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Deutschland - Holland in Charkow Eine Stadt im Schatten von Julia Timoschenko


Es wird einsam um den ukrainischen Oligarchen Jaroslawski sein, wenn im Stadion von Charkow Deutschland gegen Holland spielt. In einer Klinik der Stadt wird Julia Timoschenko festgehalten. Die Ehrengäste bleiben aus.
Von Frank Hellmann und Nina Jeglinski, Kiew

Es sind immer wieder die gleichen Aktionen - ob auf dem gefüllten Prachtboulevard Kretschatik in Kiew oder der belebten Puschkinstraße von Charkow. Sie richten sich an die weitgereisten Fußballfans und erinnern an das Schicksal der Oppositionspolitikerin Julia Timoschenko, das im Vorfeld der EM für internationalen Wirbel gesorgt hat: "Free Yulia" steht vorne auf den T-Shirts, "Footballfest in prison" auf der Rückseite. Was sich am Samstag vor dem Spiel Niederlande gegen Dänemark und am Montag vor der Partie Ukraine gegen Schweden vor der Fanzone abspielte, als die Stoffe mit der politischen Botschaft gleich ballenweise aus der Zeltstadt der Timoschenko-Aktivisten an die internationalen Besucher verteilt wurden, dürfte sich wiederholen, wenn die Besucher zum Klassiker Deutschland gegen Niederlande im Metalist-Stadion von Charkow schlendern.

Die Zuschauer haben lange Fußwege zur Spielstätte zurückzulegen, weil die zentrale Metro-Station "Sportyvna" gesperrt ist. An die Oranjes wird wieder die Bitte gehen, sinnigerweise ihre orangefarbenen Trikots zu tauschen - sie erinnern an die Orangene Revolution, deren Symbolfigur Julia Timoschenko war. Jene Gruppen, die für die Freiheit der in einem Krankenhaus der ostukrainischen Metropole untergebrachten Oppositionsführerin kämpfen, lassen sich also nicht von der Ordnungsmacht der Ukraine oder der Uefa stoppen. Der Fall Timoschenko strahlt seit Wochen auf die EM ab - zumal aus Deutschland seit Wochen die schärfste Kritik an der Inhaftierung ertönt. Sinnigerweise nimmt an diesem Mittwoch Tochter Jewgenija Timoschenko an der Justizministerkonferenz in Wiesbaden teil.

Fenster abgeklebt, Gitterstäbe, Überwachungskameras

Der Aufenthaltsort der 51-jährigen Timoschenko ist zwar nicht so omnipräsent wie die Lenin-Statue auf der Fanmeile am Svobody Platz, aber das Krankenhaus der staatlichen Eisenbahngesellschaft liegt auch an zentraler Stelle der Industriestadt, die sich beim Aufbruch in die Moderne schwer tut. Verlassene Industriebaracken und brüchige Wohnblocks aus Sowjetzeiten belegen das. An manchen Stellen sieht es noch so aus, als sei der Eiserne Vorhang nie gefallen. In der Metro, die mit ohrenbetäubendem Lärm Stationen wie "Moskovsky Prospekt", "Proletarskaya" oder "Traktorny Zavod" abklappert, werden Touristen fast argwöhnisch beäugt.

Die bekannteste Gefangene der Ukraine liegt hier seit dem 9. Mai im Krankenhaus. Neunter und oberster Stock eines grauen Gebäudes. Die Fenster sind mit Folie abgeklebt, die Überwachungskameras offenbar nur während der Arztvisite abgehängt. Der Vorstandsvorsitzende der Berliner Charité, Professor Karl Max Einhäupl, hat die filigrane Frau mit dem weltberühmten Haarkranz vor rund einem Monat im Gefängnis besucht, und sein Amtskollege Professor Lutz Harms hat sie überzeugt, den Hungerstreik zu beenden – die Ärzte setzten auch durch, dass die Ukrainerin wenigstens für eine Viertelstunde in einem Therapieraum an Sonnenlicht kommt. Vieles ist auf der Etage neu entstanden; frische Farbe an den Wänden, Gitterstäbe an den Fernstern. Wachen stehen davor, weiße Flügeltüren mit Milchglas lassen sich nur durch Sicherheitscode öffnen. Einst galt das Krankenhaus der Eisenbahngesellschaft als führend, aber das Gesundheitssystem des Landes ist mittlerweile so weit vom westlichen Standard entfernt wie die Ukraine von demokratischen Strukturen.

