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FC St. Pauli: Kein Bock auf Kommerz

Bei anderen Klubs haben sich die Fans längst an Namen wie Allianz- oder Commerzbank-Arena gewöhnt - nicht so bei Zweitligist FC St. Pauli. Erstmals im deutschen Profifußball haben dort die Mitglieder beschlossen, den Stadionnamen nicht zu verkaufen - ein Verein wehrt sich gegen die Kommerzialisierung.

Von Kai Behrmann

Chaotische Stimmenauszählung und Zoff mit dem Lokalrivalen Hamburger SV wegen geplanter Derbys: Auf der diesjährigen Jahreshauptversammlung des Fußball-Zweitligisten FC St. Pauli ging es wieder einmal traditionell hoch her. Ein Antrag der beiden St. Pauli-Mitglieder Jochen Harberg und Michael Menges stellte jedoch alles in den Schatten. Ihre Forderung: Der Name "Millerntor-Stadion" soll unverkäuflich bleiben. Ein Wunsch, der bei den 932 anwesenden Mitgliedern im Congress Centrum Hamburg (CCH) auf offene Ohren stieß.

Begleitet von "Niemand siegt am Millerntor"-Gesängen folgte eine große Mehrheit dem Antrag und sorgte damit für ein Novum im deutschen Profifußball. Erstmals haben sich die Mitglieder eines Vereins erfolgreich dagegen gewehrt, den Stadionnamen gewinnbringend an einen Sponsor zu veräußern. Gleichzeitig probten die Anhänger des Kiezklubs damit den Aufstand gegen Präsident Corny Littmann (55), der kurz zuvor für vier weitere Jahre in seinem Amt bestätigten worden war. Littmann hatte zuletzt wiederholt deutlich gemacht, dass er sich einen Verkauf der Namensrechte durchaus vorstellen könne.

Kommerz schlägt Tradition

Lauten Applaus haben Namensänderungen von Fußball-Spielstätten in der Vergangenheit selten hervorgerufen. Die Fans des 1. FC Nürnberg liefen zunächst Sturm gegen die Umbenennung des traditionsreichen Frankenstadions in Easy-Credit-Stadion. Und auch die HSV-Anhänger würden zu den Heimspielen ihrer Mannschaft wohl lieber ins Uwe-Seeler-Stadion als in die HSH Nordbank Arena gehen. Letztlich verstummte jedoch der Protest. Die Aussicht auf zusätzliche Millionen-Einnahmen, neue Stars und sportlichen Erfolg wirkte wie Balsam auf den Wunden der Traditionalisten.

"Unbezahlbares Gut"

Beim FC St. Pauli allerdings wollen die Fans diesen Schritt in Richtung Kommerzialisierung nicht mitgehen und verweigern ihrem Präsidenten die Gefolgschaft. Der FC St. Pauli sei immer noch der etwas andere Verein, begründete Harberg seinen Antrag und fügte hinzu: "Mit Werten, vor denen die immer brutaler und in ihren Wesenszügen oft fan- und zuschauerfeindlich voranschreitenden Kommerzialisierung des Profifußballs nicht Halt machen will und wird." Für Harberg steht nicht weniger als die Identität des Hamburger Kultvereins auf dem Spiel. Diese gelte es unter allen Umständen zu bewahren, denn sie sei "das einzige Gut, das wirklich unbezahlbar ist".

Nicht umsonst sei der Hamburger Zweitligist die Nummer Fünf im bundesweiten Fanartikel-Verkauf, übertroffen nur von den Großklubs FC Bayern München, Borussia Dortmund, Schalke 04 und HSV. Ein Verlust der Identität, "die ihn von allen anderen Vereinen im deutschen Profifußball so wohltuend unterscheidet", wäre laut Harberg nicht durch ein paar hunderttausend Euro aufzuwiegen. Einer der 932 Delegierten brachte die Stimmung unter den St. Pauli-Fans auf den Punkt: "Die Binnenalster heißt auch nicht Astra-Pfützchen."

