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Fußball-Bundesliga: Ringelpiez mit Anfassen

Was ist denn da los? Hoffenheim wird deklassiert, die Bayern scheitern am eigenen Überdruss, und vorne steht eine Mannschaft, mit der niemand rechnete. Die Bundesliga wird zur Krankenstation - besonders die einstigen Höhenflieger aus Hoffenheim spüren den Fluch der guten Tat.

Von Jens Fischer

Andreas Ibertsberger war am Samstagmorgen ein wenig schwindelig. Der Hoffenheimer Linksverteidiger hatte eine unruhige Nacht, zu tief wird bei ihm der Schreck aus der 3. Minute der Pleite gegen Bayer Leverkusen gesessen haben. Der Bayer-Brasilianer Renato Augusto hatte sich Ibertsberger vorgeknöpft, mit ihm ein wenig Samba getanzt und den Ball so in die Mitte gezaubert, dass Kollege Patrick Helmes locker zum ersten Treffer der Leverkusener einschießen konnte. Der Anfang einer 1:4-Schmach für Hoffenheim, und Sinnbild für die negative Entwicklung des Rhein-Neckar-Überraschungsteams.

Auch die anderen Titel-Aspiranten taumeln durch die Liga. Bayern München verliert nach erschreckend schwacher und arroganter Leistung in Berlin, die Leistungen der Hamburger gleichen einer Wundertüte, und hinten lauern die spielstarken, aber labilen Leverkusener. Tabellenführer ist mit der Hertha eine Mannschaft, die vor allem eines kann: systematisch und effektiv Punkte sammeln. Merkwürdige Bundesliga - alles ist möglich, will denn keiner Meister werden?

Viele Fehler bei Hoffenheim

Besonders die Hoffenheimer kämpfen momentan mit dem Fluch der guten Tat. Nach einer sensationellen Vorrunde läuft es nicht mehr bei der Truppe von Trainer Ralf Rangnick. Ein mühevolles 2:0 gegen harmlose Cottbuser, bei der Krisenelf aus Mönchengladbach ein 1:1 errumpelt und jetzt das frustrierende Heimdebakel - der Rückrundenstart hätte für die einstigen Höhenflieger nicht schlechter laufen können.

Woran liegts? Die Hoffenheimer spielten auch gegen Leverkusen ordentlichen (Offensiv)-Fußball, immer schnell nach vorne, überfallartig, immer hungrig ran an die Fleischtöpfe vor dem gegnerischen Tor - aber irgendwie ist alles nicht mehr so mitreißend, nicht mehr so brillant, zudem fehlerhafter und deshalb nicht mehr so erfolgreich. Der Zauber ist verflogen, die Realität ist angekommen im kleinen Hoffenheim, und vor allem: Die Gegner wissen jetzt, was sie erwartet, wenn sie auf die blaue Tormaschine treffen.

"Unsere junge Mannschaft hat Gier gezeigt und Hoffenheim von Beginn an in die Rückwärtsbewegung gedrängt", sagte Leverkusens Trainer Bruno Labbadia nach dem Triumph seiner Mannschaft. Was sich nach Stolz und Glück anhört, ist in Wahrheit eine Betriebsanleitung dafür, wie man Hoffenheim effektiv bekämpfen kann. Denn die Probleme der 1899er liegen in der Defensive. Dort haben sie speziell auf der linken Außenbahn seit Saisonstart große Probleme. Ibertsberger ist zwar österreichischer Nationalspieler, aber es gibt Qualitätsnachweise mit mehr Gewicht. Nicht umsonst wurde in der Winterpause mit dem Brasilianer Fabricio nachgelegt, der aber scheint weiter Zeit zu brauchen.

Probleme in der Defensive

Seit Freitagabend weiß man auch, dass es in der Innenverteidigung an Alternativen mangelt. Marvin Compper fehlte verletzt, sein Ersatzmann Per Nilsson zeigte eine schwache Leistung und war maßgeblich an den Gegentoren beteiligt. Zu oft rollten die überfallartigen Angriffe der Leverkusener auf die Hoffenheimer zu, was auch den beiden "Staubsaugern" Tobias Weis und Luiz Gustavo lag. Weis steckt momentan im Leistungstief, weswegen auch Bundestrainer Joachim Löw gegen Norwegen auf seine Berufung verzichtete. Das Spiel Gustavos ist immer noch zu divenhaft und unkonstant - ein Umstand, der den Disziplinfanatiker Rangnick schon öfters um den Verstand brachte.

Ein weiteres Problem steht im Tor. Mit großem Tamtam wurde Timo Hildebrand im Winter nach Hoffenheim gelotst, um die vermeintlich einzige große Schwachstelle zu beheben. Aber Hildebrands erste Wochen zurück in der Heimat scheinen verflucht zu sein. Erst eine Verletzung im ersten Spiel mit anschließender Zwangspause und dann gegen Leverkusen ein missglücktes Comeback: Bei einem Gegentreffer angeblich gefoult, bei einem weiteren glücklos beim Rauslaufen - Hildebrand ist (noch) nicht die erhoffte Verstärkung.

Ist der Druck zu groß?

"Vier Gegentore im eigenen Stadion sind frustrierend", klagte Hoffenheims Matthias Jaissle, einige seiner Kollegen sprachen davon, in der Bundesliga zu Hause bislang noch keinen Zwei-Tore-Rückstand erlebt zu haben. Das macht deutlich: Der Druck auf die junge Mannschaft wächst und nicht alle scheinen damit klar zu kommen. "Wir haben zu viele Fehler gemacht, was für uns untypisch ist", gab Rangnick am späten Freitagabend offen zu.

Woran das liegt? Am hohen Erwartungsdruck im neuen eigenen Stadion, am riesigen Ansturm von Fans und Medienvertretern oder doch an der Gewissheit, tatsächlich die Meisterschale in die Provinz holen zu können? Viele Ursachen für die schwelende Hoffenheim-Krise. Mal ganz abgesehen von verletzungsbedingten Ausfall der Fließband-Goalgetters Vedad Ibisevic, den Boubacar Sanogo wohl nicht annähernd ersetzen kann. Und Spielmacher Carlos Eduardo ist momentan ebenfalls völlig von der Rolle.

Viele Probleme in Hoffenheim, aber auch eine große Hoffnung: In der Bundesliga herrscht weiter Ringelpiez mit Anfassen, alle scheinen sie Angst vor dem Titel zu haben. Keine Mannschaft mit Ausnahme der Sensationstruppe Hertha BSC Berlin spielt konstant. In diesem Jahr kann fast jeder Meister werden. Auch die Hoffenheimer. Krise hin oder her.

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