"Wir machen unsere Politik, ihr eure Politik"

Es ist kein Zufall, dass die frühere Ministerpräsidentin in Charkow beherbergt ist. Hier ist die Gefahr gering, dass sich Menschen massenhaft versammeln und für die Freiheit einer Frau demonstrieren, die wegen angeblichen Amtsmissbrauchs zu sieben Jahren Haft verurteilt ist. Die 1,5-Millionenstadt im Osten der Ukraine, 60 Kilometer von der russischen Grenze, ist eine jener Städte, die nicht nur geografisch Moskau näher liegen als Berlin. Der Leninplatz heißt heute zwar Freiheitsplatz, aber im Grunde ist das Kosmetik. Die meisten Bürger sprechen Russisch, und viele bedienen sich überholter Denkmuster. So wie Nicolai, der Astrophysiker. Politische Aussagen will er nicht treffen, erst recht nicht über den Fall Timoschenko sprechen und als allerletztes den Weg zum Krankenhaus zeigen, in dem die einstige "Gasprinzessin" inhaftiert ist. "Wir machen unsere Politik, ihr eure Politik“, sagt Nicolai. Er vergisst dabei, dass sich sein Land vor geraumer Zeit um die Aufnahme in die EU bemüht hat.

Die Unterzeichnung eines EU-Assoziierungsabkommen ist allerdings für die Ukraine noch ferner als der EM-Titel. Jedenfalls solange eine funktionierende Opposition behindert und die Justiz als Machtinstrument der Exekutive missbraucht wird. Die Stiftung Wissenschaft und Politik schreibt: "Der Fall Timoschenko macht klar, dass die herrschende ukrainische Elite nicht vorhat, demokratische und rechtsstaatliche Standards einzuhalten." Also herrscht auf politischer Ebene eine Eiszeit, für die nicht mal der Fußball als Schmelztiegel taugt.

Einsamer Oligarch auf der Ehrentribüne

Genau wie die niederländische Königin Beatrix nicht den modernen, rundum verglasten Terminal am Flughafen Charkow zu Gesicht bekommt, werden auch deutsche Politiker nicht einfliegen. Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte schon das Portugal-Spiel in Lwiw ausgelassen – die zweite Station Charkow nun sowieso. Angesagt haben sich allein die beiden deutschen EU-Parlamentarier Rebecca Harms und Werner Schulz. Die Grünen-Politiker wollen Julia Timoschenko im Krankenhaus besuchen. Ob das klappt, ist unklar.

Beim Klassiker Deutschland gegen Niederlande wird es auf der Ehrentribühne also einsam sein um Oligarch Aleksandr Jaroslawski. Der Selbstdarsteller, der den Klub FC Metalist Charkow besitzt, hatte das Stadion noch an seinem 50. Geburtstag, am 5. Dezember 2009 gemeinsam mit Julia Timoschenko eröffnet und wollte sich eigentlich gern mit politischer und wirtschaftlicher Prominenz aus Westeuropa schmücken, - auch, um sein Image aufzupolieren. Nun wirft der Fall Timoschenko ein schlechtes Licht auf seine Stadt – Jaroslawski schweigt indes öffentlich dazu. Auch das ist ein Markenzeichen dieser EM – es geht für viele dieser Tage darum, Fußball und Politik klar zu trennen. Der ukrainische Nationaltrainer Oleg Blochin hebt schon beschwichtigend beide Hände, wenn ihm Fragen mit politischem Duktus gestellt werden. "Ich will nichts über Politik sagen: In der Ukraine ist gerade nur wichtig, dass zwei Teams gegeneinander Fußball spielen." Wirklich?


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