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Manipulation der EM-Fernsehbilder: Das falsche Spiel der Uefa

Jogi Löws Spaß mit dem Balljungen wirkte live, war es aber nicht. Die Uefa nimmt Einfluss auf die Inszenierung des Fußballs im Fernsehen - und setzt damit die Glaubwürdigkeit der EM aufs Spiel.

Ein Kommentar von Katharina Miklis

Eigentlich sollte die Szene die gute Stimmung bei der Europameisterschaft 2012 in Polen und der Ukraine symbolisieren. Doch die Umstände, unter denen die Aufnahmen vom flachsenden Bundestrainer mit dem Balljungen ausgestrahlt wurden, bewirken das Gegenteil: Sie zeigen, welchen Einfluss die Uefa auf die Inszenierung des Fußballs im Fernsehen hat.

Jogi Löws Spaß mit dem Balljungen war eine aufgezeichnete Sequenz aus der Aufwärmphase, die während des Holland-Spiels in die Liveübertragung hineingeschnitten wurde (stern.de). War ja nur ein Spaß - könnte man jetzt sagen. Schließlich wurde nicht die Kanzlerin auf Veranlassung der Uefa in die Übertragung hinein geschnitten, wie sie an der Seite des ukrainischen Präsidenten Janukowitsch auf der Ehrentribüne jubelt, während nicht weit entfernt in Charkow die Oppositionsführerin Julia Timoschenko im Gefängnis sitzt.

Die schöne Fußballwelt aus Sicht der Uefa

Und dennoch: Die inszenierten Bilder des flachsenden Bundestrainers während des Spiels Deutschland gegen Niederlande sind ein Skandal. Denn sie zeigen, dass die TV-Produktion, die für die Uefa im polnischen Warschau das so genannte Weltbild produziert, Einfluss auf die Art der Berichterstattung aus der Ukraine nimmt. Die Uefa gibt vor, welches Bild der Zuschauer von der Fußball-EM bekommen soll. Es steht die Frage im Raum: Welche Bilder werden uns wirklich gezeigt von dieser Europameisterschaft - und welche nicht? Inwieweit manipuliert das Fernsehen die Stimmung dieser EM?

Klar ist, dass sich während dieser EM in den polnischen und ukrainischen Stadien bereits mehrere Szenen abgespielt haben, die im Fernsehen nicht zu sehen waren: Etwa als die Grünen-Abgeordneten Rebecca Harms und Werner Schulz während des Holland-Spiels in Charkow ein Transparent ausrollten und gegen die Menschenrechtsverletzungen im Gastgeberland Ukraine protestierten. Auch die Szene, in der ein Flitzer während der Partie Kroatien gegen Irland in Posen das Spielfeld stürmte und dem kroatischen Trainer Slaven Bilic einen Kuss aufdrückte, fand laut Liveübertragung nicht statt. Auch die leeren Ehrentribünen, denen unter anderem deutsche Politiker aus Protest fern blieben, wurden von den TV-Kameras gemieden.

Die von der Uefa gesteuerten Kameras im Stadion zeigen die Fußballwelt, wie der Verband sie sehen will. Nicht immer entspricht dies der Realität.

Die Glaubwürdigkeit der EM steht auf dem Spiel

Die Manipulation der Bilder, auch wenn sie noch so harmlos erscheinen, wie die Neckereien Löws mit dem Balljungen, bergen Gefahren: Es steht nicht weniger auf dem Spiel, als die Glaubwürdigkeit des Fußballs. Die Szenen, die uns die Uefa aus Charkow lieferte und als Liveaufnahmen kennzeichnete, haben so nicht stattgefunden. Und die Aufnahmen von den Rängen? Von den Fans? War nur Jogis Lässigkeit während des Spiels ein Fake oder muss jetzt auch die Echtheit anderer Bilder in Frage gestellt werden?

Natürlich will der Zuschauer auch die schönen und lustigen Szenen sehen, die im Abseits entstehen. Doch nicht auf Kosten der journalistischen Berichterstattung. Nicht verfälscht und aus dem Zusammenhang gerissen. Wir wollen nicht die Welt, wie sie uns gefällt, sondern die Wahrheit. Ein Sommermärchen ja, aber keine Lügengeschichte.

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