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Shitstorm nach ZDF-Interview Calhanoglu ist naiv? Seid froh, dass er offen spricht!


Hakan Calhanoglu wird allerorten für sein bemerkenswert offenes "Sportstudio"-Interview kritisiert. Dabei sollte man froh sein, dass ein Spieler mal ungeschliffen seine Sicht der Dinge präsentiert.
Ein Kommentar von Felix Haas

Mit Shitstorms kennt sich Hakan Calhanoglu ganz gut aus. Schon im Sommer wurde er wegen seines Wechsels vom HSV zu Bayer Leverkusen vielfach kritisiert. Jetzt steht er wieder am Pranger. Weil er im ZDF-Sportstudio offen über seinen HSV-Abgang und über Vorfälle in der türkischen Nationalmannschaft gesprochen hat. "Bemerkenswert naiv - und bemerkenswert peinlich" sei die Geschichte, schreibt der "Tagesspiegel". "In erster Linie tat er sich selbst keinen Gefallen", schreibt die "Welt".

Die Kritik an Calhanoglu ist merkwürdig überzogen. Was hat dieser 20-jährige Fußballer denn wirklich getan? Er hat seine Meinung geäußert und seine Version der Geschichte geschildert. Damit sorgte Calhanoglu für etwas, dass im Jahr 2014 leider zur Seltenheit verkommen ist: für ein informatives Interview.

Keine zusätzlichen Freunde an der Elbe

Es ist nicht peinlich, dass Calhanoglu seine Ansichten über den HSV-Abgang berichtete. Calhanoglu erklärte, er habe gegenüber Ex-HSV-Sportdirektor Oliver Kreuzer gesagt, dass seine Vertragsverlängerung ein Zeichen sein solle in der schwierigen sportlichen Situation, dass er sich aber dennoch Angebote anderer Vereine anhören wolle. Kreuzer behauptet nach wie vor das Gegenteil. Welche Version nun stimmt, kann nicht restlos geklärt werden.

Und warum sollte Calhanoglu nicht öffentlich erklären, dass sein Mitspieler der türkischen Nationalmannschaft, Gökhan Töre, mit einem Bekannten in Calhanoglus Hotelzimmer eindrang und ihn mit einer Waffe bedrohte? Es ehrt Calhanoglu, dass er den Mut hat, die Geschichte öffentlich zu erzählen. Ein solcher Vorfall muss aufgeklärt werden, nicht nur intern. Der Fußball besteht nun einmal nicht nur aus einer heilen Traumwelt. Das darf ruhig jeder erfahren. Die Details machen die Geschichte authentisch und spannend.

Es ist klar, dass sich Hakan Calhanoglu mit seiner Offenheit vor allem an der Elbe keine zusätzlichen Freunde gemacht hat. Aber dass seine Aussagen nun nachhaltigen Schaden für seine Karriere nach sich ziehen, wie einige vermuten, ist dann wohl doch übertrieben.

Die Äußerungen sind kein Skandal

Man sollte froh sein, dass es noch Spieler gibt, die nicht die ewig gleichen Retortenphrasen herunterbeten, dass Spieler sich noch trauen, ihre eigene Ansicht öffentlich zu machen. Profis sollten natürlich stets abwägen, was sie an die Öffentlichkeit geben und was nicht. Doch Calhanoglus Äußerungen sind weit davon entfernt, ein Skandal zu sein. Okay, Hakan Calhanoglu verfügt nicht über das rhetorische Talent eines Philipp Lahm. Aber darf er deswegen nicht mehr seine Sicht der Dinge schildern?


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