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Interview

Mats und Jonas Hummels: "Könnt ihr bitte alle aufhören, so zu geiern, und uns einfach Brüder sein lassen?"

Mats und Jonas Hummels trennen zwei Jahre – und mehrere Welten: Der eine wurde zum globalen Idol, der andere kickte zuletzt in der 4. Liga. Ein Gespräch über Liebe, Neid und Tränen.

Von Ruben Rehage

Mats Hummels und Jonas Hummels

"Ich wurde Weltmeister" (Mats Hummels, Fußballstar) - "Und mir riss zum zweiten Mal das Kreuzband" (Jonas Hummels, Sportinvalide)

Mats und Jonas Hummels haben als Kinder gemeinsam angefangen, beim FC Bayern Fußball zu spielen. Die Startbedingungen waren die gleichen, und doch haben sich ihre Karrieren in komplett unterschiedliche Richtungen bewegt. Während Mats, heute 28, im vergangenen Sommer zurück nach München kam, musste Jonas, 26, seine Karriere nach vielen Rückschlägen in der 4. Liga beenden – als Sportinvalide. Sie stammen aus einer Fußball-Familie: Ihr Vater Hermann spielte früher in der 2. Liga, arbeitete danach lange als Jugendtrainer beim FC Bayern. Nachdem die Eltern sich getrennt hatten, lebten Mats und Jonas zu gleichen Teilen bei Mutter und Vater. Hermann Hummels ist heute der Spielerberater von Mats.

An einem Sonntagabend treffen sich die Brüder in der Wohngemeinschaft von Jonas in München zum gemeinsamen Interview, dem ersten überhaupt. Bevor das Gespräch beginnt, werfen Mats und Jonas im Wohnzimmer abwechselnd mit einem winzigen Basketball auf einen winzigen Basketballkorb. Wer verliert, muss später das Abendessen bezahlen. Die Brüder fühlen sich wohler damit, vom Interviewer mit Du angesprochen zu werden.

Habt ihr mal gegeneinander Fußball gespielt, ein offizielles Bruder-Duell?
MATS: Ein Mal, aber nur ein Trainingsspiel bei Bayern.
JONAS: A-Jugend gegen B-Jugend. Mats war damals schon Verteidiger, ich war eher in der Offensive. Ich habe eine Flanke bekommen, hundertprozentiges Ding. Mats’ Art, das zu verteidigen: Er hat mich ungefähr 30 Meter weggeschubst.
Kurz danach ist Jonas aussortiert worden beim FC Bayern.
JONAS: Ich war im Training der Letzte auf dem Platz, es hat in Strömen geregnet. Der Trainer ist über den nassen Rasen zu mir gestapft, hat mich umarmt und gesagt: Im Endeffekt weißt du es selber, oder?
MATS: Euer Jahrgang wurde zusammengelegt mit dem von Holger Badstuber und Thomas Müller.
JONAS: Da hätte ich keine Sekunde gespielt, dafür war ich zu schlecht. Deswegen war das okay für mich.
MATS: Du hast dich trotzdem an den Pfosten geklammert und geheult.
Wie schlimm war es, nicht mehr beim FC Bayern spielen zu dürfen?
JONAS: Ich war nur traurig, weil ich auf einmal rausmusste aus der Dreierbande: ich, Mats, unser Vater. Ich dachte: Fuck, was soll das denn, jetzt fahren nur noch die beiden zum FCB, und ich soll nach Unterhaching?
MATS: Wir haben vorher alles zusammen gemacht. Das war ein harter Einschnitt, als das vorbeiging.
Und Mats wurde in dieser Zeit Bayern-Profi.
MATS: Na ja. Als ich das erste Mal von Anfang an auflaufen sollte, ging es längst um gar nichts mehr, die Saison war durch. Aber ich war so verkrampft, dass ich nicht auf den Platz, nicht spielen konnte. Alles tat weh, wie eine Ganzkörpermuskelverhärtung.
Aus Angst?
MATS: Aus Nervosität halt. Ich bin dann erst zwei Spieltage später mal eingewechselt worden, für die letzten paar Minuten, mein Bundesliga-Debüt.

Mats Hummels und Jonas Hummels

"Ich wurde Weltmeister" (Mats Hummels, Fußballstar) - "Und mir riss zum zweiten Mal das Kreuzband" (Jonas Hummels, Sportinvalide)

