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Hertha BSC Berlin: Sieg trotz Unruhe

Den besten Ligastart in Herthas Klubgeschichte konnten auch Störgeräusche nicht verhindern. Dennoch fand Trainer Jos Luhukay in Bezug auf den inszenierten Sexskandal deutliche Worte.

Herthas Trainer Jos Luhukay ist immer für eine Überraschung gut. Als die zahlreich erschienenen Medienvertreter nach dem 1:0-Sieg des Berliner Fußball-Bundesligisten über den Hamburger SV freudige Worte über den besten Saisonstart der Klubgeschichte erwarteten, kritisierte der Niederländer stattdessen die Medienberichterstattung der zurückliegenden Woche. "Auch als Vater von zwei Kindern finde ich es schlimm, was in den vergangenen Tagen passiert ist", sagte der verärgert dreinblickende Luhukay: "Das hat nichts mit Normen und Werten des Lebens zu tun. Das ist peinlich für alle Beteiligten."

Luhukay bezog sich in seiner Schelte auf einen Zeitungsbericht, nach dem mehrere Hertha-Profis eine sexuelle Beziehung zu einer 16-Jährigen unterhalten haben sollen. Der Verein war juristisch gegen die Berichterstattung vorgegangen. Der 50-jährige Coach beklagte eine gestörte Vorbereitung auf das Spiel gegen den HSV: "Ich und auch viele andere Menschen haben die letzten Tage nicht gut geschlafen. Es war nicht möglich, sich zu 100 Prozent auf den Fußball zu konzentrieren." Deshalb freue er sich besonders über den Sieg gegen die Hanseaten durch das dritte Saisontor seines Angreifers Adrian Ramos.

Historischer Start spielt "keine Rolle"

Das Hertha-Team, das in den Spielen zuvor noch forsch und schwungvoll aufgetreten war, wirkte in der ersten Hälfte vor 63 574 Zuschauern im Berliner Olympiastadion gehemmt. "Wenn am Ende eine ganze Mannschaft in so eine Berichterstattung einbezogen wird, ist das nicht so einfach abzustreifen. Sie haben heute länger gebraucht im Spiel", versuchte Manager Michael Preetz den schwachen ersten Durchgang zu erklären, lobte aber auch: "Ich finde, dass sie heute gezeigt haben, dass sie eine großartige Mannschaft sind und zusammen stehen, dass sie zusammen kämpfen und so einen Sieg einfahren."

Angesichts der vorausgegangenen Ereignisse spielten die historischen sieben Hertha-Punkte aus drei Partien für Luhukay "keine Rolle". Zu groß war der Ärger des sonst so ruhig und besonnen auftretenen Mannes. Immerhin konstatierte er: "Zum Glück ist die Euphorie durch die vergangenen Tage nicht gebrochen worden."

Der Höhenflug geht weiter

Das lag auch daran, dass der Aufsteiger in der zweiten Hälfte das direkte Spiel in die Spitze forcierte. Wie schon in Nürnberg leistete auch gegen den tief stehenden HSV Spielmacher Ronny seinen Beitrag dazu. Nach der Einwechslung des Brasilianers in der 63. Minute kam Hertha sogleich zu Chancen. Den Siegtreffer elf Minuten später leitete aber Linksverteidiger Nico Schulz gekonnt ein. Luhukay hatte den Berliner Jungen erstmals in dieser Spielzeit von Beginn an gebracht - und beinahe hätte sich das gerächt. Ein leichtsinniger Rückpass des 20-Jährigen brachte in der 8. Minute HSV-Stürmer Artjoms Rudnevs perfekt in Schussposition, doch Berlins Torwart Thomas Kraft verhinderte den Rückstand.

"Ich habe mich ein bisschen erschrocken, das musste ich erst mal verdauen", kommentierte Schulz sein Missgeschick, "ich bin froh, dass ich meinen Teil zum Sieg beitragen konnte." Laut Luhukay war auch die Einwechslung des früheren Kapitäns Peter Niemeyer von Bedeutung. "Das Team hat Peter gebraucht, er hat mehr Gewinner-Mentalität ins Spiel gebracht", lobte der Niederländer den Spieler, der die Kapitänsbinde und seinen Stammplatz aus der Vorsaison verloren hatte.

In der Hauptstadt geht der Höhenflug also weiter. Das ist auch im Süden des Landes registriert worden. Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge nannte neben den topgestarteten Münchnern, Dortmundern und Leverkusenern auch die Berliner. "Ich würde auch Hertha BSC nicht vergessen, das ist eine Mannschaft, die mir auch gefällt, wie sie fußballerisch auftritt."

Von Matthias Bossaller und Jörn Lange, DPA / DPA

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