in der Vergangenheit erfolgreich war. Deswegen führt der Vergleich mit Spanien nur in die Irre. Das Ideal des schönen Spiels ist nicht ad acta gelegt, im Gegenteil, aber Tiki-Taka in seiner urspanischen Form kann kein Vorbild sein. Die Deutschen sind dabei, ihren eigenen Stil zu verbessern – eine Art Tiki-Taka mit Panzerung. Sie sind gewappnet, den großen Wurf zu schaffen.

P.S. Vermissen Sie im deutschen Spiel auch die Eleganz und Leichtigkeit der Spanier? Oder soll die Mannschaft ihren eigenen, erfolgreichen Stil finden? Diskutieren Sie mit. Auf Facebook in der Fankurve von stern.de.

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