Ziel in Gefahr

Zwar betonte auch Littmann, dass das Herz des FC St. Pauli niemals dem Kommerz geopfert werden dürfe. "Es wäre absurd und ein Wahnsinn, wenn wir demnächst das Eckenverhältnis von Lidl präsentiert bekommen", sagte der Theaterbesitzer. Doch ohne die Mehreinnahme aus der Veräußerung der Namensrechte lässt sich Littmanns Ziel, den Stadionneubau bereits 2010 anstatt wie bisher geplant erst 2014 zu beenden, kaum realisieren. Allerdings knüpft auch der 55-Jährige die Umbenennung an eine Bedingung: "Nicht vorstellbar ist für mich, dass das Stadion einen Namen ohne den Zusatz 'am Millerntor' trägt." Der Sponsor müsse schon zum Image des Vereins passen.

Vorbild Werder Bremen

Doch selbst einen solchen Kompromiss lehnt die Fan-Opposition um Harberg ab. "Wer will letztlich entscheiden, was ein passender Sponsor ist?", fragt Harberg. Er bezweifle, dass man sich darauf in einem Verein einigen könne, in dem es zu diesem Thema bestimmt 1000 verschiedene Meinungen geben werde. Auch ein zeitlich befristeter Verkauf der Namensrechte, um den Stadionumbau zu beschleunigen, kommt für ihn nicht in Frage. "Ist der Name erstmal verkauft, ist er weg - für immer." Er fordert ohne Wenn und Aber: "Das Millerntor ist das Millerntor und soll das Millerntor bleiben."

Als nachahmenswertes Beispiel führt Harberg Werder Bremen an. Dort habe die Vereins- und Geschäftsführung im Oktober dieses Jahres versichert: "Das Namensrecht wird nicht verkauft. Die Bezeichnung Weserstadion bleibt." Ähnlich habe sich vor gut einem Jahr auch noch St. Pauli-Präsident Littmann geäußert. Bei der Vorstellung des vierstufigen Plans zum Stadionumbau im Schmidts Tivoli auf der Reeperbahn habe dieser sinngemäß gesagt: "Nein, ich kann mir auch nicht vorstellen, dass wir eine solche Frage ohne unsere Mitglieder entscheiden", erinnert sich Harberg.

Rechtlicher Druck

Die St. Pauli-Fans haben Littmann jetzt deutlich an sein Versprechen von damals erinnert. Dabei hat die Basis den Präsidenten nicht nur moralisch sondern auch rechtlich unter Druck gesetzt. Entgegen den Darstellungen des St. Pauli-Präsidiums, wonach der Mitglieder-Beschluss rechtlich nicht bindend sei, hat jetzt die "Arbeitsgemeinschaft Interessierter Mitglieder (AGiM) im FC St. Pauli" in einer Pressemitteilung das Gegenteil erklärt.

Der Auftrag an das Präsidium und den Aufsichtsrat des FC St. Pauli, den Stadionnamen nicht zu Zwecken der Werbung zu verkaufen, "beinhaltet selbstverständlich auch eine entsprechende Weisung an die Geschäftsführung und insbesondere an Herrn Michael Meeske, der gleichzeitig Gesellschafter der Millerntor-Stadion-Betriebsgesellschaft (MSB) ist und somit als weisungsgebundener Angestellter des Vereins entsprechend abzustimmen hat", heißt es dort. In letzter Konsequenz bedeute das laut AGiM Folgendes: "Da in der MSB der Einstimmigkeitsgrundsatz herrscht, ist die Vermarktung des Stadionnamens gegen den erklärten Willen eines Gesellschafters nicht möglich."

"Das Präsidium ist nicht total geil darauf, den Namen zu verkaufen"

Doch wie es scheint, hat St. Pauli-Boss Littmann die Botschaft verstanden. "Wir setzen uns nicht über die Abstimmung hinweg. Das Präsidium ist nicht total geil darauf, den Namen zu verkaufen", signalisierte Littmann Kompromissbereitschaft. Gleichzeitig machte der 55-Jährige aber auch deutlich, dass man sich beim Kiezklub nicht komplett gegen die Gesetze des Profifußballs stemmen dürfe. Es sei einfach, immer nein zu sagen. "Aber schließlich wollen auch die Fans das neue Stadion. Das gibt es nicht umsonst."

Der Kampf zwischen Kommerz und Tradition geht also weiter beim FC St. Pauli. Littmann hat sich übrigens derweil erstmal in den Urlaub nach Kuba verabschiedet - einer der letzten Bastionen des Sozialismus. Wie lange der Kultverein sich noch als Bastion gegen die Verlockungen des Kommerzes erwähren kann, werden die kommenden Monate zeigen.

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