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Fußball-Nationalmannschaft: Weit weg von Weltklasse

Vier Gegentreffer gegen Schweden, vier gegen die USA, jetzt wieder drei gegen Paraguay: Das Defensiv-Dilemma der Nationalmannschaft hält an. Aber das ist es nicht allein.

Von Klaus Bellstedt

Es kommt fast nie vor, dass Joachim Löw einzelne seiner Spieler öffentlich kritisiert. Aber jetzt, nach der Fast-Blamage gegen Paraguay zum Auftakt der WM-Saison, wich der Bundestrainer von seinem Weg ab. Die drei Gegentore hatten ihm die Laune verdorben. "Vor dem ersten Gegentor haben wir keinen Druck auf den Spieler im Mittelfeld ausgeübt. Aber man muss auch erkennen, wenn ein langer Ball gespielt wird. Man darf sich den Ball nicht in den Rücken spielen lassen, da spekuliere ich nicht", polterte Löw. Wen er meinte, war klar: Mats Hummels. Dortmunds Abwehrchef erwischte gegen Paraguay einen gebrauchten Abend und war mit zwei Stellungsfehlern vor den Gegentoren Nummer eins und drei mitverantwortlich für die gefühlte Niederlage. Wohl gemerkt: mitverantwortlich.

Hummels war nicht der alleinige Sündenbock. Auch Per Mertesacker, sein Partner in der Innenverteidigung, war zu keiner Zeit ein Stabilisator. Natürlich hat die Saison in der Premier League noch nicht begonnen, trotzdem darf man von einem, der 91 Länderspiele auf dem Buckel hat, deutlich mehr erwarten. Das gilt übrigens auch für Marcel Schmelzer. Über dessen linke Seite fielen alle drei Gegentore. Schmelzer mühte sich, das schon. Aber er kam nicht hinterher mit dem Stopfen der ganzen Löcher im Defensivverbund. Als Einziger aus der Viererkette erreichte in Kaiserslautern Philipp Lahm seine Normalform – und auch das nur mit Abstrichen.

Elf Gegentore in sechs Spielen

Im Hinblick auf die WM beschleicht einen ob des Defensiv-Dilemmas so langsam ein Gefühl der Angst. Denn es ist ja so: Exakt diese Abwehrformation ist von Löw für Brasilien vorgesehen. Plus Jerome Boateng, der für Mertesacker eingewechselt wurde und der seinen Dienst wesentlich zuverlässiger absolvierte als der wacklige Arsenal-Profi.

Elf Gegentore in sechs Spielen hat das deutsche Nationalteam in diesem Jahr schon geschluckt. Vier Treffer gegen Schweden, vier gegen die USA, jetzt wieder drei in Kaiserslautern: Die Mannschaft, das wird immer offensichtlicher, hat ein Abwehrproblem. Aber sie findet eben auch nicht die Balance zwischen attraktivem Offensivspiel und den Defensivaufgaben.

Zweifel an Winner-Qualitäten

In Abwesenheit von Bastian Schweinsteiger sollte eigentlich Sami Khedira das Bindeglied sein. Aber auch der Sechser von Real Madrid enttäuschte gegen Paraguay und war viel zu selten der Leader und Taktgeber im defensiven Mittelfeld, der er sein kann – und sein soll. Wenn dann auch noch Spieler wie Mesut Özil und Marco Reus zwar solide, aber keinesfalls überragende Auftritte hinlegen, gewinnt diese Mannschaft keine Spiele.

Was fast noch schlimmer ist: Solche Leistungen wie die vom Mittwochabend nähren auch wieder die Zweifel an jenen Qualitäten, die für die Titelmission in Brasilien im kommenden Sommer nötig sind. Es ist zwar noch ein bisschen hin und für viele Nationalspieler hat die Saison noch gar nicht richtig begonnen. Aber das zählt nicht als Ausrede. Denn der Maßstab ist eben schon jetzt die absolute Weltspitze. Und davon ist Löws Truppe derzeit ziemlich weit entfernt.

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