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Neuerdings Rechtsverteidiger: Darum ist Matthias Ginter der größte Hoffnungsträger für die EM

Die defensiven Außenbahnen sind die großen Baustellen des DFB-Teams. Vor dem Freundschaftsspiel gegen Frankreich rückt der erst kürzlich umgeschulte Rechtsverteidiger Matthias Ginter in den Fokus. Er schwingt sich auf, der neue Lahm zu werden.

Von Finn Rütten

BVB-Profi Matthias Ginter im Nationaltrikot

Die Sechs steht bei Matthias Ginter nur noch auf dem Trikot, seine Stammposition hat er nun woanders

Fußball-Weltmeister Deutschland hat auf keiner Position so große Probleme, wie bei den Außenverteidigern. Das Erbe von Philipp Lahm auf der rechten defensiven Außenbahn hat noch niemand antreten können. Gleich mehrere Kandidaten bewerben sich um den vakanten Posten. Während links Jonas Hector die aktuell besten Karten zu haben scheint, rückt auf rechts hinten BVB-Profi Matthias Ginter in den Fokus. Er ist erst seit kurzem Rechtsverteidiger, doch er beeindruckt mit starken Spielen für Dortmund. Jetzt ist er dabei, auch im Nationaldress endlich den Durchbruch schaffen. Das hatte nicht jeder erwartet.

Als Ginter im Sommer 2014 vom SC Freiburg zu Borussia Dortmund wechselte, war er frisch gebackener Weltmeister - allerdings ohne eine einzige Spielminute. Sein Start beim BVB verlief holprig - viele hatten dem damals 20-Jährigen unterstellt, zu früh den Sprung zu einem großen Verein gewagt zu haben. Jürgen Klopp setzte ihn in der gesamten Saison nur 14-mal in der Bundesliga ein, entweder als Innenverteidiger oder im defensiven Mittelfeld. Sogar ein Vereinswechsel stand im Raum. Für den Durchbruch Ginters brauchte es dann einen neuen Trainer - und eine neue Position.

Matthias Ginter der Rechtsverteidiger erblickte am 20. August dieses Jahres das Licht der Welt. BVB-Neuzugang Gonzalo Castro hatte auf der rechten hinteren Außenbahn eine miserable Halbzeit in der Europa-League-Qualifikation gegen den Odds BK hingelegt, auch Ginter sah als Innenverteidiger nicht gut aus. Zur Pause stand es 1:3 aus Sicht des BVB. Coach Thomas Tuchel brachte Sokratis für Castro und Ginter rückte nach außen. Dortmund gewann noch mit 4:3 und der 21-jährige Nationalspieler hatte seine neue Position gefunden.

Starke Bilanz für den BVB

Seither ist er Stammspieler und zahlt das Vertrauen mit einer beeindruckenden Bilanz zurück: Ginter kommt auf zehn Torvorlagen und drei Tore. In jedem Wettbewerb hat er mindestens ein Tor vorbereitet. "Man ist offensiver und kann freier und risikoreicher spielen", schwärmt er gegenüber Sport1 von seiner neuen Rolle. Zu verdanken hat er sie dem Querdenker Tuchel: "Ich glaube nicht, dass mich so viele Trainer als Rechtsverteidiger eingesetzt hätten", sagt Ginter selbst. Die Gespräche mit dem Trainer hätten ihm besonders vom Kopf her geholfen. Die Umschulung zum Außenverteidiger hat beim BVB mittlerweile Tradition: Marcel Schmelzer, Lukas Piszczek und auch Kevin Großkreutz fanden erst dort ihre Paraderolle. 

Ginter spielt auf der Außenbahn so gut, dass er sich durchaus Hoffnungen auf einen Stammplatz für die kommende EM in Frankreich machen darf. Denn seine neue Position ist die größte Baustellen der DFB-Elf. Joachim Löw hatte in der Vergangenheit immer wieder Probleme, die Außenbahnen zu besetzen, ließ zur WM zumeist gar mit einer Viererkette aus etatmäßigen Innenverteidigern spielen. Die eher unterdurchschnittlichen Leistungen von Ginters Vereinskollege Schmelzer kommentierte Löw öffentlich mit einem "Ich kann mir ja keine Außenverteidiger schnitzen". Auch die neue Generation aus Ginter und Hector bekam schon das Bundestrainer-Siegel "eher defensiv geschult". Doch diesem Argument tritt der BVB-Profi nun mit seinen Leistungen im Verein entschieden entgegen.

Ginter für die Lahm-Lücke?

Die Lahm-Lücke klafft gewaltig. Jahrelang hatte der Routinier keine Diskussionen über die Position in der Nationalelf aufkommen lassen, war einer der besten der Welt auf der defensiven Außenbahn. Doch nach seinem Rücktritt gilt es, die großen Fußstapfen zu füllen. Ginter hat hier aktuell die besten Karten, bewirbt sich mit jedem weiteren starken Spiel beim BVB um den Stammplatz. Denn im Gegensatz zu Emre Can oder Sebastian Rudy, die zuletzt häufiger hinten rechts ran durften, sieht sich Ginter selbst als Rechtsverteidiger und spielt diese Position auch dauerhaft im Verein.

Sollte er beim Freundschaftsspiel heute Abend gegen Frankreich in der Startelf stehen, könnte er die nächste Bewerbung abliefen. Er sei einer der jüngsten im Team und stelle keine Ansprüche, gibt er sich im Interview mit Goal.com noch kleinlaut, um dann aber schnell hinterherzuschieben: "Zum Turnier zu fahren und Europameister zu werden, ist mein großes Ziel."

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