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Fußball-Tragödie Absturz einer Legende: 1. FC Kaiserslauten versucht mit Planinsolvenz letzte Rettung

Kaiserslautern feiert die Meisterschaft 1998
Vielleicht der allerletzte große Erfolg: Mannschaftskapitän Ciriaco Sforza reckt die Meisterschale die Höhe. Zur Meistermannschaft von 1998 gehörte auch Andi Brehme aus dem 1990er-Weltmeisterteam (ganz re.). Der damalige DFB-Präsident Egidius Braun (3.v.li.) überreichte die Schale.
© Picture Alliance
In der Pfalz spielt sich gerade eine Fußball-Tragödie ab. Der 1.FC Kaiserslautern, der legendäre Club von Fritz Walter und Miro Klose, steht am Abgrund. Mit einer Planinsolvenz kämpft der Drittligist ums Überleben.

Was sich derzeit in der pfälzischen Provinz abspielt, darf man getrost als eine der größten Tragödien des deutschen Fußballs bezeichnen. Der legendäre 1. FC Kaiserslautern, inzwischen in die dritte Liga abgestürzt, hat am Montag mitgeteilt, eine sogenannte Planinsolvenz anzustreben. Es geht ums nackte Überleben für die "Roten Teufel" vom Betzenberg. Nach jahrelanger Misswirtschaft und sportlichen Misserfolgen droht dem Club von Fritz Walter, Andi Brehme und Miro Klose, die für drei Weltmeister-Generationen stehen, das Aus.

Der viermalige deutsche Meister bestätigte Informationen des Fachmagazins "Kicker" und des Südwestrundfunks (SWR), beim Amtsgericht Kaiserslautern einen Antrag auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens in Eigenverwaltung - umgangssprachlich als Planinsolvenz bekannt - gestellt zu haben. Damit könnte sich der FCK sanieren und den drohenden Absturz in die Bedeutungslosigkeit abwenden. Die Pfälzer sollen mittlerweile Schulden in Höhe von rund 24 Millionen Euro plagen und etwa 15 Millionen Euro für die Erteilung der Lizenz für die kommende Saison benötigen.

1. FC Kaiserslautern: Selbst bei Fans in der Kreide

In der schwierigen Lage richtete Geschäftsführer Soeren Oliver Voigt einen Appell an das Vereinsumfeld: "Unser operatives Geschäft sowie den Spielbetrieb führen wir fort. Unsere Fans, Anhänger, Freunde und Förderer bitten wir darum, den FCK mit kühlem Kopf und heißem Herzen zu unterstützen. Wir sind sanierungsfähig und ganz sicher sanierungswürdig." Der Club betonte in einer Mitteilung auf seiner Homepage, dass das vorläufige Verfahren nur für die 1. FC Kaiserslautern GmbH & Co. KGaA, die den Profibereich trägt, beantragt worden sei. Weder andere Teilunternehmen noch der Sportverein an sich seien betroffen.

Für eine Planinsolvenz gibt es bestimmte Voraussetzungen. Mindestens die Hälfte der Gläubiger müssen einem Insolvenzplan zustimmen - wohl wissend, dass sie damit praktisch leer ausgehen oder nur einen Bruchteil ihrer Forderungen (meist weniger als zehn Prozent) erhalten werden. Im Fall des FCK wären laut einem SWR-Bericht vor allem das Stuttgarter Finanzunternehmen Quattrex Sports, bei dem die Lauterer mit mindestens acht Millionen in der Kreide stehen sollen, der Sportvermarkter Lagardère und der Luxemburger Investor Flavio Becca betroffen. Aber auch viele Anhänger des Clubs, die 2019 für insgesamt rund drei Millionen Euro Fan-Anleihen erworben hatten, werden ihr Geld wohl nie wiedersehen.

"Wirtschaftliche Leistungsfähigkeit wiederherstellen"

"Ziel des Verfahrens ist es, zügig die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit wiederherzustellen", so Voigt. Dazu soll gehören, dass die Arbeitsverträge der Spieler und Trainer bestehen bleiben und keiner der Profis den Club vorzeitig verlassen kann, so der SWR-Bericht. Die Gehälter sollen für drei Monate von der Agentur für Arbeit übernommen werden - allerdings nur bis zur Beitragsbemessungsgrenze von 6900 Euro im Monat. Die Mannschaft habe mit einem teilweisen Gehaltsverzicht bereits einen bemerkenswerten Beitrag zum Gelingen des Sanierungsplans geleistet, heißt es von Vereinsseite.

