EM-Qualifikation "Vielleicht etwas derbe..."


Für die "derbe Wortwahl" bei seinem Wutausbruch nach dem 0:0 gegen Island hat sich Rudi Völler inzwischen entschuldigt - inhaltlich will er aber nichts zurücknehmen.

Rudi Völler explodierte wie noch nie - und sein Wutausbruch nach der alarmierenden Nullnummer in Island macht das ohnehin brisante Duell mit Berti Vogts zur Zerreißprobe für den taumelnden Vize-Weltmeister. Am Tag nach der ebenso überraschenden wie überzogenen Abrechnung mit seinen Kritikern hatte sich der Teamchef wieder im Griff und entschuldigte sich für die Form seiner Brandrede. "Ich gebe zu, dass die Wortwahl ein bisschen derb war", meinte er am Sonntag nach der Rückkehr nach Deutschland.

Defizite "brutal ansprechen"

In der Sache hielt Völler allerdings an seinen Angriffen gegen Kritiker und seiner Meinung nach überzogene Berichterstattung fest. Bei der ersten Trainingseinheit in Dortmund nahm er sich auch die Spieler zur Brust. "Es ist etwas zu kurz gekommen, dass ich auch die Mannschaft hart kritisiert habe", betonte er. Sie dürfte sich jetzt nicht hinter seinem Rundumschlag "verstecken", sondern er werde bis zum Spiel am Mittwoch gegen Schottland die Defizite "brutal ansprechen".

Man hat ein bisschen Angst

Die Verunsicherung, die in Reykjavik bei der verpassten Rückeroberung der Tabellenführung einmal mehr drastisch sichtbar wurde, breitet sich jedoch rasant aus. "Momentan ist alles emotional sehr aufgeladen. Die Nerven liegen blank. Man hat ein bisschen Angst", beschrieb Kapitän Oliver Kahn den kritischen Gemütszustand im Team des noch vor einem Jahr begeistert gefeierten WM-Zweiten.

Jeremies wird wohl ausfallen

Mit seinem im ARD-Studio noch spontanen, später aber gezielt forcierten Rundumschlag gegen eine übertriebene Erwartungshaltung schuf der DFB-Teamchef vor dem Schottland-Spiel ein Reizklima und eine Drucksituation, wie sie vor zwei Jahren ebenfalls in Dortmund im Alles-oder-nichts-Spiel um die WM-Teilnahme geherrscht hatte. Kahn: "Da haben wir die Ukraine 4:1 weggehauen, das ist ein gutes Omen." Höchstwahrscheinlich erneut ausfallen wird Mittelfeldspieler Jens Jeremies, der wegen anhaltender Knieprobleme am Sonntag weiter nach München flog. "Ich bin Realist", schrieb Völler Jeremies praktisch ab.

Rundumschlag gegen die "Gurus"

Die kritische Spielbewertung des ARD-Duos Gerhard Delling und Günter Netzer öffnete bei Völler am Samstagabend alle Ventile. "Ich sitze jetzt seit drei Jahren hier und muss mir den Schwachsinn immer anhören", legte der einstige Stürmerstar los. Der Teamchef, erzürnt über die Fehlleistung seiner Rumpftruppe in Island, redete sich in Rage, attackierte die von ihm als "Gurus" bezeichneten Fachkritiker Netzer, Franz Beckenbauer und Paul Breitner, vergriff sich dabei allerdings mehrfach in der Wortwahl. "Ich kann diesen Scheißdreck nicht mehr hören", zürnte Völler erregt vor einem Millionen-Publikum.

Der "Kaiser" gibt sich verständnisvoll

"Das hatte sich bei Rudi über Wochen aufgestaut und ist nun zum Ausbruch gekommen. Das ist menschlich. Der Gaul ist mit ihm durchgegangen, den muss er jetzt wieder einfangen", bewertete Beckenbauer am Sonntag verständnisvoll die Entgleisung Völlers: "Ich habe das auch einige Male als Teamchef gemacht, zum Beispiel bei der WM 1986 in Mexiko." Nach Ansicht des "Kaisers" könnte dies gegen Schottland zu einer Initialzündung führen. "Wenn die Mannschaft am Mittwoch nur halb so engagiert auftritt wie Völler, kann man einiges erwarten."

Völlers verbale Abrechnung gipfelte in einer Aussage, die in den Katakomben des isländischen Nationalstadions spontan als indirekte Rücktrittsdrohung aufgefasst worden war. "Ich bin nicht so wie der Erich Ribbeck oder der Berti Vogts, die jahrelang an ihrem Stuhl festgeklebt haben, egal was Journalisten geschrieben oder im Fernsehen gesagt haben. Das ist mir das Ding nicht wert", polterte Völler. Später stellte er klar, dass dies nicht in dieser Form gemeint war.

Auch die Spieler reagieren immer gereizter

Völler hat vielmehr alle Aufmerksamkeit auf sich selbst gelenkt und damit seiner einmal mehr desolaten Mannschaft ein wenig Luft verschafft. Denn auch die Spieler reagieren auf Negativschlagzeilen immer gereizter. "Ich kann das alles nicht mehr hören. Immer nur negativ - mir wird schon schlecht", ereiferte sich Kahn ähnlich wie Völler. Die Medienschelte konnte aber nicht überdecken, dass auch intern das Gefüge auseinander driftet. "Das müssen wir noch besprechen", sagte Abwehrspieler Christian Wörns, der als Einziger höheren Ansprüchen genügte und mit zwei Rettungsaktionen auf der Linie in der 56. Minute wenigstens das Minimalergebnis sicherte.

"Viele würden gerne mit mir tauschen"

Für Völler war der eine Zähler, mit dem die deutsche Elf (12 Punkte) bei noch zwei ausstehenden Heimspielen gegen Schottland (11) und Tabellenführer Island (13) die Direkt-Qualifikation für Portugal 2004 weiter in der eigenen Hand hält, trotzdem ein Erfolg. "Ich bin fest davon überzeugt, dass es in Europa ganz, ganz viele Trainer gibt, die mit mir gern tauschen würden", betonte der Teamchef.

Seit Sonntagabend will Völler nur noch nach vorne blicken. "Wir müssen gegen Schottland gewinnen, das ist das absolute Topspiel. Da müssen dann die Spieler auflaufen, die mir garantieren, dass sie sich wirklich den Hintern aufreißen." Michael Ballack, der erfolglos um Ordnung im deutschen Spiel bemüht war, wirkte dagegen nachdenklich. "Die Harmonie hat gefehlt zwischen Mittelfeld und Sturm. Das bis Mittwoch abzustellen, wird schwer", sagte er.

Klaus Bergmann und Jens Mende DPA

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker