Fußball-WM in Südafrika Die Angst vor leeren Rängen


Südafrika ist bereit für die Fußball-WM, doch es gibt eine große Sorge: Werden genug Fans und Touristen kommen? Die Buchungslage ist mau - nun lockt der Gastgeber mit billigeren Ticketpreisen.
Von Marc Goergen, Südafrika

Vor ein paar Tagen in einem Pub in Johannesburg: Es war einer dieser typischen feucht-schwülen Sommerabende, und eines der typischen Gespräche dieser Tage. Es ging um die Fußballweltmeisterschaft. Martin, ein südafrikanischer IT-Berater und Fußballfan, erzählte von seinem Glück bei der Kartenauslosung: "Hab Karten bekommen für alle Spiele, die sich sehen will. Das wird super. Habt ihr schon Pläne für die WM?"

Während sich oben grollend die Gewitterwolken von der Stadt entfernten, begann unten am Tisch ein Grummeln aus Ja-Nein-Vielleicht-Mal-Abwarten. Nur Helmut, ein Reiseberater, halb Österreicher, halb Südafrikaner, trank still sein Windhoek Lager vor sich hin. Dann stellte er sein Glas ab. "Ihr habt Sorgen", sagte er, "ich weiß gar nicht, wo mir der Kopf steht. Alle haben wie verrückt die Preise erhöht. Hotels. Fluglinien. Und ich hab so viele Anfragen. Aber das verrückteste ist: Es geht dabei nicht um Fans, die zu uns kommen wollen - sondern um Leute von hier, die für die WM-Zeit einfach nur weg wollen!"

Begeisterung, Euphorie - und Ernüchterung

Südafrika, 100 Tage vor der WM, das ist ein schwer zu fassendes Land, beinahe täglich schwankend zwischen Begeisterung, Euphorie - und Ernüchterung und sogar Wut. Dabei könnte eigentlich alles perfekt sein. Alle Stadien sind so gut wie fertig, und es sind tatsächlich traumhaft schöne Arenen.

Angefangen bei einem kleinen Stadion wie Port Elizabeth, wo zum Beispiel Deutschland auf Serbien trifft, dessen Dachkonstruktion an Yacht-Segel angelehnt ist - eine Hommage an die stürmischen Winde der Küstenstadt. Bis hin zu den großen Arenen in Johannesburg, Durban und Kapstadt: Soccer City in Johannesburg mit seinem afrikanischen Tontopf-Design, Durban mit dem hundert Meter hohen Stahlbogen übers Stadion, Kapstadt mit der traumhaften Lage zwischen Meer und Bergen. Von vielen Rängen ist hier sogar der Tafelberg zu bestaunen - falls das Spiel mal vor sich hin dümpelt.

Und auch Transport und Logistik sind auf gutem Weg. Zwei Testläufe im neuen Stadion von Kapstadt etwa verliefen reibungslos. Busse, Einlasskontrollen, Sicherheit - ohne große Vorfälle. Überhaupt putzt sich gerade die Touristenmetropole Kapstadt sondergleichen heraus. Allerorten wird gehämmert und gepinselt, sogar eine neue Fußgängerzone samt breiter Promenade zum Stadion wird gerade verlegt. Das Stadion, das Meer, der Tafelberg - es ist ein Panorama wie geschaffen für Fans und Fernsehen.

Sorge vor ausbleibenden WM-Touristen

Alles perfekt also - wäre da nicht die eine große Sorge: Dass nämlich wohl lange nicht so viele Besucher aus dem Ausland anreisen werden wie zunächst gehofft. Monatelang sprach der Weltfußballverband Fifa und das lokale Organisationskomitee von 450.000 zu erwartenden ausländischen Gästen. Jetzt rechnet man mit zwanzig Prozent weniger. Außer in England blieben die Ticketverkäufe bislang deutlich hinter den Erwartungen zurück. In der ersten Ticketphase wurden über den DFB gerade einmal 2000 Karten nach Deutschland für die Spiele der Nationalmannschaft verkauft. Vielen Fans scheinen 2000-3000 Euro für Pauschalpakete einfach zu teuer.

Schon vor ein paar Wochen gab Fifa-Zimmervermittler Match fast 450.000 Übernachtungen an die Hotels zurück - kein Bedarf. Und jetzt hat der Weltfußballverband sogar angekündigt, die billigste Ticket-Kategorie, die nur Südafrikaner kaufen können, deutlich auszuweiten. Statt 11 Prozent gehören nun plötzlich 29 Prozent aller Sitze zur vierten Kategorie.

Die WM als Goldesel

Pech für jene, die schon zugegriffen haben. Denn auch Tickets, die eigentlich für 80 Euro geplant waren, sind für Südafrikaner nun für 14 Euro zu haben. Zwar versuchte FIFA-Generalsekretär Jérôme Valcke das als Good-Will-Aktion gegenüber dem Gastgeber zu verkaufen. Tatsächlich ist der Fifa und besonders ihrem Chef Sepp Blatter die Angst vor leeren Rängen aber deutlich anzumerken - schließlich war es Blatter selbst, der sich immer für eine WM in Afrika stark gemacht hatte.

Dabei ist der Gastgeber an der schwächelnden Nachfrage nicht ganz unschuldig. Noch bis vor kurzem überboten sich Hotels, Wirte, Fluglinien, ja selbst der Verband der Kleinhändler mit Szenarien auf zusätzliche Einnahmequellen. Mit wem man auch sprach - die WM war ein Goldesel, den man geradezu auswringen wollte. Doppelte Preise für Hotels oder Inlandsflüge? Dreifache? Warum denn nicht?

"Das ist doch verrückt", sagte an jenem Pub-Abend in Johannesburg denn auch Reiseberater Helmut, "wir sind doch als Reiseziel beliebt, weil wir eben günstig sind."

"Ich bin mir sicher, dass die Preise runter gehen"

In letzter Minute versucht der Staat nun gegenzusteuern, wo er nur kann. Die Kartellbehörde geht Preisabsprachen bei Inlandsflügen nach, und Tourismusminister Marthinus von Schalkwyk hat sogar eine offizielle Untersuchung zu explodierten Hotelpreisen angeordnet. "Überteuerte Preise können den guten Ruf unsere Tourismusindustrie zerstören", sagt van Schalkwyk.

Noch bleibt Südafrika die Chance, ein paar, vielleicht sogar viele Unentschlossene ans Kap zu locken. Und möglicherweise ist die zögernde Ticket- und Hotelnachfrage ja ein heilsamer Schock, der manche umdenken lässt. "Ich bin mir sicher, dass die Preise stark runter gehen werden", sagte Reiseberater Helmut schließlich noch versöhnlich, bevor er kurz vor Mitternacht den Pub verließ. "Es wird noch gute Angebote geben. Das ist einfach das Prinzip von Angebot und Nachfrage. Und das funktioniert auch hier am Ende von Afrika eigentlich ziemlich gut."


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