Sollte dieser erfolgreich sein, hätte der FCK auch in der kommenden Saison eine Mannschaft, mit der der Club in der 3. Liga antreten könnte. Dies aber auch nur, weil der Deutsche Fußball-Bund den bei einem Insolvenzantrag vorgesehenen Neun-Punkte-Abzug wegen der Coronakrise ausgesetzt hat. Sechs Tage vor dem Saison-Ende beträgt das Polster auf die Abstiegsränge sieben Punkte.

Angeblich noch keine Einigung mit Hauptgläubigern

In trockenen Tüchern sind die Rahmenbedingungen für die Planinsolvenz Medienberichten zufolge aber offenbar keineswegs. Die FCK-Führung um Voigt und Beiratssprecher Markus Merk hatte in den vergangenen Wochen intensiv nach Auswegen aus der Finanzkrise gesucht. Der erhoffte Schuldenschnitt sei jedoch nicht zustande gekommen, weil potenzielle Investoren ihr Geld offenbar erst nach der kompletten Sanierung des Vereins zur Verfügung stellen wollen.

Zwar sollen die Hauptgläubiger laut einem "Kicker"-Bericht durchaus zu Stundungen der Darlehen um ein Jahr bereit sein, doch der Verein benötige unbedingt den Erlass von 90 Prozent der Verbindlichkeiten. Ohne diesen Schnitt wäre der angehäufte Schuldenberg inzwischen wohl zu hoch, um den FCK retten zu können, zudem würde ein Aufschub der Verbindlichkeiten nicht das Problem lösen, den defizitären Betrieb in Zukunft sicherzustellen und profitabel zu machen.

Interesse an Marke FCK weiterhin "enorm"

Dies zumal der Luxemburger Becca seine Bürgerschaft in Höhe von 2,6 Millionen Euro durch einen Zugriff auf künftige Ticket- und Transfer-Einnahmen vertraglich abgesichert haben soll, wie der SWR berichtet. Der Insolvenzplan muss im Detail darlegen, wie der Betrieb fortgeführt werden kann und wie finanzielle Verpflichtungen erfüllt sowie Gewinne erwirtschaft werden können. 

Voigt ist aber optimistisch, dass der Plan funktionieren kann. "Wir wollen und können die Chance nutzen, unsere Eigenkapitalbasis mit Investoren für einen grundlegenden wirtschaftlichen Neustart zu stärken“, erläutert ger Geschäftsführer in der Vereinsmitteilung. "Niemandem von uns ist diese Entscheidung leichtgefallen", so Voigt weiter, "mit dieser Option auf eine mittel- und langfristige wirtschaftliche Sanierung können wir jedoch unsere Handlungsspielräume spürbar erweitern und dem Spielbetrieb den Rücken freihalten". Nach wie vor sei das Investoren-Interesse an der Marke FCK "enorm". Das Gericht werde nun einen vorläufigen Sachverwalter bestellen, der das Verfahren vorantreiben soll.

Großer Name auf der Fußball-Landkarte

Sollte der Plan trotz aller Bemühungen scheitern, würde mit dem 1. FC Kaiserslautern als großem Proficlub ein wirklich bedeutender Name von der deutschen Fußball-Landkarte praktisch verschwinden. Seine größte Zeit erlebte der Verein in den 1950er-Jahren mit zwei deutschen Meisterschaften und einem Team, das mit fünf Spielern 1954 den Kern der ersten deutschen Weltmeistermannschaft stellte. Spielführer war Fritz Walter, nach dem heute das zur WM 2006 erneuerte Betzenberg-Stadion benannt ist. Die FCK-Legende wäre in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden.

Auch die 1990er-Jahre waren - trotz des zwischenzeitlichen Abstiegs in die 2. Liga erfolgreich: zwei Pokalsiege und zwei Meisterschaften wurden gefeiert, wobei sich die "Roten Teufel" mit dem Titel 1998 in den Bundesliga-Geschichtsbüchern verewigten. Unter Trainer Otto Rehhagel schaffte der FCK als erster und bisher einziger Aufsteiger den sofortigen Titelgewinn. Ein Jahr später spielte sich das Meisterteam bis ins Viertelfinale der Champions League. Der 1. FC Kaiserslautern ist Gründungsmitglied der Bundesliga, spielte insgesamt 35 Spielzeiten in der 1. Liga und liegt immer noch auf Platz 11 der ewigen Bundesligatabelle.

Update: Dieser Beitrag wurde mit Aussagen aus einer Mitteilung des 1. FC Kaiserslautern aktualisiert, in der bestätigt wurde, dass ein Antrag auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens in Eigenverwaltung gestellt worden ist.

Quelle: Vereinsmitteilung"Kicker", Südwestrundfunk, Nachrichtenagentur DPA


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