Fußball-Presseschau Organisierte Kleinkriminelle


Systematische Aggressionen und zähe Betrugsversuche: Das Hass-Duell zwischen dem FC Barcelona und Chelsea London ist noch immer das beherrschende Thema der Fußball-Woche. stern.de und indirekter-freistoss.de blicken in die Gazetten.

Das 1:3 der Hamburger gegen Porto hat herbe Bestandsaufnahmen zur Folge, die Vorwürfe der Presse zielen in erster Linie auf die Spieler; Kritik am Trainer Thomas Doll verkneift sie sich meist. Die Hamburger Himmelsstürmer finden sich im Himmel nicht zurecht, gibt Axel Kintzinger (Financial Times) zu verstehen: "Manche, die sich aufmachen zu ganz großen Zielen, verblüffen ihr Publikum, wenn sich am Ende herausstellt, dass der Weg schon das Ziel war. So sieht das aus bei Angela Merkel, die genau wusste, wie sie ins Kanzleramt kommt. Und nicht so genau weiß, was sie dort soll. Beim Hamburger SV liegen die Dinge ähnlich. Da wurde die Teilnahme an der Champions League zum Maß aller Dinge, und um sie zu erreichen, spielte die Mannschaft ihre Gegner in der letzten Saison häufig schwindelig. Angekommen in der Königsklasse, blamierte sich der Klub bis auf die Knochen."

Christian Zaschke (SZ) vermutet, dass die Champions League manchen Hamburgern zur Last geworden ist: "Die Mannschaft zeigte die mittlerweile bewährte Mischung aus Pech, Fehlern und Unfähigkeit. Einige Spieler resignierten, wohl auch, weil die Champions League in der derzeitigen Lage ein Klotz am Bein ist." Patrick Krull (Welt) geht die Fünfjahreswertung der Uefa nicht aus dem Sinn: "Drückt man es positiv aus, dann haben die Hamburger den Charme von Levski Sofia: Sie dürfen mitmachen, obwohl sie gewogen und für zu leicht befunden wurden. Sieht man es realistisch, dann verbauen Klubs wie der HSV dem deutschen Fußball die Zukunft."

Die Nüchternheit der Bremer beim 3:0

in Sofia empfinden die Journalisten als gelungene und erfolgreiche Abwechslung, etwa Achim Lierchert (FAZ): "Neben der erfreulichen Aussicht, womöglich auch nach der Winterpause zum erlauchten Kreis der europäischen Fußball-Elite zu gehören, sorgte eine weitere Erkenntnis für Zufriedenheit im Bremer Lager: Es muss auf dem Platz nicht immer ein beschwingter Walzer sein. In Sofia war es mehr der disziplinierte Marsch, der den Erfolg brachte. Zielorientierter Zweckfußball, dem auch die Bulgaren nicht im Wege stehen wollten." Christof Kneer (SZ) achtet die Unerbittlichkeit der Bremer: "Werder hat dieses Spiel gewonnen, weil die Mannschaft inzwischen über eine bemerkenswerte Eigenschaft verfügt: Sie nimmt Fehler dankend an - und reitet auf den Fehlern so lange herum, bis der Gegner sich ergibt."

Bayern München zieht durch ein 0:0

gegen Sporting Lissabon ins Achtelfinale ein, doch die Presse bemängelt den Stil. Klaus Hoeltzenbein (SZ) fehlen die dem Genre angemessenen Worte, um das Spiel zu beschreiben: "Hätte sich dieses Fußballspiel ins Feuilleton verlaufen, wäre vermutlich von einer Kakophonie berichtet worden - von einem Werk, bei dem sich fast alle beflissen mühen, aber trotzdem kein Zusammenhang zu erkennen ist."

Christian Eichler (FAZ) fühlt sich vom 2:2

zwischen Barcelona und Chelsea einerseits hingezogen, andererseits angewidert: "Die beiden wohl stärksten Klubteams Europas lieferten ein schönes Feuerwerk feiner Fußballkunst. Doch zugleich war, auch das typisch fürs aufgeputschte Duell, die Partie über weite Strecken zerrissen: durch echte Fouls und falsche Blessuren, ständiges Reklamieren und 'Rudelbilden' - all die systematischen Aggressionen und zähen Betrugsversuche, die Fußball auf höchster Ebene oft nicht wie ein anständiges Spiel, sondern wie organisierte Kleinkriminalität aussehen lassen." Eichler hofft auf eine längere Atempause: "Nach sechs hitzigen Duellen in 19 Monaten lässt das Los nun hoffentlich Ruhe einkehren in die Beziehung des spanischen und des englischen Champions. Ihre Begegnungen bringen zwar das Beste aus beiden hervor; aber zunehmend auch das Schlechteste."

Matti Lieske (Berliner Zeitung) stellt José Mourinho als Bad Guy und seine Spieler als schwarze Reiter dar: "Erst in dieser Saison hat sich die dunkle Seite der schillernden Persönlichkeit Mourinhos in vollem Maß auf seine Mannschaft übertragen. Das Team hat einen schlechten Charakter, und selten trat dieser deutlicher zutage als beim FC Barcelona. Dessen Spieler sind ebenfalls mit allen Wassern gewaschen und dem rohen Spiel keineswegs abhold, doch angesichts der systematischen Gewalt des FC Chelsea wirkten Winzlinge wie Messi, Giuly oder Xavi wie verschüchterte Hobbits, die in eine Horde Orks geraten sind. Bei Chelsea gibt es keinen Zweikampf ohne Foulspiel, kein Kopfballduell ohne Ellbogenstoß, kein Tackling ohne zusätzlichen Tritt. In völlig unenglischer Weise lamentieren die Spieler zudem gegen jede Schiedsrichterentscheidung und lassen sich theatralisch fallen." Doch, und da ist wohl der Wunsch Vater des Gedankens, prophezeit Lieske den Misserfolg der Bösen: "Barcelona fiel auf Mourinhos Strategie der Eskalation herein, ließ sich anstecken und zahlte den Preis dafür. Andere Teams werden klüger sein. Ein Team, das sich über weite Strecken so wenig fürs Fußballspielen interessiert wie der FC Chelsea, muss früher oder später scheitern."


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