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Fifa-Chef Blatter und die WM 2006 Ein Sommer voller Märchen


Gute PR oder doch Bestechung? Wie wurde Deutschland zum Ausrichter der WM 2006? Um vom eigenen Skandal abzulenken, hat Fifa-Chef Blatter Mauscheleien angedeutet. Solche Gerüchte gibt es seit Jahren.
Von Cord Sauer und Dieter Hoß

Wer hat denn nun die WM 2006 nach Deutschland geholt? War es Weltenbummler und Funktionärscharmeur Franz Beckenbauer? Oder doch der Neuseeländer Charles Dempsey, der plötzlich die entscheidende Fifa-Sitzung verließ, damit das Patt aufhob und das Stimmengewicht zugunsten Deutschlands verschob? War es vielleicht gar das Satiremagazin "Titanic", das eben jenem Dempsey einen Präsentkorb mit Schwarzwälder Schinken und Kuckucksuhr angeboten hatte? Oder ist es noch ganz anders gelaufen? War das eigentlich Märchenhafte am "Sommermärchen" vor sechs Jahren die Vorstellung, alles sei mit rechten Dingen zugangen?

Sepp Blatter, der allmächtige Chef des Fußballweltverbandes Fifa, selbst hat diese Frage wieder auf die Tagesordnung gesetzt. Er tat dies als Replik auf massive Kritik und Rücktrittsforderungen aus einem der wichtigsten Verbände des Weltfußballs. Nachdem sich Reinhard Rauball, Präsident der Deutschen Fußball-Liga (DFL), und Wolfgang Niersbach, Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), vom Fifa-Präsidenten auf Grund der Schmiergeldaffäre distanziert und ihn sogar zum Rücktritt aufgefordert hatten, holte der selbsternannte König des Fußballs zur Gegenoffensive aus und machte öffentlich Andeutungen, Deutschland hätte die WM nicht mit sauberen Mitteln erworben.

Tognoni: Vorwürfe treffen auch auf Blatter zu

"Gekaufte WM ... Da erinnere ich mich an die WM-Vergabe für 2006, wo im letzten Moment jemand den Raum verließ. Und man so statt 10 zu 10 bei der Abstimmung ein 10 zu 9 für Deutschland hatte. (…) Es steht plötzlich einer auf und geht. Vielleicht war ich da auch zu gutmütig und zu naiv", sagte der Chef des Weltverbandes Fifa im Interview mit dem Schweizer "SonntagsBlick". So mancher scheint damals nicht anwesend gewesen zu sein, besteht doch das Exekutivkomitee der Fifa aus 24 Mitgliedern.

Blatter aber war da. "Sepp Blatter war immer dabei. Wenn Sepp Blatter den Deutschen jetzt irgendwelche Vorwürfe macht, dann treffen die auf ihn zu. Denn er hätte ja das Ganze stoppen können, wenn es unsauber gelaufen wäre. Dann hätte er sagen müssen: So geht es nicht", wetterte der ehemalige Fifa-Direktor Guido Tognoni, der sich öffentlich gerne als Intimfeind Blatters darstellt, im "ARD-Morgenmagazin." Das aber hat Blatter - wie er nun indirekt selber bestätigt - nicht getan. Weil es so nicht passiert ist? Oder vielleicht, weil es nicht ungewöhnlich ist, die Dinge in der Fifa auf diese oder ähnliche Weise zu "entscheiden"?

Gerüchte um "persönliche Bedrohungen"

"Ich bin froh, dass ich keinen Stichentscheid fällen musste", erklärte Blatter im besagten Interview noch bezogen auf Dempseys Enthaltung. So froh kann Blatter aber eigentlich nicht gewesen sein damals. Wäre es nach ihm gegangen, hätte Südafrika schon die WM 2006 ausrichten dürfen. Seine Stichwahlentscheidung wäre somit keine große Überraschung geworden, Deutschland hätte das Nachsehen gehabt. Zumal Dempsey von seinem Kontinentalverband Ozeanien die Vorgabe erhalten hatte, für Südafrika zu stimmen.

Fedor Radmann, damals Vizepräsident des deutschen WM-Organisationskomitees, hingegen sagte dem "Tagesspiegel" jüngst, auf den Neuseeländer sei es gar nicht angekommen. "Dempsey hatte dem DFB zugesichert, zuerst für England zu stimmen und nach einem Ausscheiden Englands für Deutschland." Dempsey muss in einer brisanten Situation gewesen sein. Vor dem Verlassen des Raumes soll er angeblich etwas von "persönlichen Bedrohungen" gemurmelt haben. Hat Deutschland tatsächlich Druck gemacht, um die WM nicht an Südafrika zu verlieren?

Waffen für die WM?

Nach der Abstimmung mehrten sich die Gerüchte, der Neuseeländer hätte einen Tag vor der Abstimmung am 6. Juli 2000 einen Geldkoffer mit 250.000 Dollar erhalten. Bis heute sind diese Thesen nicht aus der Welt. Das Satire-Magazin "Titanic" veröffentlichte unmittelbar vor dem Treffen des Komitees ein nicht ganz erst gemeintes Fax, auf dem Dempsey ein prall gefüllter Präsentkorb mit deutschen Spezialitäten angeboten wird. Hatte was als Spaß gemeint war, seine Entsprechung in der Realität? Die tragende Rolle, die Dempsey in diesem undurchsichtig erscheinenden Vergabeprozess einnimmt, wird wohl nie ganz entschlüsselt werden können. Der Neuseeländer verstarb vor vier Jahren.

Gab es den ominösen Geldkoffer wirklich? Gab es tatsächlich Bestechungsversuche aus Deutschland? Korruption und Schmiergelder – alles, um eine WM ausrichten zu dürfen? Deutschland erhielt neben acht europäischen Stimmen auch vier aus Asien. Auch um die asiatische Unterstützung ranken sich Gerüchte. Der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) hatte just zu jener Zeit mit dem dafür zuständigen Bundessicherheitsrat bewilligt, dass Panzerfäuste an Saudi-Arabien ausliefert wurden. Ein Delegierter, der für die WM in Deutschland stimmte, kam aus – Saudi Arabien. Kein Zufall, wie Ex-Fifa-Funktionär Tognoni beispielsweise schon auf einem Sportbusiness-Kongress vor zwei Jahren öffentlich behauptet hat.

Blatter will von sich ablenken

Ähnlich zufällig erschienen die zahlreichen Geschäfte vom TV-Mogul Leo Kirch, der um die Jahrtausendwende vornehmlich in Thailand und Südkorea aktiv war. Auch aus diesen beiden Ländern befanden sich aber Mitglieder im Exekutivgremium der Fifa. Ausreichend Stoff für weitere Verschwörungstheorien; verbriefte direkte Verbindungen zur Vergabe der WM nach Deutschland sind aber zumindest nicht bekannt.

Dass sich Sepp Blatter mit seinen aktuellen Andeutungen, Deutschland habe die Austragung der WM 2006 im eigenen Land auf die ein oder andere Art "erzwungen", in erster Linie selbst aus der Schusslinie nehmen will, liegt auf der Hand. Das gelingt ihm aber nur bedingt. Denn sollte an seinen unkonkreten Vorwürfen etwas dran sein, würde dies auch auf ihn selbst zurückfallen. Freunde hat er sich mit seinen Angriffen bei einem der größten und wichtigsten Fußballverbände der Welt jedenfalls nicht gemacht. Doch selbst dies scheint nicht an der Macht Blatters zu kratzen. "Deutschland steht wahrscheinlich ziemlich alleine auf weiter Flur", schätzt Ex-Fifa-Mann Tognoni die Situation ein. "Würde ein außerordentlicher Fifa-Kongress einberufen, hätte Blatter, wie die Dinge liegen, vermutlich sicher 105 Verbände hinter sich, wahrscheinlich wären es noch sehr viel mehr." Rücktrittsforderungen aus einem Verband müssen ihn daher kaum scheren. Der Schweizer strebt vielmehr eine weitere Amtsperiode an. Sie wird, Stand jetzt, 2015 beginnen.

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