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Herthas Ex-Trainer Favre: "Der Club hat die Hoeneß-Trennung nicht verkraftet"

Lucien Favre hat sich erstmals zu seiner Entlassung bei Hertha BSC öffentlich geäußert. Der Schweizer attackierte dabei seinem Ex-Klub massiv.

Mit einem zwiespältigen Abschieds-Auftritt hat der ehemalige Hertha-Cheftrainer Lucien Favre die Krisenstimmung beim Hauptstadt-Club weiter aufgeheizt. Acht Tage nach seiner Beurlaubung räumte der Schweizer zwar eigene Fehler ein, kritisierte indirekt aber auch die Vereinspolitik des Berliner Fußball-Clubs. "Ich habe zu viele Kompromisse gemacht, Kompromisse sind Fehler. Man kann eine Mannschaft nicht mit den Ideen verschiedener Personen aufbauen", sagte der Ex-Chefcoach des Bundesliga-Schlusslichts am Dienstag auf einer privaten Pressekonferenz in Berlin. Hertha habe trotz der wichtigen Abgänge "am wenigsten investiert", betonte Favre. Es sei nur "eine Frage der Zeit gewesen, dass ich gegen eine Mauer fahre".

Beim von seiner Beraterfirma organisierten Adieu im Wintergarten des Hotels Adlon trug Favre vorbereitete Statements vor, viele Fragen aber blieben offen. Nein, niemand habe gegen den Trainer gespielt, auch Kapitän Arne Friedrich nicht, betonte der 51-Jährige. Dass erst sein Assistent Harald Gämperle genau dieses Thema zur Diskussion freigegeben hatte, ließ Favre unbeeindruckt: "Wir haben Demokratie, jeder kann sagen, was er will." Noch immer ist sich Favre sicher, dass er Hertha auch nach sechs Liga-Niederlagen in Serie - unter Friedhelm Funkel inzwischen auf sieben "ausgebaut" - aus der Krise geführt hätte: "Ich habe keine Sorge, Hertha wird nicht absteigen."

Allerdings müsse der Tabellenletzte im Winter investieren, "nicht nur eine halbe Million, sondern zehn Millionen Euro", betonte Favre und schloss eine versteckte Kritik an Clubchef Werner Gegenbauer an: "Es ist bemerkenswert, dass Herr Gegenbauer jetzt davon spricht." Gegenbauer hatte nach der Favre-Trennung Investitionen in der Winterpause in Aussicht gestellt.

Favre will kurze schöpferische Pause einlegen

Am meisten überraschte Favre jedoch mit dieser Aussage: "Der Verein hat die Trennung von Dieter Hoeneß nicht verkraftet. Dieser Umstand hat meine Arbeit erschwert." Der Trainer galt lange als Gegenspieler des ehemaligen Managers, hatte nach der mit vielen Emotionen und Eitelkeiten verbundenen Trennung von Hoeneß von dessen Nachfolger Michael Preetz noch größeren Einfluss bekommen. Sogar eine Vertragsverlängerung bis 2013 war schon diskutiert worden. "Ich habe keine Politik gemacht. Dieter Hoeneß hat mich verpflichtet, ich bin ihm sehr dankbar", erklärte Favre und schockte damit die neuen Chefs. Offenbar hatte es nicht nur zwischen Mannschaft und Trainer, sondern auch zwischen Vorstandsetage und Favre schon kräftig rumort.

Gescheitert ist er in dieser Saison auch mit seiner Philosophie. "Ich will nur Spieler mit Perspektiven verpflichten, die wir weiter verkaufen können", erläuterte Favre nochmals und distanzierte sich damit vom bisherigen Transfer-Flop Artur Wichniarek (32), den er noch im Sommer als Tor-Garant gepriesen hatte. Dass in der Bundesliga mit einer besseren "U 23"-Mannschaft Erfolge wie im Vorjahr nicht zu wiederholen sind, zeigte sich nach den Abgängen der Routiniers Andrej Woronin, Marko Pantelic und Josip Simunic auf beängstigende Weise. Favre will nun eine kurze schöpferische Pause einlegen, dann in einer großen europäischen Liga wieder bei einem Club arbeiten, "der etwas gewinnen will". Hertha BSC hat derzeit weitaus bescheidenere Ziele.

DPA/kbe

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