Wenig später bist du zu Borussia Dortmund gegangen. Wie schwer fiel der Wechsel?
MATS: Mir fiel es schwer, von Jonas wegzugehen. Klingt das kitschig?
JONAS: Du bist am Anfang auch jeden freien Tag nach München gekommen.
Wie hat sich Mats in der ersten Zeit als Profi verändert?
JONAS: Im Großen und Ganzen blieb das im Rahmen. Es gab ein paar Momente, wo ich dachte: Jaja, du bist schon ein ganz geiler Fußballer, aber wir wollen es auch nicht übertreiben. Wenn man mit 19 bewundert wird von wildfremden Leuten, macht das was mit einem. Es pusht das Selbstbewusstsein.
Und dazu haufenweise Geld. Denkt man da nicht: O Gott, ist das viel!?
MATS: Das ist ein seltsames und ein gutes Gefühl gleichzeitig. Aber ich spare fast alles. Wenn, dann kaufe ich Immobilien, aber ich schleuder nicht viel raus. Ich hab früher immer gesagt, zur ersten Meisterschaft kaufe ich mir einen Aston Martin. Nicht mal das hab ich gemacht.
Als Mats auf dem ersten Höhepunkt seiner Karriere war, 2011 Deutscher Meister wurde, erreichte Jonas seinen ersten Tiefpunkt.
JONAS: Ich habe mir kurz nach seiner Meisterschaft das Kreuzband gerissen, am 3. Spieltag der 3. Liga, beim 4 : 1 gegen Kickers Offenbach.
MATS: Mein Vater hat angerufen und geheult wie ein Kind.
Und der Bruder?
MATS: Auch. Ich stand richtig unter Schock.
JONAS: Ich hab am Anfang gedacht: Mein Gott, dann bin ich halt in sechs Monaten zurück. Am Ende hat es 14 Monate gedauert.
Als Jonas wieder gesund war, gewann Mats 2014 die Weltmeisterschaft in Brasilien.
JONAS: Ich hab das WM-Finale bei unserer Mutter geschaut. Das Spiel war für mich auch megabesonders – der eigene Bruder spielt nicht andauernd im WM-Finale.
Habt ihr vorm Finale gesprochen?
JONAS: Wir versuchen als Freundeskreis, so ein Spiel nicht zu hochzuhängen. Es ist ein WM-Finale, aber mein Gott, die Welt dreht sich weiter. Unsere Art, Anerkennung zu zeigen, ist sehr zurückhaltend.
MATS: Die schreiben mir nur eine Nachricht: „War jetzt nicht so schlecht das Spiel.“ 

Konntest du dich für Mats freuen? 

JONAS: Hmm. Das war ... also über die Erfolge mit dem BVB habe ich mich unendlich gefreut. Bei der WM war meine Stimmung ... gedrückt, irgendwie.

Mats Hummels und Jonas Hummels

Jonas Hummels: "Fuck, jetzt wird die Diskrepanz zwischen Mats und mir langsam ein bisschen groß"

Aus Neid?
JONAS: Nein. Ich hab lange gebraucht, das zu verstehen. Irgendwie dachte ich: Fuck, jetzt wird die Diskrepanz zwischen Mats und mir langsam ein bisschen groß.
Weil es das Verhältnis veränderte?
JONAS: Mats war spätestens nach der WM für die Leute ein Megasuperstar, und ich eiere in der 3. Liga rum. Was soll ich mit ihm reden? Hey Mats, Samstag spiele ich gegen Sonnenhof Großaspach.
Bekommt man das mit als Megasuperstar?
MATS: Ich hab’s gefühlt. Aber wir haben erst vor ein paar Monaten das erste Mal darüber geredet, als wir ein bisschen Ruhe hatten.
Jonas hat sich dann kurz nach Mats’ WM-Sieg das zweite Mal das Kreuzband gerissen.
JONAS: Im ersten Saisonspiel. Ich bin am nächsten Tag zum Arzt, der greift kurz hin und sagt geradeaus: „Das Kreuzband ist durch!“ Wie ein Faustschlag ins Gesicht. Da war ich komplett am Ende, zwei Stunden konnte ich mit niemandem reden und bin zwei Stunden durch die Gegend gesteuert und habe geweint.
MATS: Und ich lag in Nizza am Strand.
... während für den Bruder die Karriere zu Ende geht.
MATS: Als ich davon erfuhr, war ich am Boden zerstört. Cathy wollte direkt heim, damit ich zum Jonas kann. Wir hatten beide immer den Traum, uns mal in einem Pflichtspiel als Kapitäne die Hand zu geben. In dem Moment war mir klar, das wird nichts mehr. Da wird selbst ein WM-Titel ziemlich schnell egal.
Jonas hat aber sogar noch ein paar Spiele gemacht.
JONAS: Die zweite Reha lief eigentlich super, ich hatte schnell wieder Hoffnung. Ich hab nach einem Jahr dann drei, vier Spiele gemacht, aber gleich wieder Schmerzen bekommen. Es hat sich herausgestellt, dass ich in beiden Knien auch noch Knorpelschäden habe. Dieses Mal war das Aus endgültig.
Wenn man die Karrieren der Hummels-Brüder nebeneinander aufmalt, ist bei jedem Höhepunkt für Mats ein Tiefpunkt für Jonas. Stand das nie zwischen euch?
MATS: Der Erfolg stand höchstens logistisch zwischen uns, weil ich einfach immer weniger Zeit hatte. Und es kam vielleicht mit den Kumpels mal vor, dass ich was machen wollte, die aber kein Geld hatten und sich das auch nicht von mir bezahlen lassen wollten.
Ihr habt einen gemeinsamen Freundeskreis. Ist es seltsam, da der reiche Gönner zu sein?
MATS: Kein bisschen, weil ich weiß, dass jeder meiner Freunde das auch machen würde.
JONAS: Es kommt nie darauf an, was wir machen – sondern dass wir es zusammen tun.
MATS: Ein gemeinsamer Urlaub mit der ganzen Meute geht halt nur, wenn ich den Großteil übernehme. Ich stelle aber nur die Rahmenbedingungen, alles, was dann im Urlaub passiert, organisieren und bezahlen wir gemeinsam. Das macht es für mich einfach, weil ich sehe, die erachten das nicht als selbstverständlich.
JONAS: Du willst dich nicht so krass abheben. Wenn du nur noch Reiche-Leute-Sachen machst, machst du sie bald nicht mehr mit uns.
MATS: Deswegen spiele ich nicht Wasserpolo jeden Sonntag.
Mats hat bei der Saison-Abschlussfeier des BVB gesagt, dass er auch nach München wechselt, weil er dann endlich mal wieder bei Jonas’ Geburtstag dabei sein kann.
MATS: Ja, von den acht Geburtstagen, die ich in Dortmund spielte, war ich nur einmal da. Die anderen Male saß ich traurig zu Hause. Ich hab unglaublich viel verpasst.
JONAS: Auch die Geburtstage der anderen Kumpels.
MATS: Wenn ich mal da war, hab ich zwei Drittel der Witze nicht verstanden, weil das alles Insider waren. Ich hab mitgelacht, aber eigentlich hab ich gemerkt: Okay, krass, ich gehöre nicht mehr richtig dazu. Die wussten alles voneinander, und ich wusste gar nichts.
Wenn man mit euch durch München läuft, wird Mats andauernd fotografiert. Ist es schwer, das als kleiner Bruder zu ertragen?
JONAS: Ich denke oft: Könnt ihr bitte alle aufhören, so zu geiern, und uns einfach Brüder sein lassen? Diese riesige Einschränkung ist genau das, wovor ich Angst hatte.
Wie oft wirst du auf Mats angesprochen?
JONAS: Immer. Selbst manche enge Familienmitglieder fragen nicht, wie es mir geht, sondern wie es Mats geht. Das wird auch immer bleiben. Man entwickelt Strategien, damit umzugehen, man sortiert diese Leute einfach aus dem nahen Umfeld aus. Das sind logischerweise Leute, denen ich nicht wichtig bin, aber dann sind die mir halt auch nicht wichtig.
Hört sich furchtbar an.
JONAS: Ach, ich kann das verstehen, mich interessiert das auch alles, was er macht. Ein bisschen mehr Empathie wäre nur manchmal gut.
Tut es einem leid, wenn man das hört?
MATS: Ich kann nachvollziehen, dass das echt nervt. Aber was soll ich machen? Es gibt Momente, die mir für uns beide leidtun: wenn Leute überhaupt kein Maß kennen, sie nicht akzeptieren, dass Jonas seit zwei Stunden alle paar Minuten Fotos von mir mit irgendwem macht und wir dann irgendwann mal Nein sagen. Da ist der Fan mit seinem kleinen Jungen natürlich enttäuscht und wird sauer.

Mats Hummels und Jonas Hummels

Mats Hummels: "Ich kann nachvollziehen, dass das echt nervt. Aber was soll ich machen?"


Bei Jonas scheint es oft, als gebe er sich Mühe, der Anti-Fußballer zu sein – du liest viel, legst keinen Wert auf Besitz, studierst Psychologie. Ist das deine Strategie, dich von Mats abzugrenzen?
JONAS: Wahrscheinlich. Aber ich hatte eigentlich nie das Gefühl, ich müsste mich emanzipieren. Ich liebe Fußball, aber ich mache einfach auch gern andere Dinge. Ich wollte nie ausschließlich Fußballer sein.
Wieso das?
JONAS: Mir war das immer zu plump. Wenn man auf dem Level spielt wie der Mats, ist das natürlich nicht plump, dann ist es sehr herausfordernd. Aber in der 3. Liga ist es einfach Fußball. Ich hab auch nie gesagt, dass ich Fußballer bin, wenn ich jemanden kennengelernt habe. Ich fand das keinen erstrebenswerten Beruf, ich war immer Student oder was auch immer. Wenn die Jungs bei Unterhaching zwischen zwei Trainingseinheiten essen gegangen sind, hab ich gelernt, aus Prinzip.
Klingt, als wärst du ein nerviger kleiner Bruder.
MATS: Na ja ... Wenn er mir Goethes „Faust“ gibt und sagt, ich muss das jetzt lesen ...
JONAS: ... das hab ich gemacht, damit du auch nicht nur Fußballer bist. Damit wir auch über andere Sachen reden können als die Taktik vom FCB im letzten Spiel gegen Gladbach.
MATS: Und dann sollen wir ausgerechnet über den „Faust“ reden?!
JONAS: Ja, na ja. Das war vielleicht ein bisschen übertrieben. Hast du es überhaupt ganz gelesen?
MATS: Bis auf die letzten drei Seiten. Jede Seite ein paarmal, weil, mal ehrlich: Das versteht doch kein Mensch!
JONAS: So geht’s mir jeden Tag mit meinem Studium.
MATS: Ja ja, der schlaue Herr Psychologiestudent.

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