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Portät eines Stehaufmännchens: Holger Badstuber - 1000 Tage Reha, ein Traum

Eines der größten Talente des deutschen Fußballs – und eine tragische Figur: Holger Badstuber musste durch Jahre schwerer Verletzungen. Nun wird er bald wieder auflaufen. Über einen, der nicht aufgibt.

Von Felix Hutt

Holger Badstuber (r.) zurück im Training mit FC-Bayern-Coach Carlo Ancelotti: Der erste Einsatz naht.

Holger Badstuber (r.) zurück im Training mit FC-Bayern-Coach Carlo Ancelotti: Der erste Einsatz naht.

An einem Freitagnachmittag im August fährt Holger Badstuber in die Allianz Arena. Er will den Ort zeigen, für den er sich quält, an dem er endlich wieder spielen möchte. Badstuber stand einmal für die Zukunft. Er interpretierte die Rolle des Innenverteidigers als einer der Ersten wie ein Stratege, nicht wie ein Vorstopper. Er war gesetzt, bei Bayern München, in der Nationalmannschaft. Ein Bayer auf dem Weg zum Weltstar. Jetzt ist er 27 Jahre alt – und muss endlich spielen, will er seine besten Jahre noch nutzen. "Holger Badstuber" , sagt Badstuber zum Mann an der Pforte. Die Schranke öffnet sich. Wie fühlt sich das an, fragt man, als er zum Parkplatz fährt. "Wie Zuhause."

November 2010: Schambeinentzündung. Oktober 2012: Muskelfaserriss, linker Oberschenkel. Dezember 2012: Kreuzbandriss, rechtes Knie. Mai 2013: Reruptur Kreuzband, rechtes Knie. September 2014: Sehnenriss, linker Oberschenkel. April 2015: Muskelriss, linker Oberschenkel. Februar 2016: Knöchelbruch, linkes Sprunggelenk. Badstuber hat in seiner Karriere als Profi mehr Spiele verpasst als gespielt. Er hat den Champions-League-Sieg 2013, die Weltmeisterschaft 2014 und die Europameisterschaft im Sommer im Fernsehen anschauen müssen. Er hat so viele Momente nicht erleben dürfen, für die er sein Leben lang trainiert hatte, dass ihm niemand verdenken könnte, würde er hadern oder eine Stelle in der Marketingabteilung annehmen. Badstuber aber sagt: "Ich will kein Mitleid. Meine Verletzungen sind keine Katastrophe. Katastrophen sieht man jeden Abend in der 'Tagesschau'."

"Wird schon wieder, Holger"

Er hat sich nie gewöhnt an die verständnisvollen Blicke, die gut gemeinten Ratschläge, das "Wird schon wieder, Holger"-Zunicken von Menschen, die ihn nicht kennen, aber glauben zu wissen, wie er sich fühlen muss. An die Schlagzeilen, die mit jeder Verletzung negativer wurden: Badstuber, der ewige Patient. Der Dauerverletzte. So einer kann doch nicht glücklich sein. Badstuber sieht das anders. Er ist überzeugt, dass die Zeit, die der Fußballer verloren hat, dem Menschen zugutegekommen ist. Dass er von den Erfahrungen, die er gemacht, und von denen, die er nicht gemacht hat, profitiert. Er weiß jedenfalls längst, dass Glück nichts ist, was man auf einem Rathausbalkon hochhalten kann.

Fünf Monate vor dem Ausflug in die Allianz Arena, am 14. März 2016, sitzt Badstuber in einem kleinen Zimmer im Medien-Center des FC Bayern München. Sein Berater ist bei der ersten Begegnung dabei. Badstuber will wissen, mit wem er es zu tun hat. Er ist vorsichtig, weil ihm die Fähigkeit fehlt, sich zu verstellen. Er misstraut denen, die über ihn berichten, fühlt sich in vielen Artikeln nicht richtig getroffen. "Hallo, ich bin der Holger", sagt er, "ich bin kein Leidender."

Holger Badstuber: "Wenn ich fit bin, habe ich immer gespielt"

Badstuber hat sich am 13. Februar 2016 im Training den Knöchel im linken Sprunggelenk gebrochen. Ihm ist an der Stelle eine Metallplatte eingesetzt worden. Sein Bein steckt in einer Schiene und liegt auf einer leeren Getränkekiste. Zur Begrüßung reicht er die rechte Hand, die Krücken hält er in der linken. Die Bewegung wirkt routiniert, er hat sie in den vergangenen Jahren oft gemacht. Er wird wieder die entscheidende Phase der Saison verpassen. Jedes Mal, wenn er es zurück in den Kader geschafft, er wie Sisyphos den Stein den Berg nach oben gewälzt hat, entgleitet er ihm, und die Qualen beginnen von vorn. Verletzung, Operation, Reha.

Vom Aufgeben will Badstuber trotzdem nichts hören. "Ich komme wieder, weil die Verletzung keine Folgeschäden haben wird. Wenn ich fit bin, habe ich immer gespielt", sagt er.

Seit sieben Jahren bei den Profis des FC Bayern München

Es war vor sieben Jahren, die Saison bei Bayern München begann auch damals mit einem neuen Trainer, und dieser neue Trainer, Louis van Gaal, berief zwei Nachwuchsspieler in die erste Mannschaft: Thomas Müller und Holger Badstuber. Badstuber ist ein halbes Jahr älter als Müller. Sie bekamen einen Spind in der Kabine, saßen nebeneinander. Müller schoss so viele Tore, dass ihm van Gaal eine Stammplatz-Garantie gab. Badstuber schlug mit seinem linken Fuß diagonale Pässe, die nach 40 Metern perfekt in den Lauf der Stürmer fielen. Sein Stellungsspiel war voraussehend, er musste selten foulen. Sein Schuss war so präzise, dass er als Innenverteidiger Ecken und Freistöße ausführen durfte. Er war leiser als Müller, aber genauso erfolgreich und vielversprechend.

Ein paar Jahre später ist Müller Weltmeister und Triple-Gewinner, wirbt für Barilla, Gillette, Weber-Grills und Firmen, die im Dax notiert sind. Er hat einen Vertrag bis 2021. Badstuber bis 2017. Der Verein hat für 38 Millionen Euro Mats Hummels verpflichtet, der neben Jérôme Boateng auf Badstubers Position als linker Innenverteidiger spielen soll. Ein Weltklasse-Mann, bei Standards sehr torgefährlich, loben die Experten. Badstuber trainiert in schwarzen, markenlosen Schuhen. Sein Werbevertrag mit seinem Schuhsponsor ist ausgelaufen. Er könnte sich bemitleiden, weil ihn seine Verletzungen viel Geld gekostet haben. Aber Badstuber musste schon früh lernen, was Verlust bedeutet, der nicht mit Geld zu begleichen ist.

Ein sturer Charakter - der ihn nicht aufgeben lässt

Ein paar Wochen nachdem er 2009 seinen ersten Vertrag bei Bayern München unterschrieben hatte, starb sein Vater Hermann an Krebs, erst 53 Jahre alt. Er hatte seinen Sohn trainiert, als Bub, und schickte ihn später zur Jugend des VfB Stuttgart. Badstuber erinnert sich, dass sie häufig zu Bundesligaspielen nach München ins Olympiastadion gefahren sind. Fast 150 Kilometer aus Rot in Oberschwaben, der Heimat der Badstubers. Vater und Sohn, in der Pause eine Bratwurst und immer nur der FC Bayern, dessen Spieler auf Postern im Kinderzimmer über dem Bett hingen. Dann war Holger Badstuber auf einmal einer von denen auf dem Rasen – und der wichtigste Platz auf der Tribüne blieb leer. Hermann Gerland, ein Freund der Familie und heute Co-Trainer von Carlo Ancelotti, kümmerte sich damals um Badstuber. Er bildete ihn aus, ließ ihn in der Bayern-Jugend auf der Position sechs vor der Abwehr spielen. So lernte er das Spiel zu eröffnen. Gerland erkannte sein Talent und seinen sturen Charakter, der ihn bis heute nicht aufgeben lässt.

Beim nächsten Treffen in seinem Lieblingscafé im Münchner Glockenbachviertel ist der Berater nicht mehr dabei. Badstuber ist pünktlich. Fragt, wie es einem gehe. Auch den Assistenten der Fotografin. Er hört zu. Badstuber lässt zu, dass man ihn begleitet, weil er beweisen will, dass er mehr im Leben gefunden hat als Siege. "Fußball ist mein Beruf, aber Fußball ist nicht alles. Fußball ist nicht mein Leben" , sagt er. Es wird nicht zu beantworten sein, ob er das tatsächlich glaubt oder ob er sich einen Teil seiner Leidenschaft für den Fußball abgewöhnen musste, weil sie ihm zu oft verwehrt wurde.

Keine Tattoos, keine Hip-Hop-Attitüde

Badstuber trägt einen orthopädischen Schuh, an dessen Seiten Bleistäbe eingesetzt sind, um das Sprunggelenk zu stabilisieren. Er fährt wieder Auto. Er sagt, dass er die ersten Wochen nach einer Operation hasst, weil er sich nicht bewegen kann, abhängig von anderen ist. Er kann dann wenig für sein Comeback tun. Ein bisschen Ausdauertraining mit dem Hand-Ergometer. Ein paar Kräftigungsübungen. Die Kohlenhydrate weglassen, verbrennen kann er sie ja nicht.

Badstuber trägt ein schwarzes T-Shirt und eine schwarze Hose. Grau, Schwarz, sind seine Farben, er mag sie einfach. Er hat keine Tattoos wie viele Mitspieler, keine Hip-Hop-Attitüde. Er sammelt Armbanduhren. Wenn es seine Gesundheit zulässt, wandert er. Sein Gesicht ist trotz Verletzungspause so hager wie das eines Tour-de-France-Fahrers.

Holger Badstuber hat sich ein kleines Glück geschaffen - so sieht es aus:

Wenn Badstuber unter der Woche aufsteht, ist er meist allein mit seinem grauen Labrador Chino. Badstubers Frau, die er im Sommer vor einem Jahr geheiratet hat, ohne dass ein Foto der Hochzeit in der "Bild"-Zeitung oder auf Facebook aufgetaucht ist, arbeitet als Prokuristin in der Großmarkthalle. Sie ist früh weg. Badstuber nimmt Chino an die Leine und geht mit ihm in den Wald. Sein Foto ziert Badstubers Whatsapp-Profil. Badstuber hat sich mit seiner Frau, dem Hund, dem Wissen, dass sein Wille ihn nicht verlässt, ein kleines Glück geschaffen, das ihm niemand mehr nehmen kann. Er hat verstanden, was andere nach ihrer Karriere lernen müssen: dass das Leben neben dem Rampenlicht das wichtigere ist.


Eine Stunde beschäftigt sich Badstuber damit, Chino zu erziehen, pfeift ihm hinterher, wenn er sich im Gebüsch verirrt, bringt ihm bei, keine Fahrradfahrer anzubellen. Wenn Badstuber gesund ist, laufen die beiden durch den Harlachinger Forst. Ist er es nicht, leckt Chino am verletzten Bein des Herrchens, als könnte er es heilen. Danach fährt Badstuber zu Bayern München. Um neun beginnt sein Arbeitstag.

Viel Zeit zum Seriengucken

Jeden Morgen untersucht ein Arzt den Heilungsprozess. Macht die Beweglichkeit des Sprunggelenks Fortschritte? Wie weit lässt sich der Fuß dehnen, ohne dass Badstuber Schmerzen hat? Wie verträgt der Fuß die Metallplatte? Kann man mit dem Aufbau der Muskulatur beginnen, die sich zurückgebildet hat? Wie entwickeln sich Sehnen und Bänder? Nach der Untersuchung wird Badstuber von einem Physiotherapeuten massiert. Danach Krankengymnastik. Er drückt leichtes Gewicht in der Beinpresse. Läuft in einem Pool, an dessen Boden sich ein Laufband befindet. Er achtet auf die Signale, die ihm sein Sprunggelenk sendet. Schmerzt es, spürt er ein Ziehen, droht also ein Rückschritt, dann macht er Pause. Duscht sich, isst, fährt nach Hause. Tag gelaufen. Hallo, Chino, hallo "Prison Break" . Badstuber hatte in den vergangenen Jahren so viel Zeit zum Seriengucken, dass er sich einen Beamer ins Wohnzimmer hat montieren lassen.

Über 1000 Tage hat Badstuber mittlerweile in der Reha verbracht. Aus dem Mannschaftsspieler ist ein Einzelkämpfer geworden. Ab und zu trifft er einen Mitspieler im Physioraum. Zu Heimspielen fährt er manchmal ins Stadion, aber da muss er Fragen beantworten, die ihn nerven. Auswärtsspiele sieht er sich auf der Couch an. Er will dann nicht gestört werden, studiert den Fußball. "Ich habe mich weitergebildet, sehe Dinge, die einem auf dem Platz nicht auffallen" , sagt er. Er glaubt, dass er auch deshalb jedes Mal so schnell wieder in die Mannschaft zurückfindet.

"Wenn der Ball ins Spiel kommt", sagt er, "dann ist es nicht mehr weit."

Es ist Anfang Mai, ein Tag vor dem Rückspiel in München gegen Atlético Madrid. Die Mannschaft absolviert gerade das Abschlusstraining. Trainer Pep Guardiola steht unter Druck. Wieder droht das Aus im Halbfinale der Champions League. Badstuber steht mit Chino im Wald. Chino hat einen großen Stock im Maul, den er seinem Herrchen in die Waden sticht, bis Badstuber ihm das Ding entreißt und über einen Bauzaun schleudert. Er ist den Spezialschuh los, gerade hat er mit dem Lauftraining begonnen. Die Geschwindigkeit seiner Fortschritte nimmt zu. Wenn er morgens aus dem Bett steigt, schmerzt der Muskelkater im linken Bein, weil es sich erst wieder an die Belastung gewöhnen muss, aber Komplikationen bleiben aus. Noch ein paar Tage, dann darf er wieder an den Ball. "Wenn der Ball ins Spiel kommt", sagt er, "dann ist es nicht mehr weit."

Badstuber zurück im Kreis der Mannschaft

Badstuber schlägt ein paar Tage später die ersten Bälle, die ein Physiotherapeut ihm zuwirft. Mit der Mannschaft trainiert er noch nicht. Erst spielt er nur ein paar kurze Pässe, dann steigert er die Länge und die Härte. Er postet ein Video auf Instagram, das ihn zeigt, wie er den Ball in ein leeres Tor schießt. Es wird von 32.482 Fans geliked.

Am 11. Juli 2016 ist Trainingsauftakt. Badstuber ist bei der Mannschaft. Er kann noch nicht alle Einheiten mitmachen, muss vorsichtig bei Zweikämpfen sein. Bei Ecken und Freistößen geht er nicht zu Kopfbällen hoch, er will sein Sprunggelenk langsam an die Belastung heranführen. Die meisten Mitspieler erholen sich von der Europameisterschaft. Badstuber möchte den Vorsprung nutzen. Er verzichtet auf die Hochzeit seines Freundes Bastian Schweinsteiger, weil am Tag danach zwei Trainingseinheiten anstehen. Seine Frau reist allein zur Feier nach Venedig. Badstuber fliegt mit der Mannschaft zur Marketingtour nach Amerika, spielt am 28. Juli in Chicago gegen den AC Mailand. Er verliert einen Zweikampf, der zu einem Gegentor führt, und wird nach einer halben Stunde ausgewechselt. Das Bein schmerzt.

Er steht auf dem Platz - und braucht trotzdem weiter Geduld

Badstuber muss Geduld haben. Wenn er in Zweikämpfe geht, darf er nicht zurückziehen. Wenn er zum Kopfball steigt, darf er nicht ans Sprunggelenk denken. Er spricht mit Carlo Ancelotti, hat ein gutes Gefühl mit ihm. Der gibt Badstuber die nötige Zeit. Das kann er auch. Ancelotti hat auf seiner Position ein Überangebot.

Holger Badstuber und ein Bild, das man langsam genug gesehen hat

Holger Badstuber und ein Bild, das man langsam genug gesehen hat - hier nach einer Verletzung mit dem ehemaligen Team-Arzt Müller-Wohlfahrt (l.).

Beim Termin in der Allianz Arena zeigt Badstuber zuerst die Kabine. Über den Spinden der Spieler hängt ihr Foto. Sein Foto hängt neben dem von Thomas Müller, immer noch. Nach dem Champions-League-Sieg 2013 in London haben sie sein Trikot mit der Nummer 28 in die Kameras gehalten. Badstuber lag nach seiner Kreuzband-Operation in einem Hotelzimmer in Vail, Colorado. Er bekam die Geste nicht mit, weil der amerikanische Sender direkt nach dem Abpfiff die Übertragung beendet hatte.

Er liebt den FC Bayern

Nach seinem Knöchelbruch im Februar ist die Mannschaft beim Spiel in Augsburg mit Badstuber-Trikots aufgelaufen. Er gehört dazu. Badstuber helfen diese Gesten. Er liebt den Verein, seit er denken kann. Er spielt seit dem Jugend-Internat, seit 14 Jahren für Bayern München. Sein Vertrag wurde immer verlängert, auch als er verletzt war. Nächstes Jahr läuft er aus. Es wird verhandelt. Könnte er sich vorstellen, sich einmal in der Gästekabine umzuziehen?

Badstuber schluckt. "Es gibt nichts mehr, was ich mir nicht vorstellen kann", sagt er. Er geht nach draußen. Bückt sich, streicht mit der Hand über den Rasen. Das Stadion ist leer, bis auf ein paar Besucher, die staunend in den Rängen sitzen. Er geht vor die Tribüne der Südkurve. Hier stehen die Fans, die seit Jahren Choreografien für ihn inszenieren, auch wenn er nicht spielt. "Stuber" werden sie schreien, wenn er wieder spielt. "Bald bin ich wieder voll am Start", schreibt er vor ein paar Tagen in einer Whatsapp-Nachricht. Es dauert nicht mehr lang. Dann geht es weiter. Wie auch immer. Badstuber weiß, dass er schon jetzt mehr erreicht hat, als in einem Fußballstadion zu gewinnen ist.

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