Fußball-Presseschau "Kleine wie Wichtel aussehen lassen"


Auch nach dem 2:0 in Wales kann die Presse nichts anderes schreiben als nach jedem anderen Spiel der deutschen Elf unter Joachim Löw: Lob und Respekterbietung. Der Auftritt Bastian Schweinsteigers erregt besondere Aufmerksamkeit.

Klaus Hoeltzenbein (SZ) malt Gegenwart und nahe Zukunft des deutschen Fußball in Rosarot: "Derzeit sind es nicht nur die Ballacks oder Schneiders, die Kloses oder Kuranyis, die exemplarisch für den Luxus in der Nationalelf stehen. Es ist einer wie Hitzlsperger, der dort spielt, wo der Trainer ihn hinstellt – in Wales zentral, ballsicher, souverän im Mittelfeld –, und der stets protestfrei pendelt zwischen erster Elf und Reservebank.

Der deutsche Fußball hat derzeit eine personelle Breite wie noch nie. Unzählige Torhüter, die Vertrauen verdienen, ein seriöse Abwehr, Mittelfeldspieler im Überfluss, einen eifrigen Perspektivsturm - zudem eine U21-Junioren-Auswahl, die mal eben 3:0 in Nordirland gewann, oder eine U17 um Toni Kroos, den Begabten des FC Bayern, die gerade WM-Dritter wurde. Das bedeutet sportlich noch nicht viel, denn wenn einer fünfzig gute Kicker hat, kann ein anderer elf sehr gute mitbringen. Dennoch wird die DFB-Elf als Favorit zur EM 2008 in die Alpen reisen. Und wenn's dort doch nichts wird, so war wenigstens diese Zeit zwischen WM und EM zu genießen. Früher verstand sich die Nationalelf primär als Turniermannschaft – die Zwischenräume, die Tage der Hitzlspergers, waren ihr oft egal.“

Jan Christian Müller (FR) schreibt beeindruckt: „Es sah so aus, als würde eine Herrenmannschaft gegen eine B-Jugend spielen. In der Anfangself der bemitleidenswerten Gastgeber standen jedoch neben fünf Zweitligaprofis auch sechs Spieler aus der Premier League. Die Deutschen haben nicht gegen eine Ansammlung von Anfängern gewonnen. Aber sie haben die Größe, Kleine wie Wichtel aussehen zu lassen.“

Auch Stefan Hermanns (Tagesspiegel) beobachtet Wachsen und Schrumpfen:

„Es gibt wieder Kleine im Fußball. Zumindest für die Deutschen. Die Kleinen sind wieder klein, weil die Deutschen wieder groß sind. Mit dem Wissen von heute könnte man Rudi Völler vorwerfen, er sei immer zu ängstlich gewesen. Aber die neue Größe der Nationalmannschaft ist nicht nur herbeigeredet. Ihr riesiges Selbstvertrauen speist sich aus einer tatsächlichen Stärke, aus einer fußballerischen, technischen und strategischen Überlegenheit, die sich die Mannschaft unter den Bundestrainern Klinsmann und Löw planmäßig erarbeitet hat.“

Selbst Matti Lieske (Berliner Zeitung), üblicherweise einer er größten Kritiker, lobt:

„Ein klares System, dessen Automatismen mittlerweile von vielen Spielern verinnerlicht wurden, sowie eine profunde Gegneranalyse erlauben es, für jeden Kontrahenten das probate Mittel zu finden. Das macht die Mannschaft nicht unschlagbar, aber wer gegen sie bestehen will, muss wirklich gut sein, sich etwas einfallen lassen und braucht auch ein bisschen Glück.“

Michael Horeni (FAZ) gönnt dem Bundestrainer das breite Lächeln nach dem Spiel: „Alles, was er und die Spieler anpacken, glänzt am Ende auf wundersame Weise golden. Es hat zwar unter Joachim Löw schon spektakulärere Erfolge gegeben, aber noch nie geriet er nach einer Partie so ins Schwärmen. Der spielend leicht erscheinende Erfolg gegen eine Mannschaft, die den Deutschen in der Vergangenheit und ihren schärfsten Rivalen auch in der Gegenwart besonders zu Hause arg zusetzte, erschien Löw angesichts der erschwerten personellen Bedingungen als ein im höchsten Maß veredelter Alltag. Der Fußball-Lehrer in Löw blühte auf, nachdem seine immer wieder veränderte Mannschaft jede taktische und spielerische Vorgabe umgesetzt hatte. Löw ertappte sich sogar dabei, ein Spiel gegen einen hoffnungslos unterlegenen Gegner 'vielleicht zu positiv' zu bewerten. Aber nachdem er gesehen hatte, was seine vielen unerfahrenen Spieler auf zum Teil auch noch ungewohnten Positionen an Lernerfolgen aus dem Training schnurstracks unter Qualifikationsbedingungen auf dem Platz präsentierten, mochte er seinen Stolz auf dieses ebenso lernwillige wie erfolgshungrige Team nicht verbergen.“

Die SZ verteilt Lorbeer an Bastian Schweinsteiger: „Er trug die 7 auf dem Rücken, aber er spielte wie ein 10er der alten Schule, im Kerngebiet des Spielfeldes besaß er Macht wie ein Diktator, und obendrein fand er so viel Spaß daran, dass es ansteckend war.“ Die FAZ pflichtet bei: „Die Chefrolle im Mittelfeld machte Schweinsteiger sichtlich Spaß. Konnte schalten und walten, wie er wollte. Großer Aktionsradius, nur im Abschluss fehlte 'Mr. Hackenpass' ein Tick.“ Lieske allerdings gibt zu bedenken: „In Schweinsteiger kristallisierten sich die zwei Seiten des deutschen Auftretens: In Abwesenheit von Leuten wie Ballack, Schneider oder Borowski prägte er mit vielen Ballkontakten das Spiel der Mannschaft und sorgte für eine klare Überlegenheit im kreativen Bereich. Schweinsteiger war es aber auch, der mit seiner aufreizenden Lässigkeit das Signal für das beruhigte Zurücklehnen und die Überheblichkeit gab, die nach dem Führungstreffer langsam einsetzte und die Waliser etwas besser ins Spiel brachte.“

Der SZ ist die Präzision Miroslav Kloses angenehm aufgefallen:

„Die Art, wie der Mittelstürmer das erste seiner zwei Tore erzielte, war bezeichnend: Nach dem klugen Zuspiel von Kuranyi legte er den Ball behutsam in die Ecke, als ob er eine wertvolle Vase ins Regal stellen würde.“


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker