VG-Wort Pixel

Terrorgefahr in Frankreich Warum die Sicherheitsbeamten bei der EM keine Sicherheit garantieren können


Der Start der EM 2016 steht kurz bevor - aber statt der Vorfreude wachsen in Frankreich die Zweifel an den Sicherheitsstandards. Besonders umstritten: die riesige Fanmeile am Eiffelturm. Wie gefährlich wird das Turnier?

Die Fanmeile in Paris soll das Herz der Fußball-EM in Frankreich darstellen, zumindest außerhalb der Stadien. Auf 132.000 Quadratmetern ist hier Platz für 92.000 Fußballtouristen, die auf einer 420 Quadratmeter großen Leinwand und vielen kleinen Bildschirmen alle Spiele verfolgen können. Es gibt auch ein vielfältiges Unterhaltungsprogramm, am Vorabend des Eröffnungsspiels läutet der französische DJ-Superstar David Guetta mit seinem Konzert den vierwöchigen Ausnahmezustand ein.

Bloß: Welche Ausmaße der Ausnahmezustand annehmen wird, ist nicht abzusehen. Das amerikanische Außenministerium warnt vor Reisen nach Frankreich, auch der deutsche Verfassungsschutz sieht laut eines Berichts des ZDF-"Morgenmagazins" Hinweise auf Anschlagsplanungen. Der Pariser Polizeipräfekt Michel Cadot schreibt in einem Brief an den Innenminister, den die Zeitschrift "Le Point" veröffentlicht: "Wir sind nicht in der Lage, ein optimales Sicherheitsniveau zu garantieren." Cadot verlangt, die Fanmeile an Spieltagen im Stade de France in Saint-Denis und im Parc des Princes - den beiden Stadien im Großraum Paris also - zu schließen. Der frühere Präsident Nicolas Sarkozy fordert gleich öffentlich den Verzicht auf alle Fanmeilen im Land.

Fußball-EM 2016: Auf keinen Fall dem Terror beugen

Für die französische Regierung, die der Uefa das Fanfest am Eiffelturm vertraglich zugesichert hat, kommt das aber nicht in Frage - man dürfe sich dem Terror schließlich nicht beugen, heißt es ohnehin schon seit Monaten. Das Versprechen der Veranstalter, die Fanmeilen "wie Stadien" zu kontrollieren, ist bei genauer Betrachtung nicht einzuhalten: Während man um die Arenen einen kilometerweiten Bannkreis mit diversen Sicherheitskontrollen ziehen kann, gibt es in Paris nicht mal eine Mauer als Begrenzung der Meile. Es sei völlig verrückt, auf diesen Fanzonen zu bestehen, sagt Audrey Levavasseur, stellvertretende Bürgermeisterin des 15. Bezirks von Paris, im ZDF-"Morgenmagazin": "Wir hätten doch auch anders feiern können - ohne 100.000 Menschen an einem nicht ausreichend gesicherten Ort zu versammeln."

Die Befürworter des Fanfests in der Hauptstadt argumentieren dagegen: "Es wäre doch verrückt, die Fans an 30, 40 Orten in Paris ohne Polizeischutz feiern zu lassen", so Jean-Francois Martins, der stellvertretende Bürgermeister von Paris, im ZDF, "wir wollen stattdessen, dass am schönsten Ort von Paris, am Fuß des Eiffelturms, gefeiert werden kann."

Insgesamt wird in Frankreich mit sieben bis acht Millionen Fußballfans gerechnet. Deren Sicherheit soll durch die Arbeit von knapp 100.000 Personen gewährleistet werden: 77.000 Polizisten, 10.000 Soldaten und 12.000 Mitarbeiter privater Sicherheitsfirmen, an deren Qualität es jedoch bereits im Vorfeld erhebliche Zweifel gibt - laut eines Berichts der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" befürchte der dem Innenministerium unterstehende Nationalrat für private Sicherheitskräfte (CNAPS) ein mangelndes Ausbildungsniveau: "Was die Qualität angeht, so wird es kompliziert", so CNAPS-Präsident Alain Bauer.

Die Sicherheitsbeamten sind völlig überlastet

Ein großes Problem stellt auch die Überlastung der Beamten dar: Frankreich befindet sich seit Monaten - seit den Terroranschlägen vom 13. November - in ständiger Aufruhr: die schwelende Gefahr neuer Anschläge, die streikenden Gewerkschaften, zuletzt auch noch Hochwasser. Die Polizisten demonstrierten gerade erst auf dem Place de la République gegen gewalttätige Demonstranten, aber auch wegen erschwerter Arbeitsbedingungen. Aber selbst in einer streikfreudigen Nation wie Frankreich sind Ordnungshüter, die ihre Arbeit aus Protest niederlegen, der letzte Beweis, dass gerade alles außer Kontrolle zu geraten droht.

Die Behörden bestreiten das: alles im verantwortbaren Bereich, so die Quintessenz der öffentlichen Statements. Die EM wird sicher, wenn man der Regierung glauben darf. Oder wenigstens so sicher, wie es in diesen Zeiten eben geht. Das Pokalfinale zwischen Paris-St. Germain und Olympique Marseille im Mai galt als Generalprobe für das Turnier. Dort gab es große Verzögerungen beim Einlass, Fans konnten zudem Rauchbomben und Knallkörper ins Stadion schmuggeln.

Nur gut, dass die misslungene Generalprobe ja gerne eine gute Aufführung bedingt.

Hier finden Sie den Spielplan EM 2016

tim

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker